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Muss oder darf ich mich impfen lassen?

Die Jesuiten in Zentraleuropa rufen zum Impfen gegen Covid-19 auf. Pater Provinzial Bernhard Bürgler SJ, selbst bereits zum dritten Mal geimpft, ermutigt die Menschen, sich zu informieren und den Schritt zur (Auffrischungs-)Impfung zu wagen. „Die Inzidenzzahlen sind nach wie vor erschreckend, und wir alle sollten uns überlegen, welchen Anteil wir Bürgerinnen und Bürger leisten können, um die Pandemie zu bekämpfen. Ich denke, Impfen ist ein Akt der Nächstenliebe für all diejenigen, die sich aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht impfen lassen können und für die Menschen in unserem Gesundheitssystem.“

Zugleich kann Bürgler die Unsicherheiten der Ungeimpften nachvollziehen. Aus diesem Grund wagt sich der Jesuit und Mediziner Eckhard Frick SJ an einer Entscheidungshilfe für Verunsicherte.

Unser deutsches Wort „impfen“ hat eine lange Geschichte: Im Mittelhochdeutschen heißt es „propfen, ein Propfreis einsetzen, veredeln“. Es meint also zunächst das Veredeln und Propfen von Obstgehölzen, das die Germanen aus der römischen Kultur übernommen hatten. Erst im 18. Jahrhundert gewinnt die Impfung die Bedeutung von ‚Einritzung, Einspritzung von Krankheiterregern‘, also von „Vakzin“ (abgeleitet von variolae vaccinae: ‚Kuhpocken‘, deren Erreger der englische Arzt Edward Jenner zur Immunisierung gegen die Pocken einsetzte). Immunität, also die Fähigkeit, „Antikörper“ gegen bestimmte Oberflächeneigenschaften von Krankheitserregern (genannt „Antigene“) zu entwickeln, können wir erwerben und auch wieder verlieren: Wer von einer Infektionskrankheit genesen ist, entwickelt Immunität, allerdings um den Preis der durchgemachten, mehr oder minder schweren Erkrankung und – auch das darf nicht verschwiegen werden – mit dem Risiko, nicht zu genesen und immun zu werden, sondern an der Erkrankung zu sterben. Auch die Schutzimpfung mit Gaben von Aktivimpfstoff führt zur aktiven Immunisierung („immunologisches Gedächtnis“, das sich beim erneuten Kontakt mit dem Antigen „erinnert“). Passive Immunisierung hingegen besteht in der Gabe von spezifischen Antikörpern immunisierter Menschen oder Tiere oder schon ganz früh durch Plazenta oder über die Muttermilch an das Ungeborene bzw. den Säugling.

Bei den heute zur Verfügung stehenden Impfstoffen handelt es sich entweder um lebende Erreger, die in ihrer krank machenden Wirkung abgeschwächt sind (Lebendimpfstoffe) oder um Totimpfstoffe. Die neuartigen Impfstoffe gegen das Corona-Virus (mRNA- und Vektorimpfstoffe) sind Totimpfstoffen gleichzusetzen: Sie erzeugen beim geimpften Menschen weder eine Infektion noch eine Veränderung des Erbgutes, sondern lediglich die Produktion von Antikörpern. Lässt die so erzeugte Immunität nach, sind Auffrisch-(Booster-)Impfungen möglich.

Kein individuelles Problem

Durch die Übertragbarkeit (Ansteckung) sind Infektionskrankheiten ein individuelles, aber auch ein soziales Problem. Dies wird uns in der gegenwärtigen Covid-19-Pandemie in bedrängender Weise bewusst: Auch infizierte nicht erkrankte („positive“) Menschen und sogar geimpfte können das Virus weitergeben und in Alltagsbegegnungen oder durch Benutzung von Verkehrsmitteln lokal, regional und sogar weltweit verbreiten. Die gegenwärtig üblichen FFP2-Masken vermindern das Übertragungs-Risiko erheblich, falls sie korrekt getragen werden.

Die Impfung schützt den einzelnen geimpften Menschen, aber auch andere Menschen, mit denen er zusammenkommt. Bei Infektionskrankheiten, die von Mensch zu Mensch übertragen werden, führen ausreichend hohe Impfquoten (mindestens 70–80% der Bevölkerung) und die daraus resultierende Verdrängung des Erregers zum indirekten Schutz von Menschen, die nicht geimpft werden können.

Die Ausrottung der Menschenpocken ist das klassische Beispiel einer erfolgreichen Impfkampagne.  Die gesetzlich vorgeschriebene Impfpflicht gegen Pocken konnte deshalb 1982 abgeschafft werden. Gegenwärtig wird in der Politik, aber auch in vielen privaten Unterhaltungen diskutiert, ob wir eine Impfpflicht gegen Covid-19 brauchen: für Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, vielleicht auch in Schulen und Kitas, vielleicht sogar generell. Anlass für diese Diskussion sind der fortbestehende Infektionsdruck durch unzureichende „Herden“-Immunität in der Gesellschaft und durch Virus-Mutationen, die schneller zu sein scheinen als das Tempo des Immunitäts-Aufbaus.

Denken wir ein Jahr zurück: Ende 2020 war noch kein Impfstoff verfügbar, und in den Monaten danach ging es um die Frage, in welcher Reihenfolge und wann wir uns impfen lassen dürfen. Inzwischen dreht sich Debatte stärker um die Frage, ob sich alle impfen lassen müssen, und wie wir mit den verschiedenen Standpunkten in dieser Hinsicht umgehen. Die Freiheit des einzelnen Menschen und die Solidarität, die Sorge füreinander und für die besonders Verletzlichen können wir nur zusammen denken – im Interesse aller.

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