Bei manchen ist es die kirchliche Hochzeit, wegen der sie wieder in die Kirche eintreten. Anderen fehlt ohne Kirche doch etwas im Leben. Und bei einigen ist es das Bedürfnis nach Sicherheit in einer Sinnkrise. Gründe, warum sich Menschen wieder für die katholische Kirche entscheiden, gibt es viele. P. Bernhard Heindl SJ sucht das Gespräch mit ihnen – ergebnisoffen und ehrlich, auf beiden Seiten. Im Interview gibt er Einblicke, warum Ausgetretene wieder in die Kirche eintreten, was sie vermisst haben und ob die vielen Krisen in der Welt die Menschen wieder religiöser machen.
Pater Heindl, von meinem Onkel kenne ich den etwas despektierlichen Spruch: „In der Not werden sie alle wieder katholisch.“ Haben Sie besonders großen Zulauf gerade jetzt, in einer Zeit weltweiter Krisen?
Seltsamerweise nicht, eigentlich sind das Zeiten, in denen Menschen wieder mehr Halt suchen. Es gibt schon Menschen, die wieder in die Kirche eintreten wollen, weil sie Gewissheiten schwinden sehen, überall Auflösungstendenzen beobachten und eine verbindende Wertegemeinschaft suchen, doch eigentlich müssten das mehr sein. Und wissen Sie, was mich auch wundert?
Was?
Dass die Päpste keine Rolle mehr spielen. Ich hatte diese Aufgabe schon vor Jahren einmal in Berlin: Damals erklärten zwei Drittel ihren Wunsch nach Wiedereintritt mit Johannes Paul, weil er so vorbildlich gelebt habe, oder mit Benedikt, weil er so gescheit sei. Aber der Papst ist derzeit kein Argument.
Was sind dann die Motive, warum Menschen wieder in die Kirche eintreten wollen?
Es gibt die ganz funktionalen Gründe. Gerade bei jüngeren Menschen sind das oft kirchliche Anlässe wie Hochzeiten, die Übernahme einer Patenschaft, manchmal auch die bessere Kita fürs Kind. Ich werte das nicht ab, denn aus solchen Anlässen ergeben sich oft gute Gespräche darüber, was den Menschen im Leben und im Miteinander wichtig ist und welche Rolle Kirche dabei spielt.
Wer kommt sonst noch zu Ihnen?
Die zweite große Gruppe sind Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind und diesen Schritt auch als stimmig ansahen, die aber im Laufe ihres Lebens merkten: Ohne Kirche habe ich es auch nicht besser hinbekommen mit meiner Spiritualität und religiösen Praxis. Das sind Menschen mit einer ganz ehrlichen Sehnsucht, die erkennen, dass sie etwas vermissen im Leben.
Was ist das?
Fast alle sagen, dass sie den Glauben nicht verloren haben, aber die Institution Kirche für unglaubwürdig oder irrelevant hielten. Jetzt aber sind sie an einem Punkt angekommen, an dem sie ihrem Glauben wieder eine Form und eine Gemeinschaft geben wollen. Es ist ja so, dass Glaube nicht nur da ist oder nicht, sondern dass er schon auch Disziplin, Konsequenz und Rituale braucht. Das fällt einfacher, wenn man das religiöse Leben mit anderen teilt. Zwar gehen auch nicht wenige Ausgetretene weiter in die Kirche und nehmen Leistungen in Anspruch. Einige spüren aber irgendwann, dass sich das falsch anfühlt, und wollen das korrigieren.
Mal ganz ehrlich, denken Sie sich da nicht auch: Jaja, jetzt kommen sie wieder?
