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Jörg Alt SJ: "CSU handelt widersprüchlich"

Nürnberg (KNA) - Mit einem Offenen Brief fordern prominente Einzelpersonen und Organisationen aus dem Bereich der Kirchen von der CSU-Führung eine christliche Politik. Anlass dafür ist unter anderem der Kreuzerlass für Behörden des Freistaats. Einer der drei Initiatoren ist der Nürnberger Jesuitenpater Jörg Alt. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht er über die Inhalte des Schreibens und über die Frage, wer überhaupt definieren kann, was christliche Politik konkret bedeutet.

KNA: Pater Alt, warum braucht es jetzt diesen Brief?

Alt: Die mit dem Kreuzdekret verbundenen unterschwelligen Botschaften wie etwa "Bayern ist ein christliches Land", "der Staatsregierung sind christliche Werte wichtig" oder "der bayerische Ministerpräsident handelt im Sinne und Interesse von Kirchen und Christentum" stehen im Widerspruch zur Rhetorik und realen bayerischen Politik der letzten Jahrzehnte. Das Kreuzdekret macht diesen Widerspruch in einer unerträglichen Weise sichtbar. Zugleich ist es unerhört, Bürger mit abweichenden Positionen als "Selbstverleugner" und "Religionsfeinde" abzukanzeln, wie es CSU-Generalsekretär Markus Blume getan hat.

KNA: Sie fordern unter anderem ein Nein zu Abschiebungen in Krisengebiete und einen entschiedeneren Kampf gegen Armut. Das ist alles nicht neu.

Alt: Natürlich ist das alles nicht neu. Eigentlich sollte alles, was wir schreiben, für christlich und sozial denkende Menschen selbstverständlich sein. Nur ist es dies eben nicht für die CSU-Leitung und die Staatsregierung.

KNA: Der Brief richtet sich nicht nur an die CSU-Spitze und Parteimitglieder, sondern auch an alle Wähler. Ist das nicht schon fast eine negative Wahlempfehlung?

Alt: Das wäre es, wenn wir den Brief nicht zunächst und zuerst an die CSU richten würden und nicht mit einem Appell an die CSU schließen würden. Allerdings sind wir von früheren Gesprächs- und Dialogrunden mit CSU-Vertretern auch dahingehend ernüchtert, dass wir bloßen Versprechungen und Hinhaltungen nicht mehr trauen wollen. Ich halte Ihrer Frage entgegen: Wenn die CSU unsere Forderungen alle erfüllt, würde sie sich ja geradezu als christlich-soziale Partei zur Wahl empfehlen.

KNA: Die Debatte um den Kreuzerlass zeigt, dass auch Christen geteilter Meinung zu dieser Idee von Ministerpräsident Markus Söder sind. Kann überhaupt jemand definieren, was christliche Politik ist?

Alt: Natürlich gibt es da viele Meinungen, wie das ja auch der Streit um die Alltagsrelevanz der Bergpredigt zeigt. Wir glauben nicht, die endgültige Antwort zu haben. Aber wir haben einen Vorschlag, und 100 Organisationen und Personen tragen und unterstützen diesen Vorschlag.

KNA: Erwarten Sie eine Antwort, und welche Antwort würden Sie sich wünschen?

Alt: Dass die CSU beziehungsweise die Staatsregierung eine christliche und soziale Politik verfolgt. Das hieße, dass diese sich verantwortungsvoll an den Realitäten einer zunehmend globalisierten Welt orientiert, diese Wirklichkeit den Wählern vermittelt, verkürzende Symbolpolitik ablehnt und christliche, am Evangelium orientierte Werte nicht nur im Parteiprogramm, sondern auch in konkreten tagespolitischen Entscheidungen zum Ausdruck bringt. So haben wir es nicht ohne Grund in unserem Offenen Brief geschrieben.

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