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Indifferenz – Gift und Gegengift

Wer sich mit der ignatianischen Spiritualität beschäftigt, begegnet schnell dem Begriff der Indifferenz. Falsch verstanden wird sie zum Gift, richtig verstanden kann sie entgiften und einen Raum von Freiheit eröffnen. Wo der schmale Grat zwischen Gleichgültigkeit und Gleichmütigkeit verläuft, erklärt P. Dominik Terstriep SJ.

Von P. Dominik Terstriep SJ

„Was weiß ich?“ – Die skeptische Frage des Philosophen Michel de Montaigne (1533–1592) markiert eine Haltung, die heute wieder vertraut wirkt. In einer Welt der Überfülle an Informationen, Meinungen und Wahrheitsansprüchen erscheint Indifferenz oft als Rückzug: als Gleichgültigkeit, die alles nebeneinanderstehen lässt und nichts mehr wirklich berührt. Diese Form ist tatsächlich ein Gift. Sie nivelliert Unterschiede, entzieht Verantwortung und verwandelt Engagement in ein müdes Schulterzucken. Wo alles gleich gilt, gilt am Ende nichts mehr.

Doch damit ist das Phänomen nicht erschöpfend beschrieben. Indifferenz besitzt eine zweite, tiefere Dimension: als Gleichmütigkeit. Sie kann – recht verstanden – eine anspruchsvolle geistliche Haltung sein. Nicht das Absterben der Anteilnahme, sondern die Freiheit von vorschnellen Urteilen steht hier im Zentrum. Indifferenz meint dann die Fähigkeit, innezuhalten, nicht sofort zu bewerten, sich nicht von Angst, Zynismus oder Ideologie treiben zu lassen. Sie ist eine „schwebende Mitte“, die offenhält, statt voreilig festzulegen.

Das Offene aushalten lernen

Gerade darin liegt ihr entgiftendes Potenzial. In einer polarisierten Gesellschaft wie auch in der Kirche kann Indifferenz Räume öffnen: für das andere, für den anderen, für das, was sich erst im Hören und im gemeinsamen Ringen zeigt. Synodale Prozesse leben von einer solchen Haltung. Wer immer schon weiß, was gilt, wer sich nicht mehr überraschen lassen will, wird nicht mehr wirklich zuhören. Wer aber urteilsfähig sein will, muss zunächst gleichmütig werden und auf vorschnelle Urteile verzichten. Diese Form der Indifferenz ist alles andere als bequem. Sie verlangt Disziplin: die Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten, Unsicherheit zu ertragen und sich nicht in einfache Antworten zu flüchten. Sie schützt vor der Vergiftung durch Angst – weil sie nicht jede Bedrohung sofort absolut setzt. Und sie bewahrt vor Zynismus – weil sie die Wirklichkeit nicht vorschnell abschreibt.

Indifferenz ist daher doppeldeutig. Als Gleichgültigkeit zerstört sie Beziehungen und Engagement. Als Gleichmütigkeit ermöglicht sie Freiheit und echte Begegnung. Vielleicht besteht die Herausforderung unserer Zeit nicht darin, Indifferenz zu überwinden, sondern zu unterscheiden: zwischen der kalten Gleichgültigkeit, die abstumpft, und der wachen Offenheit, die empfänglich macht. Entgiftung beginnt dann nicht mit mehr Eindeutigkeit, sondern mit der Fähigkeit, das Offene auszuhalten.

Zur Person:

Dominik Terstriep SJ

Pater Dominik Terstriep SJ, Dr. theol., M. A. (Ideengeschichte), wurde 1998 für die Diözese Münster zum Priester geweiht und ist 2003 in den Jesuitenorden eingetreten. Er war Hochschulseelsorger in München und in Stockholm. Seit 2012 ist er Pfarrer der St. Eugenia-Gemeinde in Stockholm und Dozent für Dogmatische Theologie am Newman-Institut in Uppsala.

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