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Mein Leben als Mix-Tape

Im heutigen Adventskalender-Türchen sollen wir unseren Happy-Song teilen, um anderen Hoffnung zu schenken. Sebastian Maly SJ hat sich nun der Frage gestellt: was hat Musik vor allem in Krisenzeiten für eine Bedeutung?

Ob die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich ihre „Happy Songs“ mit uns geteilt hat? Zu ihrem Abschied als Bundeskanzlerin im Rahmen eines sog. „Großen Zapfenstreichs“ ließ sie Lieder von Hildegard Knef („Für mich soll´s rote Rosen regnen“), Nina Hagen („Du hast den Farbfilm vergessen“) und „Großer Gott, wir loben Dich“ erklingen. Bei allem Streit um Fragen des Musikgeschmacks, ließ sich in der Öffentlichkeit doch beobachten, dass die Musikauswahl der Kanzlerin respektiert wurde. Schließlich ging es um ihren persönlichen Abschied aus einem hohen Staatsamt. 

Mit welchen Klängen wir uns umgeben, ist in der Tat etwas sehr Persönliches. Bei der Auswahl der Stücke spielen dabei häufig Stimmungen oder Gefühle eine Rolle, die für die jeweilige Hörerin oder den Hörer mit der Musik verbunden sind. Diese Erfahrungen haben wohl viele Menschen gerade in den letzten anderthalb Jahren während der Corona-Pandemie gemacht. Das Max-Planck-Institut für Empirische Ästhetik in Frankfurt am Main hat während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 über 5000 Menschen aus drei Kontinenten zu ihrem Umgang mit Musik während der Krise befragt. Neben der Erkenntnis, dass für viele der Befragten aktuelle, auf die Corona-Krise bezogene Musik eine wichtige Rolle spielte, fanden die Forscherinnen und Forscher noch etwas anderes heraus. Der Umgang mit Musik unterschied sich, je nachdem, ob es den jeweils Befragten emotional eher schlecht oder eher gut ging. Menschen, denen eher Gefühle wie Einsamkeit, Angst oder Stress während des Lockdowns zusetzten, hörten Musik, um Trost zu finden oder sich aufzumuntern. Auf der anderen Seite berichteten Menschen, denen es im Lockdown überwiegend emotional gut ging, dass sie das (gemeinsame) Musizieren nutzten, um bei guter Laune zu bleiben, sich zu entspannen oder bedeutsame ästhetische oder spirituelle Erfahrungen zu machen. Diese Unterscheidung spiegelte für die Autorinnen und Autoren der Studie ein unterschiedliches Verhältnis wieder, das die Befragten gegenüber Musik einnahmen. Bei denjenigen, denen es in erster Linie um Trost und die Linderung negativer Gefühle ging, nahm die Musik quasi die Rolle eines handelnden Gegenübers ein, dem man sich zuwendet und über sein Leid spricht. Im Fall derjenigen, denen es besser ging und die gerne musizierten, war die Musik hingegen eher ein Mittel, sich selbst auszudrücken, Selbstwirksamkeit zu spüren und sich mit anderen zu verbinden.

Dass Musik in solcher Weise wirkt, ein tröstendes Gegenüber sein kann, ist keine völlig neue Erkenntnis – wenn sie auch bisher empirisch vielleicht nicht so gut erforscht war. 

Eine Legende zu einem der berühmtesten Werke der Klaviermusik, der sog. Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach, geht darauf zurück, dass der Graf von Keyserlingk, der mit der Familie Bach befreundet war, Bach gebeten haben soll, für seinen Cembalisten Goldberg ein paar Musikstücke zu komponieren, die den Grafen während seiner schlaflosen Nächte aufmuntern könnten. Auch wenn Bach die Goldberg-Variationen tatsächlich aus ganz anderen Gründen komponiert haben sollte, so hält sich die Legende hartnäckig – vermutlich, weil sie so überzeugend klingt: (Diese) Musik vermag zu trösten. Sie kommt zu uns wie ein guter Freund oder eine gute Freundin, die uns ohne viele Worte kennt und weiß, was wir brauchen.

Was würde angesichts dieser Erfahrungen nicht näher liegen, als ganz im Sinne des heutigen Adventskalenders meinen aktuellen „Happy Song“ mit jemandem zu teilen, der Trost braucht? Und es könnte eine schöne geistliche Übung sein, mir in den stillen Tagen zwischen den Jahren die Frage zu stellen: Wenn Gott ein Mix-Tape aufnehmen würde, auf dem mein Leben im vergangenen Jahr wiederklingt: Welche fünf Musikstücke würden auf jeden Fall darauf vorkommen? Und dann wenn möglich diese Stücke noch einmal hören oder selber musizieren und so auf das vergangene Jahr zurückschauen.

Autor:

Sebastian Maly SJ

Sebastian Maly SJ wurde 1976 in Frankfurt am Main geboren. Nach Studien der Philosophie und Theologie in München, Münster und Jerusalem und einem Doktorat in Philosophie arbeitete er bis 2013 als Referent im Cusanuswerk, dem Begabtenförderungswerk der Katholischen Kirche in Deutschland. 2013 trat er in das Noviziat der Jesuiten in Nürnberg ein. Nach den Gelübden leitete er für zwei Jahre die außerschulische Jugendarbeit am Aloisiuskolleg in Bonn-Bad Godesberg. 2017 wurde er dann als Schulseelsorger an das Canisius-Kolleg in Berlin gesandt. Er absolviert eine berufsbegleitende Ausbildung zum systemischen Therapeuten. Am 6. Oktober 2018 ist er in Frankfurt zum Priester geweiht worden.

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