• Mosaik in der Hauskapelle des Innsbrucker Jesuitenkollegs.
  • Ignatius auf dem Krankenlager, Bild von Albert Chevallier-Tayler in der Herz-Jesu-Kirche in Wimbledon, England. © Jesuit Institute
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Ignatiusfest: "Nimm hin, Herr ..."

Wie man das Hingabegebet des Ignatius beten kann

„Nimm hin, Herr, und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und Besitzen. Du hast es mir gegeben; dir, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist dein, verfüge nach deinem ganzen Willen. Gib mir deine Liebe und Gnade, denn diese genügen mir.“ (Exerzitienbuch, Nr. 234)

Dieses Gebet steht am Ende des Exerzitienbuches des Ignatius von Loyola, es ist Teil der Betrachtung zur Erlangung der Liebe – und viele von Ihnen kennen es.

Ich muss zugeben, dass mir dieses Gebet schwer über die Lippen ging. Es zu beten kam mir vor wie einen Blankoscheck zu unterschreiben, ohne zu erahnen, welche Summe Gott in die Zeilen einsetzen würde. „Und wenn Gott etwas hineinschreibt, das mir komplett gegen den Strich geht?“, dachte ich. Schaurige Szenarien malte ich mir aus, Schweiß trat auf meine Stirn.

Eines Tages kam ich auf eine Idee, wie ich dieses Gebet beten kann, ohne mich zu überfordern. Auslöser war das Mosaik in unserer Hauskapelle. Dort steht in goldenen Lettern ein Auszug dieses Gebets in lateinischer Sprache „SUME DOMINE ET SUSCIPE – OMNIA TUA SUNT“ und darüber sieht man den auferstandenen Jesus, links kniend den heiligen Ignatius, die Ordensregeln zu seinen Füßen, rechts den heiligen Thomas von Aquin, der Jesus – vielleicht nicht ohne Stolz – seine Summa Theologica präsentiert. Ich dachte: Die Summa Theologica ist das Werk seines Geistes, seines Verstandes, seines Gedächtnisses, seiner Willenskraft. Und es ist, als ob Thomas dieses Werk Jesus schenken will und sagt: „Nimm hin Herr und empfange, für dich.“ Und mir fiel die Legende ein, in der es heißt, Jesus sei dem Thomas von Aquin erschienen und habe gesagt: „Du hast gut von mir geschrieben, Thomas, welche Belohnung begehrst du von mir?” Worauf der Heilige geantwortet haben soll: „Keine andere, als dich, o Herr!”

So kam mir eine Idee, wie ich das Hingabegebet beten kann. Ich setze mich vor dieses Mosaik in unserer Hauskapelle und warte, was sich anbietet, was in meinem Kopf ist, in meinem Gedächtnis, in meinem Verstand, in meinem Willen:

     

