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Josefsjahr als Jahr der neuen Gerechtigkeit

Papst Franziskus hat überraschend ein Josefsjahr mit besonderen Ablässen ausgerufen. Er stellt den Ziehvater Jesu in den Mittelpunkt als ein besonderes Vorbild. Was Papst Franziskus mit diesem Jahr bewirken und welche thematischen Schwerpunkte er damit setzen möchte, hat Pater Ansgar Wucherpfennig SJ zusammengefasst. Seine Habilitation handelt von eben jenem Josef.

„Die Welt braucht Väter, Despoten aber lehnt sie ab, also diejenigen, die besitzergreifend sind, um ihre eigene Leere zu füllen“ so schreibt Papst Franziskus. Am 8. Dezember hat er ein Jahr des heiligen Josef ausgerufen, und sein neues apostolisches Schreiben „Mit väterlichen Herzen“ soll dieses Jahr begleiten. Typisch für Papst Franziskus ist, dass er auch in diesem Schreiben persönlich spricht. Er hat in die Tasten fließen lassen, wovon sein „Herz voll ist“. Auch wenn er oft „wir“ schreibt, schreibt er von seiner Verehrung für Josef von Nazareth, und davon, dass die Welt Vaterfiguren wie diesen Josef braucht.

Mit dem Josefsjahr empfiehlt der Papst die Welt und die Kirche der Fürsprache dieses Heiligen an. Katholischen Christinnen und Christen kann in diesem Jahr auch in den Sakramenten von Beichte und Kommunion Versöhnung zugesprochen werden, wie es ein römisches Dekret regelt. Papst Franziskus gibt diesem Jahr aber noch einen anderen Sinn. Dazu greift er die inzwischen zum Gemeinsprech gewordene „neue Normalität“ auf und gibt ihr einen anderen als den gewohnten Akzent: Das Josefsjahr kann „eine neue ‚Normalität‘ begründen, in der niemand ausgeschlossen ist“. Das ist seine Anregung für das kommende Josefsjahr: Es kann das Jahr einer neuen Gerechtigkeit werden, in der Politik aber nicht zuletzt auch in der katholischen Kirche. Dazu erinnert an viele, die in der Pandemie auf einmal auch öffentlich „eine bedeutende Seite unserer Geschichte schreiben“: „Krankenschwestern und Pfleger, Supermarktangestellte, Reinigungspersonal“ u. a. Und er denkt an die Arbeitslosigkeit, von der viele betroffen sind: Musikerinnen und Musiker, Künstlerinnen und Künstler und andere Kulturschaffende, viele Menschen in der Gastronomie-  und Tourismusbranche.

Spirituell bewegt sich der Papst in seinem Schreiben nahe an den Evangelien im Neuen Testament. Er schreibt klar, dass Jesus dort „der Sohn Josefs“ genannt wird, und verwendet erst später und auch nur einmal auf den 15 Seiten die altehrwürdigen, aber etwas angestaubten kirchlichen Bezeichnungen für Josef als „Bräutigam Marias“ und „Nährvater Jesu“.

Josef ist der erste Mensch, der im Neuen Testament, „gerecht“ genannt wird, und das noch vor seinem Sohn Jesus. Der Evangelist Matthäus erzählt, wie Josef dabei mit der Tora in Konflikt gerät, weil Maria seine ihm verlobte Frau öffentlich sichtbar ein Kind in ihrem Leib trägt, das nicht von ihm stammt. Er ist entschieden, sich heimlich von ihr zu trennen und sie damit nicht öffentlich bloßzustellen. Damit wäre er einem Weg gefolgt, der von der katholischen Kirche ziemlich breitgetreten ist: nämlich öffentlich die Regeln des Gesetzes zu proklamieren, aber im Stillen – „in camera caritatis“ – Barmherzigkeit zu gewähren. Matthäus erzählt aber, wie Josef durch einen Lernprozess geht, indem er sich auf seine Träume verlässt und auf den Boten Gottes, der da zu ihm spricht. Er nimmt Maria öffentlich als seine Frau an, und wird so der Vater des fremden Kindes, mit dem sie schwanger geht. Josef entscheidet sich dazu, dass schlichte Gesetzestreue der falsche Weg ist. Es gibt ein dem Buchstaben übergeordnetes Prinzip der Gerechtigkeit, das das Gemeinwohl im Blick hat. Die biblische Weisheit kennt diese Gerechtigkeit, und stellt sie dem Verhalten der Übeltäter gegenüber, welche sich mit ihrem Verhalten aber oft genug auf das erlassene Gesetz berufen: „Der Gerechte freut sich, wenn Recht geschieht, doch den Übeltäter“ – wie etwa den Despoten Herodes – „versetzt das in Schrecken“ (Spr 21,15); „der Gerechte hat Verständnis für den Rechtsstreit der Armen“ (Spr 29,7). Josef lernt, dass Gerechtigkeit mehr bedeutet, als geschriebenen Gesetzen zu folgen.

Papst Franziskus nennt Josef deshalb einen Vater im Gehorsam, und begründet: „Heute stellt sich Josef dieser Welt, in der die psychische, verbale und physische Gewalt gegenüber der Frau offenkundig ist, als Gestalt eines respektvollen und feinfühligen Mannes dar, der obwohl er nicht im Besitz aller Informationen ist, sich zugunsten des guten Rufs, der Würde und des Lebens Marias entscheidet.“

Der Anfang des Neuen Testaments erzählt so von Josef von Nazaret, wie der Papst ihn beschreibt, nicht besitzergreifend, sondern raumgebend: Raum für die Liebe, für die Gerechtigkeit, Raum zum Leben. Es wird spannend sein, wohin Gott Kirche und Gesellschaft auf die Fürsprache dieses Heiligen im kommenden Jahr führen wird.  

Autor:

Ansgar Wucherpfennig SJ
Pater Ansgar Wucherpfennig SJ ist 1965 in Hannover geboren und 1991 in den Jesuitenorden eingetreten. Seit 2008 ist er Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main. Von 2014 bis 2020 war er auch der Rektor der Hochschule.

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