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Michael Czerny SJ: "Ich weiß, was es heißt, Flüchtling zu sein"

Kardinal Michael Czerny SJ sieht die heutige Flüchtlingslage als zentrales Thema für alle Menschen an. "Es geht um die Zukunft unserer Gesellschaft, sowohl in den Herkunftsländern, als auch in den Regionen, wo die Menschen ankommen", sagte der aus dem tschechischen Brünn stammende Jesuit, der im Oktober zum Kardinal erhoben worden war, in einem Interview mit DOMRADIO.DE. Das Thema "betrifft uns alle irgendwie", auch wenn man "in stabilen Verhältnissen" lebe - ob als Flüchtlingshelfer oder Bedenkenträger.

DOMRADIO.DE: Das Thema Flucht und Migration liegt Ihnen auch persönlich sehr nahe, Sie sind als Kind mit Ihrer Familie aus der Tschechoslowakei nach Kanada geflohen. Welche Rolle spielt das für Sie in der Flüchtlingsarbeit?

Michael Kardinal Czerny SJ (Untersekretär in der Kurienbehörde für Entwicklung und Menschenrechte): Das ist wahr. Ich kenne die Erfahrung ein Migrant, ein Flüchtling, zu sein - gemeinsam mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder. Ich weiß, was es heißt als Fremder in einem Land aufzuwachsen, mit allem, was damit einhergeht. Auf der anderen Seite habe ich mir die Flüchtlingsarbeit nicht ausgesucht, ich wurde beauftragt und habe damit auch erst seit drei Jahren zu tun.

DOMRADIO.DE: Ausgesucht haben Sie sich aber das Brustkreuz, das sie als Kardinal tragen. Gefertigt aus dem Holz eines Flüchtlingsbootes. Wie kam es dazu?

Czerny: Ganz einfach weil Flucht in diesen Zeiten eines der ganz großen Themen ist, für mich, wie im Prinzip für jeden. Mein Brustkreuz soll eine Verbindung herstellen zwischen dem, was es bedeutet ein Bischof und Kardinal zu sein, und dem, was das Volk Gottes wirklich bewegt. Das Kreuz hat ein Künstler geschaffen, der viele religiöse Kunstwerke aus diesem Holz erstellt. Passenderweise ist der Name dieser Serie "Lampedusa", ich trage also ein Lampedusa-Kreuz.

DOMRADIO.DE: Ihr Wappen als Kardinal zeigt auch ein Flüchtlingsboot. Das ist relativ ungewöhnlich, oder?

Czerny: Ich muss gestehen, ich kenne nicht all zu viele andere Bischofswappen. Ich hielt das für eine gute Wahl, um meine Überzeugung auszudrücken, aber auch meine Hoffnung. In gewissem Sinne ist das Boot ja auch ein Symbol für uns als Kirche. Wir sind alle in Bewegung, auf der Suche nach einem besseren Leben.

DOMRADIO.DE: Flucht und Migration sind auch ein zentrales Anliegen im Pontifikat von Papst Franziskus. Seine erste Reise als Papst ging nach Lampedusa, er war im Flüchtlingslager auf Lesbos, auf dem Petersplatz gibt es ein neues Mahnmal für Flüchtlinge. Warum ist das für ihn, wie auch für die Kirche, so ein großes Thema?

DOMRADIO.DE: Die Frage kann ich umdrehen: Warum ist das so ein großes Thema im Leben der Menschen heute? Das betrifft uns alle irgendwie. Auch wenn wir in stabilen Verhältnissen leben, bewegt uns das Thema Migration. Manche von uns sind in der Flüchtlingshilfe aktiv, andere haben Ängste und Befürchtungen, aber für alle ist das ein zentrales Thema. Es geht um die Zukunft unserer Gesellschaft, sowohl in den Herkunftsländern, als auch in den Regionen, wo die Menschen ankommen. 

DOMRADIO.DE: Es gibt aber auch Kritik. Länder, die sich weigern große Zahlen von Flüchtlingen aufzunehmen, und das mit dem Schutz ihrer Souveränität, ihrer Grenzen, begründen. Selbst katholische Länder wie Ungarn oder Polen. Können Sie das nachvollziehen?

Czerny: Ja, ich verstehe das. Ich glaube mit Zeit und im Dialog wird sich das ändern, auch durch die vielen positiven Erfahrungen, die die Ankunft der Menschen aus fremden Ländern mit sich bringt. Ich denke mit der Zeit werden sich auch diese Staaten öffnen, und auch Dankbarkeit entwickeln, für die neuen Mitglieder ihrer Gesellschaft.

DOMRADIO.DE: Der Vatikan selbst arbeitet eng mit der Gemeinschaft Sant'Egidio zusammen, um Flüchtlinge in Rom zu versorgen. Trotzdem gibt es immer wieder die Kritik, dass der Vatikanstaat selbst keine Flüchtlinge aufnimmt, obwohl das immer wieder im Gespräch ist. Warum passiert das nicht?

Czerny: Das passiert ja, das ist ein falsches Bild in den Medien. Die Flüchtlinge werden allerdings nicht auf dem Staatsgebiet untergebracht. Es ist ein wenig als würde man fragen, warum im Hauptquartier der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR keine Flüchtlinge wohnen. Ich finde das ein wenig verwirrend. Wenn wir als Regierung Flüchtlinge unterstützen, heißt das ja nicht, dass wir gleichzeitig Sozialarbeiter sind. Das ist irgendwie absurd. Wir kümmern uns um Flüchtlinge, aber die leben in Privatwohnungen in Rom, nicht im Vatikan.

DOMRADIO.DE: Wie sieht denn die Zukunft der Flüchtlingsarbeit im Vatikan aus? Woran arbeiten Sie im Moment?

Czerny: Im Moment sprechen wir viel über das Thema interne Migration, also Menschen, die innerhalb ihres Heimatlandes vertrieben sind. Da sind die Zahlen noch größer als bei Flüchtlingen, die ihr Land verlassen. Für die Binnenflüchtlinge gibt es aber keinerlei internationale Schutzmechanismen.

DOMRADIO.DE: Wie kann die Kirche da helfen?

Czerny: Wir können diese Menschen pastoral begleiten, so wie wir das auch mit den Migranten tun. Wir müssen bei ihnen sein, mit ihnen die großen Herausforderungen bewältigen, die vor ihnen liegen. Wir müssen ihre Nöte lindern, soweit wir da helfen können - besonders ihre spirituellen und menschlichen Nöte.

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