Naja, es ist schon so, dass die, die in der Kirche geblieben sind, das für die Ausgetretenen weiter- und mitgetragen haben. Aber ich würde das niemals thematisieren. Viele klopfen ohnehin erst einmal vorsichtig ab, wie ich reagiere. Ob das eine Art Verhör wird und sie quasi zu Kreuze kriechen müssen. Ich will ein offenes Gespräch führen und niemanden unter Rechtfertigungsdruck setzen. Für die meisten gab es triftige Gründe für den Austritt. Ich mache keinen Hehl daraus, dass auch ich mir Veränderung wünsche in unserer Kirche. Das öffnet das Gespräch, und viele Menschen erzählen mir dann ganz berührende Lebensgeschichten.
Was rührt sie daran?
Dass Menschen einen Weg gehen in ihrer Beziehung zu Gott. Dass sie denken, sie bräuchten Kirche nicht, sie könnten das allein. Dass viele lange nach Sinn suchen, nach Formen dafür, dass sie aber irgendwann erkennen: Das war es nicht, das ist nicht stimmig, mir fehlt trotzdem etwas. Und dass dann noch etwas – und auch jemand – da ist in ihrem Leben und sozusagen gewartet hat, das berührt mich.
Muss man den Kirchenaustritt eigentlich beichten?
„Beichten müssen“ halte ich für ein ganz falsches Verständnis dieses Sakraments. Die Beichte ist vielmehr ein Angebot und eine Chance, sein Leben in bestimmten Abständen ehrlich zu betrachten. Nach dem christlichen Glauben geht Gott einen unverbrüchlichen Bund mit uns ein, die Taufe ist nicht durch einen Austritt aufzulösen. Aber kirchenrechtlich fällt der Austritt unter „Abfall vom Glauben“ und ich muss bei jedem Wiedereintritt ein Formular ausfüllen, das den Titel „Rekonziliationsgesuch“ trägt. Eine Frau lachte neulich leicht süffisant und bemerkte: „Ach, so heißt das!“ Aber am Ende ist das eine Frage der Perspektive: Nicht nur die Kirche versöhnt sich wieder mit den Menschen, die wieder eintreten, sie versöhnen sich auch mit sich und ihrem Leben. Da kann Beichte hilfreich und sinnvoll sein. Ich versuche aber, den Ball flach zu halten. Mir ist es wichtig, dass jemand seinen Lebensweg gut darlegt und erklärt, warum der Schritt für ihn stimmig ist.
Ist an dem Spruch meines Onkels dann gar nichts dran, dass Menschen in existenziellen Krisen Religion suchen?
Doch, die gibt es schon auch: Menschen nach dem Tod von Angehörigen, bei Krankheit oder nach einer Trennung, denen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, und die sich in dieser Lebenskrise erinnern, was sie an Formen und Ritualen schon einmal hatten, und sich jetzt davon Hilfe versprechen.
Ob Lebenskrise oder Leere: Sind es eher emotionale Gründe, aus denen sich Menschen wieder der Religion zuwenden?
Meistens schon, aber manchmal ist es auch eine ganz rationale Entscheidung. Eines meiner intensivsten und schönsten Gespräche hatte ich mit einem Physiker, der lange den christlichen Glauben nicht mit der Naturwissenschaft übereinbringen konnte und deshalb ausgetreten war, der aber im Laufe seines Lebens merkte: Mit Gott hat die Welt doch mehr Stimmigkeit als ohne. Das war ein langer Prozess, an dessen Ende er sah, dass er als junger Mann in dieser Frage wohl zu einseitig war. Ich empfand das als einen Segensmoment.
Wie viele Menschen kommen eigentlich zu Ihnen mit dem Wunsch nach Wiedereintritt?
Zurzeit ungefähr zwei oder drei in der Woche. Man kann aber auch kommen und das Gespräch suchen, ohne dass der Entschluss schon feststeht. Man braucht keine Scheu zu haben und kann auch alle seine Zweifel und Kritik mitbringen. Mir ist es wichtig, dass die Menschen spüren, dass mich ihr Weg interessiert und wie es zu der Entfremdung kam.
Mehr erfahren: Wiedereintritt in die katholische Kirche
Interview: Gerd Henghuber