Nicht selten erleben Kinder mit Behinderung erst durch die JBA zum ersten Mal, was Inklusion heißt
Isaac (links) bei der Arbeit im Garten
Für die Jesuiten in Minia ist ihre Arbeit mehr als konkrete Hilfe: ein Dienst an der Würde des Menschen
Mina nahm einen Kleinkredit auf, um ein kleines Taxi-Unternehmen gründen zu können
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Bilder: jesuitenweltweit
Inklusion beginnt jetzt: Die Arbeit der Jesuiten in Ägypten
Inklusion, Teilhabe, Würde? Für Menschen mit Behinderung und ihre Familien in Ägypten war das oft – im wahrsten Sinne des Wortes – undenkbar: Dass eine Behinderung kein unabänderliches Schicksal ist, sondern eine Aufgabe, der man begegnen kann, mussten die Betroffenen selbst erst begreifen. Die Organisation „Jesuit and Brothers Association for Development“ (JBA) unterstützt Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen, sich dieser Aufgabe zu stellen. Deswegen widmet das Hilfswerk jesuitenweltweit der JBA sein diesjähriges Weihnachts-Spendenprojekt – damit Menschen mit Behinderung in Ägypten die Chance auf einen Platz mitten im Leben haben.
In Ägypten leben rund 12 Millionen Menschen mit Behinderung – fast jeder Zehnte im Land ist betroffen. „Doch nur ein Prozent von ihnen erfährt staatliche Unterstützung“, berichtet Osama Issac, Direktor der „Jesuit and Brothers Association for Development“ (JBA) mit Sitz in Minia, rund 250 Kilometer südlich von Kairo. Im Alltag von Menschen mit Behinderung heißt das konkret: keine barrierefreie Infrastruktur, keine zuverlässige medizinische Versorgung, keine entsprechenden Bildungsmöglichkeiten. Besonders auf dem Land ist die Lage prekär. Oft fehlen Rollstühle, Prothesen oder Medikamente – und vor allem fehlt es an Verständnis.
Dank der Arbeit der JBA kann Abdulrahman heute selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen
Diese Situation kennt Abdulrahman nur zu gut. Als Kind erkrankte er an Polio. „Ich konnte nicht zur Schule gehen und nicht spielen“, erinnert er sich. Durch das Engagement von JBA-Mitarbeitern bekam Abdulrahman ärztliche Versorgung. Er konnte lesen und schreiben lernen – und, am wichtigsten: nähen. Nach einer Ausbildung zum Schneider betreibt er heute eine kleine Werkstatt und näht Kleidung für seine Nachbarn. „Ich arbeite hart, um in Würde zu leben und für meine Kinder zu sorgen.“
Ein Leben in Würde: Das ist das Ziel der JBA, wie Osama Issac sagt. „Unsere Arbeit steht im Dienst der Ärmsten, getragen vom Geist des Jesuitenordens.“ Zwischen Juni 2023 und Mai 2025 betreute die Organisation über 3.500 Menschen mit Behinderung in Minia und den umliegenden Dörfern.
Für das Recht auf Bildung
Die JBA schult Lehrkräfte, damit sie besser auf die Bedürfnisse von Kindern mit Behinderung eingehen können
Einer der Grundpfeiler der Organisation ist die Bildungsarbeit: Die JBA ermöglicht Kindern mit Behinderung Schulbildung und gibt den Familien Zuschüsse für Schulmaterial, Kleidung, Transport und Medikamente. Auch für Kinder mit geistiger Behinderung hat die JBA spezielle Förderprogramme entwickelt. So wurden in den letzten beiden Jahren 500 betroffene Kinder regelmäßig betreut, um ihre Sprache, Motorik und Selbstständigkeit zu fördern.
Dafür bildete die JBA selbst Freiwillige aus den Dörfern aus, die mit den Familien zusammenarbeiten. Denn die Gemeinschaften einzubinden, ist eine der Leitlinien der Organisation. Nur wenn Menschen mit Behinderung in ihrem sozialen Umfeld akzeptiert werden, können sie ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft führen.
Gemeinsam Mentalität verändern
Bei diesem Einstellungswandel helfen konkrete Projekte. Wenn die JBA zum Beispiel eine Familie beim Umbau ihres Hauses unterstützt, damit sich ihr behindertes Kind barrierefrei darin bewegen kann, packen Jugendliche aus der Dorfgemeinschaft mit an. So wird nicht nur am Haus, sondern auch an der Mentalität gearbeitet. „Wo Behinderte aus Scham früher oft weggesperrt und versteckt wurden, öffnen Familien ihre Türen und Jugendliche engagieren sich als Freiwillige“, sagt Missionsprokurator P. Christian Braunigger SJ. Er ist Leiter des Hilfswerks jesuitenweltweit, das die Arbeit der JBA durch Spenden unterstützt.
