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Mehr als eine populäre Methode

Selbstoptimierungsmethoden sind gerade dieses Jahr sehr beliebt. Auch der Ignatianische Tagesrückblick könnte man in dieser Rubrik einsortieren, wäre da nicht ein bedeutender Unterschied. Was die Methode zu mehr als reine Selbstoptimierung macht, weiß Clemens Kascholke SJ.

Seit gut zehn Jahren pflege ich nun schon den ignatianischen Tagesrückblick. Er ist mir so selbstverständlich geworden, dass ich schon gar nicht mehr anders kann, als mit einem letzten Blick auf den Tag eben diesen zu beenden. Dabei begleitet mich ganz praktisch betend der Satz von Alberto Hurtado SJ: „Gott beginnt. Gott begleitet. Gott beendet.“

In dreifacher Demut und dreifacher Dankbarkeit erkenne ich an, dass dieser Tag, diese Welt, ja mein Leben nicht in meinen Händen liegen. Gott hat es einmal und jeden Tag neu begonnen. Gott hat es bereits über 30 Jahre begleitet und auch diesen Tag hat er mich gehalten. Gott wird einmal meinen Lebenstag beenden, so wie er auch diese ganze Welt, seine Schöpfung einmal vollenden wird.

Am Ende eines Jahres, vielleicht weil das Tageslicht kostbarer wird und die Dunkelheit der Welt mehr Raum einnimmt, verschiebt sich meist auch mein Blick auf Gott. Während ich im Frühling und Sommer dankbar das Leben dieses Gottes feiern kann, wird mein Blick im Herbst und Winter immer mehr durchkreuzt – und zwar von meinem Blick auf das Kreuz, das durch Allerseelen im November und die prophetischen Texte des Advent eine Schwere bekommt, die das Jahr über von Ostern von ihm genommen scheint.

Dieser durchkreuzte Blick ist mir im Laufe der letzten Jahre immer wichtiger geworden. Meine Dankbarkeit, die ich vor Gott bringe, weil ich so viel von ihm empfangen habe, ist eine durchkreuzte Dankbarkeit. Als Christ darf ich mich am Ende eines jeden Tages vor einen Gott stellen, der die Wirklichkeit dieser Welt mit Haut und Haar, Blut, Schweiß und Tränen erlebt und erliebt und erlitten hat. Dies nimmt den Druck von mir, dass meine Dankbarkeit immer ein wohliges Gefühl in mir hinterlassen muss, ja sich „gut“ anfühlen muss. Nein, neben der Dankbarkeit darf auch meine Undankbarkeit stehen … in der Hoffnung, dass Gottes Erbarmen auch damit noch irgendetwas (am nächsten Tag) anfangen kann. Ja, meine Dankbarkeit darf selbst von einem Schmerz und einer Verzweiflung über das Leid, das ich an diesem Tag erleben musste, umfangen sein … weil meine Hoffnung sich ganz um dieses Kreuz schlingt und an ihm festmacht.

In den letzten Jahren sind Methoden, die dem ignatianischen Tagesrückblick ähneln, populär geworden und kleiden sich mitunter in das Gewand einer App auf dem Smartphone. Ohne diese abwerten zu wollen, bleibt für mich doch ein wesentlicher Unterschied: die Rückkopplung an ein personales Gegenüber, an einen Gott, der lebt und liebt in Zeit und in Ewigkeit. Erst daraus kann ich einen Tag abschließen und gleichsam in Gottes Liebe hinein „sterben lassen“. Dies schafft für mich Freiheit für den neuen Tag. Manchmal steht ein Groll und eine Wut über eine Begegnung des zurückliegenden Tages mir vor Augen und liegt mir auf dem Herzen, sodass ich es kaum aushalte, am nächsten Tag diesem Menschen ggf. schon wieder zu begegnen. Doch meist erlebe ich am Morgen des neuen Tages eine kleine Auferstehung in mir, sodass der Groll und die Wut nicht mehr die Macht entfalten können, sondern ich einen Neuanfang wagen kann – zunächst mit mir und meinen Gefühlen und dann auch mit den Menschen, die mir an diesem Tag (wieder) begegnen werden.

Für mich kann ich sagen, dass die Praxis des ignatianischen Tagesrückblicks mich an das Geheimnis des christlichen Glaubens immer tiefer heranführt: im Tod ist das Leben … im endenden Tag beginnt bereits der neue Tag Gottes … der Blick zurück ist eben manchmal der beste Blick nach vorn.

Autor:

P. Clemens Kascholke SJ

P. Clemens Kascholke SJ, geboren 1988 in Meiningen, ist nach seinem Theologiestudium in Erfurt 2011 in die Gesellschaft Jesu eingetreten. Seine Zeit als Jesuit ist vor allem mit der Jugendarbeit verbunden. Nach seinem Noviziat arbeitete er zwei Jahre für die KSJ in Hamburg und nach seinem Lehramtsstudium mit den Fächer Deutsch und Religion hat er die Zukunftswerkstatt SJ in Frankfurt/Main geleitet. Momentan macht er sein Referendariat am Aloisiuskolleg in Bonn.

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