Keine zwei Flugstunden von Deutschland entfernt, beginnt eine ganz andere Welt. Mit der Bigband des Berliner Canisius-Kollegs (CK) habe ich die Gelegenheit eine Woche im Kosovo zu verbringen und in eine ganze andere Welt einzutauchen. Das gemeinsame Musizieren soll uns Zugang zu dieser Welt voller Kontraste ermöglichen. Zu Gast sind wir am Loyola-Gymnasium der Jesuiten in Prizren. „Ihr seid nun in dem Land, das die Tagesschau für gewöhnlich als Westbalkan bezeichnet“, so P. Axel Bödefeld SJ, Direktor unserer Partnerschule, bei seiner Begrüßung. In einer ersten Runde zum Kosovo fallen Schlagworte wie Armut, Krieg, Unsicherheit. Völliger Kontrast dazu ist das Loyola-Gymnasium, das die zukünftige Elite des Landes ausbildet.
„Musik überwindet Grenzen“
„Die Schere zwischen Arm und Reich ist extrem. Das Gymnasium ist wie eine elitäre Blase und nur fünf Minuten mit dem Bus davon entfernt, ist eine komplett andere Welt“, fasst der Abiturient Cornelius Wilke seinen Eindruck von der Reise zusammen. In dieser anderen Welt, dem Tranzit-Viertel, gibt es seit ungefähr zwei Jahren einen weiteren Standort vom Loyola-Gymnasium. Unter der Anleitung von Moritz Kuhlmann SJ geben Schüler des Gymnasiums den Aschkali, einer muslimischen Minderheit der Roma im Kosovo, Unterricht. Zwischen vielen Rohbauten und staubigen Straßen ist ein Zentrum (Loyola-Tranzit) mit Kindergarten und Musikschule entstanden.
Gemeinsam mit den Menschen aus Tranzit und der Schulband des Gymnasiums proben wir während der Reise. In gemischten Instrumentengruppen zeigen wir ihnen Musikstücke aus unserem Repertoire und sie bringen uns bei, wie man albanische Lieder zum Klingen bringt. Menschen anderer Sprache komplizierte Musik beizubringen, sei eine faszinierende Erfahrung, erzählt Cornelius. Viele Tranzit’ler spielen auch erst seit ein paar Monaten ihr Instrument und haben noch nie etwas von Noten-Vorzeichen gehört.
In Ermangelung einer gemeinsamen Sprache, wird die Musik unsere Brücke der Begegnung mit den Aschkali. „Das gemeinsame Üben hat eine richtige Gemeinschaft geformt. Man war stolz über den gemeinsamen Erfolg“, berichtet Julius de Gruyter, der in der Bigband Saxophon spielt. Viel gelingt über gegenseitiges Vorspielen und Experimentieren auf zum Teil fremden Instrumenten. Am Ende reicht es für vier Openair-Konzerte. Das wohl eindrücklichste spielen wir im Tranzit-Viertel zwischen Hühnern und Enten als Auftakt zum muslimischen Fastenbrechen mit 700 Cevapcici, traditioneller Musik und Tanz.
Viele Schülerinnen und Schüler sind beeindruckt von der Offenheit der Aschkali und ihrer Freude, mit der sie ihr Leben in Armut leben. Viele Familien leben zusammengepfercht in – nach westeuropäischen Standards – unfertigen Häusern, sammeln Müll zum Überleben und zeigen dennoch Großzügigkeit und Gastfreundschaft. Die Kontaktaufnahme zu ihnen scheint – auch ohne Dolmetscher – oft einfacher als zu den Schülern am Loyola-Gymnasium. „Das gemeinsame Musizieren hat Grenzen überwunden“, sagt Julius am Ende der Reise.
Zwischen den Proben gibt es genügend Gelegenheit die Schönheit des Kosovo zu entdecken: Beeindruckende Berge, eine wunderschöne Altstadt, Wasserfälle, Wälder und Strände – allerdings oft beladen mit Müll. Eine intensive Reise, die sicher noch lange nachklingen wird – vor allem wenn wir bei den nächsten Proben und Konzerten die kosovarischen Lieder in Berlin zum Besten geben.
Music in between: CK Big Band, Loyola Tranzit, Loyola Gymnasium
Organisiert und geleitet von Benjamin Bitterling machte sich die Big Band des Canisius-Kolleg Berlin auf den Weg zu einer musikalischen Begegnungsreise in den Kosovo. Im Gepäck waren Instrumentespenden, die in den Wochen vorher am Jesuitenkolleg gesammelt wurden. Die Reise konnte nur durch die großzügige Unterstützung zahlreicher Spender möglich gemacht werden, u.a. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Jeunesses Musicales Deutschland (JMD), die sich für friedliche internationale Begegnungen junger Musiker und der Völkerverständigung einsetzt.
Zur Person:
P. Dag Heinrichowski SJ ist in Hamburg aufgewachsen. Im Anschluss an sein Abitur begann er mit dem Theologiestudium. Stationen waren Sankt Georgen und das Newman-Institut in Uppsala, Schweden. Mit 24 Jahren trat er in den Jesuitenorden ein. Im Anschluss an das Noviziat arbeitete er in der Jugendarbeit am Canisius-Kolleg (CK) in Berlin. Nach seinem Theologiestudium in Paris war er von 2021 bis 2024 in Hamburg in der Jugendarbeit tätig. 2022 wurde er zum Koordinator des Gebetsnetzwerks des Papstes in Deutschland ernannt. Seit Herbst 2024 lebt Pater Heinrichowski in Frankfurt, arbeitet an seiner Promotion in Pastoraltheologie und ist zudem als Spiritual im Priesterseminar tätig.
Wissenswertes
Schulen
Jesuitenschulen sind katholische Einrichtungen und Teil eines internationalen Netzwerks. Sie zeichnen sich durch ihre christliche Sendung und ignatianische Prägung aus.
Wir engagieren uns für Schule als Ort anspruchsvoller Bildung und Erziehung, an dem die Frage nach Gott wachgehalten wird und Menschen lernen
- achtsam zu sein, innezuhalten und zu reflektieren
- ihre Talente und Freiheit zu entfalten
- kritisch zu denken und urteilsfähig zu sein
- ihre eigene Würde zu erfahren sowie die des anderen zu achten
- und sich in Solidarität und Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft und Welt einzusetzen,
all dies unter dem Anspruch der Exzellenz.
Ignatianische Schulen sind in der Regel mehr als Schulen - sogenannte Kollegien. Dies bedeutet, dass sie neben Schule auch ein Internat und Angebote einer offenen Ganztagseinrichtung wie Nachmittagsbetreuung, freie Jugendarbeit, Pfarreien etc. als gemeinsame Erfahrungsräume bieten.
Junge Menschen
Mensch sein – befreit leben
Jeder Mensch ist einzigartig. Jedes Leben ist eine unverwechselbare Geschichte und jeder Moment einmalig. Seelsorge kennt deswegen keine Patentrezepte. Ignatius von Loyola schreibt in den Geistlichen Übungen: Es ist darauf zu achten, dass Gott unmittelbar mit einem Menschen in Beziehung treten kann. Seelsorge bedeutet daher für Jesuiten, den Menschen Raum zu geben, wo sie Vertrauen fassen und Hoffnung schöpfen können. So entsteht die Möglichkeit zur echten Begegnung mit Gott, der eigenen Person und den Mitmenschen.