  • Manchmal ist es Freude über die Früchte meiner Arbeit: eine gelungene Vorlesung, wo der Funke übersprang, wo die Studierenden über ein Beispiel gelacht haben; ein inspirativer Vorschlag für unser Kommunitätsleben, eine Idee für eine Predigt. Und ich biete es in meiner Vorstellung dem Herrn an und sage: „Nimm, Herr, und empfange!“
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  • Manchmal sind es Ängste, die mich plagen, eine Krankheit, eine Not, und wieder halte ich sie dem Herrn hin und sage: „Nimm hin, Herr, und empfange!“
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  • Manchmal sind es Wünsche und Sehnsüchte, die aufsteigen: realistische und unrealistische. Ich zeige sie dem Herrn, und manchmal lachen wir darüber. „Nimm hin, Herr, nimm sie in deine Hand!“
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  • Manchmal sind es Menschen, die mir lieb und teuer waren, und die gestorben sind. Ich spüre die Trauer, und in meiner Vorstellung versuche ich diese Menschen vor den Herrn zu bringen, ich versuche, sie ihm zu übergeben und zu sagen: „Nimm sie hin, Herr, und empfange sie! Ich hoffe, sie sind bei dir gut aufgehoben.“
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  • Manchmal drängen sich Leute ins Gebet herein, die mir im Nacken sitzen: Mitbrüder, die mir auf den Nerv gehen, oder Menschen, für die ich nichts als Verachtung aufbringen kann. Fluchpsalmen fallen mir ein. Man mag entsetzt sein über die brutalen Verse einiger Psalmen: „O Gott, zerbrich ihnen die Zähne… sie sollen vergehen wie die Schnecke, die sich auflöst im Schleim“ (58). Mir kommt aber vor, solche Psalmen drücken treffend manchen emotionalen Zustand von mir aus, wenn ich jemanden am liebsten zur Schnecke machen oder ihm den Kragen umdrehen möchte. Und so lehren mich auch diese Psalmen, das Hingabegebet zu beten: diese Gefühle in mir wahrzunehmen, sie dem Herrn hinzuhalten und zu sagen: „Schau, das bin auch ich. Nimm hin und empfange!"
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Während ich so bete, kommt mir eine Legende über den jungen Hieronymus in den Sinn, als er noch in der Wüste von Chalcis als Eremit leben wollte und in ziemliche Schwierigkeiten geriet. Am Tiefpunkt angekommen, soll ihm der Gekreuzigte erschienen sein. Hieronymus fiel sofort auf die Knie und schlug sich mit einer gewaltigen Geste an die Brust. Jesus lächelte ihn vom Kreuz aus gütig an und fragte ihn: „Hieronymus, was schenkst Du mir?“ Hieronymus war überglücklich, und wie aus der Pistole geschossen kam seine Antwort: „Alles Herr, vor allem die Einsamkeit in der Wüste, die mir so hart zusetzt.“ Der Herr dankte ihm freundlich und fragte nochmals: „Und was hast du mir noch anzubieten, Hieronymus?“ Ohne sich erst besinnen zu müssen, antwortete er: „Mein Fasten, meinen Hunger und Durst“, und er fügte hinzu, dass er vor Sonnenuntergang nichts zu sich nähme. Der Gekreuzigte drückte wiederum seinen Dank und sein Mitgefühl aus, er hatte ja selbst einige Erfahrungen mit dem Fasten in der Wüste. Doch er fragte weiter: „Was gibst Du mir noch?“ Hieronymus bleib die Antwort niemals schuldig, zuweilen wurde er sogar ein wenig redselig: seine Nachtwachen, das Psalmengebet, die Schriftlesung. Jedesmal dankte der Gekreuzigte mit einem Lächeln, hörte aber nicht auf, seine Bitte zu wiederholen. Hieronymus brachte es fertig, immer neue Antworten zu finden: „den Zölibat, den ich, so gut ich kann lebe; den Mangel an Bequemlichkeit an diesem öden Ort, die Hitze des Tages und die Kälte in der Nacht.“ Doch schließlich kam er ans Ende seiner Weisheit und streckte die Waffen, aufs äußerste frustriert, weil der Herr immer noch nicht zufrieden schien mit einer solch eindrucksvollen Liste heroischer Opfer. Dann wurde es sehr still in der Klause und in der ganzen Wüste von Chalcis, als Jesus voll Liebe auf Hieronymus schaute und sagte: „Eines hast Du vergessen, Hieronymus. Gib mir Deine Sünden, damit ich sie vergebe!“

„Nimm hin, Herr, und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und Besitzen. Du hast es mir gegeben; dir, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist dein, verfüge nach deinem ganzen Willen. Gib mir deine Liebe und Gnade, denn diese genügen mir.“

Bruno Niederbacher SJ

Autor:

Pater Niederbacher aus Uttenheim in Südtirol unterrichtet Philosophische Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. Darüber hinaus bringt er seine Kreativität und sein musikalisches Talent als Priester bei Taufen, Hochzeiten und vielen anderen Anlässen ein.

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