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LED-Lichter im Advent

Unter dem Motto "Gott in allen Dingen finden" schreibt P. Georg Maria Roers SJ jeden Adventssonntag inspiriert von seinem Alltag einen spirituellen Impuls, um abseits des vorweihnachtlichen Trubels einmal kurz innezuhalten. Am 2. Advent geht es um sehr viel Licht:

Die Christuslegenden von Selma Lagerlöf enthalten die rührende Geschichte von der Lichtflamme. Vom Sohn eines Waffenschmieds mit dem schönen Namen Raniero di Ranieri werden allerlei Abenteuer erzählt, bis er sich auf die Reise nach Jerusalem machte. Er galt als einer der stärksten und tapfersten Männer in Florenz, allerdings auch sehr streitlustig. Er wurde Söldner, dann Anführer einer Freischar und diente schließlich vielen hohen Herren, so dass er vom Kaiser zum Ritter geschlagen wurde. Das zweite Kapitel der Geschichte führt den tapferen Ritter nach Jerusalem und im dritten tritt er den Rückweg an. Allerdings auf eine besondere Weise. Nach der Eroberung bzw. Befreiung des Heiligen Grabes unter der Führung von Gottfried von Bouillon, durfte Ritter Raniero als Erster eine Kerze am Grab Christi anzünden. Darüber macht sich später im Lager der Ritter bei einem Saufgelage lustig und fordert nebenbei Raniero heraus. Das kostbarste Gut, das er ja errungen habe, sei doch offensichtlich jene Lichtflamme, die er angesichts des ganzen Heeres in der heiligen Grabeskirche entzünden durfte. Niemals würde es ihm wohl gelingen diese Flamme brennend zurück nach Florenz zu bringen. Genau das aber wollte Raniero nun tun, denn er war ein ausgesprochener Trotzkopf. Am nächsten Tag brach er auf. Bald fiel er jedoch unter die Räuber, später geriet er in einen Schneesturm und vieles mehr. Die Pilger aber, die ihn mit der brennenden Kerze sahen, riefen nur: „Ein Wahnsinniger, ein Wahnsinniger!“ Dabei wurde aus Raniero mehr und mehr ein wahrer Apostel, ein Träger von Milde und Menschenliebe, der zur Osterzeit schließlich in Florenz eintraf.

Die Lichterkette auf unserem Bild kann nicht so leicht ausgehen. Solange Strom zur Verfügung steht, werden die Leuchtdioden ewig brennen. Wir können sie sogar in Händen halten. Eigentlich ist es heutzutage schlechterdings nicht vorstellbar, dass zumindest in Großstätten das Licht ausfällt – auch nicht in Florenz.

In der Adventszeit bereiten wir uns auf das Fest der Liebe vor. Dem Dunkeln stellen wir das Licht der Kerzen entgegen, leider auch die lästige Weihnachtsmusik in den Kaufhäusern oder die grellen Lichterketten in den Fußgängerzonen. Wir hoffen auf ein bisschen mehr Liebe unter den Menschen. Im Englischen wird das Wort Liebe nicht einmal mehr ausgeschrieben: Lyou! So geht die Liebeserklärung per SMS. Ganz kurz. Dabei lautet das Sprichwort: „Was lange währt, wird endlich gut.“

Die Werbung nutzt die Sehnsucht nach romantischen Gefühlen aus: Kerzen im Bad, umnebelt vom entsprechenden Duft und Sound – mit diesem Motiv kann für fast alles geworben werden. Zum Beispiel für eine Reise auf die Nord- oder Ostseeinseln. Es sind sehr beliebte Reiseziele der Deutschen in der Nachsaison. Hier können unsere überreizten Sinneswahrnehmungen eine Auszeit nehmen. Auch sie haben ein Recht auf Entspannung. Das Meeresrauschen gibt einen natürlichen Rhythmus vor. Das Flimmern der städtischen Lichtquellen und Leuchtreklamen lassen wir hinter uns. Es hat uns fast blind gemacht für die Schönheiten der Natur. Statt an die See lässt es sich auch an andere Orte fliehen. Dorthin, wo man noch träumen und die Sterne zählen kann.

Die Weisen aus dem Morgenland hätten übrigens heutzutage dem Stern nie folgen können, der sie nach Bethlehem zur Geburtsstätte Jesu geführt hat. Warum nicht? Die Lichtsünden nicht nur in unserem Land nehmen stetig zu, und zwar um circa sechs Prozent pro Jahr! Unsere Städte sind heute zehnmal heller als vor hundertfünfzig Jahren. Doch Lichtsmog kann man verhindern. Augsburg ist Vorreiter mit gelben Natriumdampflampen. Das Licht der Straßenlaternen wird jeden Abend stufenweise gedimmt. Im Laufe der Nacht geht der Stromverbrauch um 40 Prozent herunter. Die neuen LED-Lampen haben eine Lebensdauer von zehn Jahren und spenden warmes, weißes Licht. Gerade hat auch der Feldkirchner Gemeinderat beschlossen, die Straßenbeleuchtung im Gemeindegebiet auf stromsparende LED-Lampen umzurüsten.

Wir Menschen denken die Dinge oft nicht zu Ende. Freilich ist es ein Fortschritt, wenn wir die Nacht zum Tag machen. Aber sollten wir das nicht auf unsere eigenen vier Wände beschränken? Die Stadt und das Dorf sind öffentlicher Raum, viele Menschen möchten das Dunkel der Nacht noch erleben, damit sie sich regenerieren können. Auch die Insekten müssen sich wieder regenerieren. Bei ihnen geht es sogar um Leben und Tod, wenn Straßenlampen sie anziehen wie ein Staubsauger Dreck. Wir denken nicht darüber nach, dass Insektenschwärme Straßenlaternen mit dem Mond verwechseln und zu Billionen sterben, u.a. Nachtfalter, die wir doch untertags so sehr bewundern. Es wird weder eine Welt ohne Insekten für uns Menschen geben, noch eine Welt ohne Sterne.

Da macht es doch Sinn, wenn die Kinder am Sankt Martinstag singen: „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne.“ Freuen wir uns auf die Geburt des Herrn.

Autor:

Georg Maria Roers SJ

Pater Georg Maria Roers SJ (51) ist Beauftragter für die Bereiche Kunst und Kultur im Erzbistum Berlin. Aufgewachsen ist er am Niederrhein. Sein Lehrer auf dem katholischen Internat Gaesdonck war der Künstler und Kunstsammler Franz Joseph van der Grinten, ein Freund von Joseph Beuys. Ein anderer Lehrer begeisterte ihn im Leistungskurs Theologie für Ignatius von Loyola, den Begründer des Jesuitenordens. „Sich aus der Welt zurückziehen, in einen Dialog mit Gott treten, das Leben Jesu nehmen und das eigene Leben danebenlegen“, das habe ihn fasziniert. Nach dem Abitur tritt er in den Orden ein und studiert Theologie, Philosophie, Kunstwissenschaft. Seine Abschlussarbeit schreibt er über die „Ästhetik des Heiligen“. Bevor er 2013 nach Berlin kam, arbeitete er zehn Jahre als Künstlerseelsorger in München.

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SJ-Generalskurie