Für einen Zugang zu Bildung: Die JBA vermittelt Kinder mit Behinderung an Schulen
Solche Geschichten zeigen: In der Arbeit der Jesuiten in Minia geht es um mehr als Hilfe. Sie verstehen ihre Aufgabe als Dienst an der Würde des Menschen. Oder wie es JBA-Direktor Osama Issac ausdrückt: „Wir setzen uns für den Menschen ein – ohne jede Diskriminierung, auf der Grundlage von Gerechtigkeit, Freiheit und gegenseitigem Respekt.“
Ihre Mithilfe zählt
„Die Arbeit hört nicht auf, solange Ausgrenzung und Armut das Leben bestimmen“, sagt P. Christian Braunigger SJ. Bis Inklusion, Teilhabe und Würde für Menschen mit Behinderung in Ägypten kein Privileg, sondern selbstverständlich sind, ist noch viel zu tun. Deswegen bittet Pater Braunigger im Namen von jesuitenweltweit um Ihre Unterstützung durch Spenden.
Die vier Universalen Apostolischen Präferenzen (UAPs) bilden weltweit die Schwerpunkte für das Leben und die Arbeit der Jesuiten bis 2029:
1. Ein Weg zu Gott: Durch Unterscheidung und Geistliche Übungen Gott finden helfen. 2. An der Seite der Benachteiligten: Gemeinsam mit den Armen, den Verworfenen der Welt, den in ihrer Würde Verletzten auf dem Weg sein, gesandt zu Versöhnung und Gerechtigkeit. 3. Mit jungen Menschen: Jugendliche und junge Erwachsene bei der Gestaltung einer hoffnungsvollen Zukunft begleiten. 4. Für die Schöpfung: In der Sorge für das Gemeinsame Haus zusammenarbeiten.
Diese Schwerpunkte sind universal, sie gelten für den gesamten Orden weltweit, betreffen all unsere apostolischen Arbeiten und Werke. Die Herausforderung besteht darin, diese vier Präferenzen in jeder Sendung zu integrieren. Dies soll eine Transformation bewirken (in der Sprache der Kirche "Umkehr"): persönlich, gemeinschaftlich und institutionell.
Mithelfen
Schon der heilige Ignatius konnte in Rom nur deswegen Häuser für Wohnungslose, Prostituierte und Waisen errichten, weil er Mitarbeitende hatte und mit ihnen Organisationen und Netzwerke errichtete, um diesen Diensten Dauer und Bestand zu verleihen. Auch heute sind viele Hände notwendig, um auf die Nöte unserer komplizierten und zerbrechlichen Welt zu reagieren. Zusammenarbeit in der Sendung ist die Weise, wie wir Jesuiten dieser Situation entsprechen. "Die Zusammenarbeit mit anderen ist der einzige Weg, auf dem die Gesellschaft Jesu die Sendung erfüllen kann, die ihr anvertraut wurde. Diese Partnerschaft in der Sendung schließt jene mit ein, mit denen wir den christlichen Glauben teilen, jene, die anderen Religionen angehören, sowie Frauen und Männer guten Willens, die wie wir am Versöhnungswerk Christi mitarbeiten wollen." (36. Generalkongregation, Dekret 1)
SJ weltweit
"Die Welt ist unser Haus", lautet ein berühmter Satz von Hieronymus Nadal (1507-1580), einem der ersten Gefährten und engster Vertrauter des hl. Ignatius. Er bezog sich auf die universale Sendung der Gesellschaft Jesu, jenseits von Kirchen und Klostermauern und zu Menschen in allen Kontinenten und Kulturen. Heute kommen die mehr als 13.000 Jesuiten weltweit aus 112 Ländern und arbeiten in rund 60 Provinzen oder Regionen. Der Orden ist aufgerufen, geografische und kulturelle Grenzen zu überschreiten und dorthin zu gehen, wo er mit Christus zur Ehre Gottes arbeiten soll. "Die gesamte Welt wird zum Gegenstand unseres Interesses und unserer Sorge", erklärte 2008 die 35. Generalkongregation (D2, 23).