• Marek Spitczok von Brisinski und Henk Göbel (v.l.n.r.)
  • Henk Göbel.
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Neue Ansprechperson: Parteilich, übersetzen und verstärken

Die Deutsche Region der Jesuiten bekommt zum 15. Februar eine neue externe Ansprechperson für Betroffene von (sexualisierter) Gewalt. Henk Göbel ist Traumafachberater, Mediator, Schauspieler und Theatertherapeut. Wie er seine Aufgabe versteht und inwiefern die Schauspielerei ihm dabei hilft, hat er uns im Interview verraten.

Herr Göbel, sie werden neben Frau RA Ravat und in der Nachfolge von Herrn Spitczok von Brisinski die neue externe Ansprechperson für Menschen, die in Einrichtungen des Jesuitenordens Grenzverletzungen erleben bzw. erlebt haben. Was genau bedeutet es, „Ansprechperson“ zu sein, was werden Ihre Aufgaben sein?

Henk Göbel: Die Aufgabe wird vor allem sein, ansprechbar zu sein. Das heißt, Menschen können sich an mich wenden, die sexualisierte oder auch andere Formen von Gewalt im Kontext von Einrichtungen des Jesuitenordens erlebt haben. Ich werde beratend als Ansprechperson zur Verfügung stehen und Betroffene beim Ausfüllen notwendiger Formulare unterstützen, um Anerkennungsleistungen, oder auch andere unterstützende Hilfen, die notwendig sind, zu beantragen. Ebenso nehmen Frau Ravat und ich Hinweise auf aktuelle Vorfälle entgegen. Ich werde  auch für den Orden zur Verfügung stehen, wenn es um Fragen zu sexualisierter Gewalt und ihrer Dynamiken geht sowie  auch bei Fragen zu konkreten Vorfällen. Da wird meine Expertise gefragt sein.

Aber ich will auch für Angehörige von Betroffenen ansprechbar sein. Es kann ja gut sein, dass sich Partner*innen, Kinder oder Eltern an mich wenden und ebenfalls (erklärende) Unterstützung brauchen. (Sexualisierte) Gewalt hat Auswirkungen, die oft noch Jahre später wirken. Ich unterstütze dabei, Dynamiken dieser Verletzungen zu verstehen, und warum diese zum Teil auch noch Jahre oder Jahrzehnte später immer noch nachwirken oder gar erst dann auftreten. Traumatisierung, Dynamik von Traumatisierung und auch die Dynamik von Täterstrategien zu erklären, das ist Teil meiner Arbeit.

Was können die Betroffenen von Ihnen erwarten?

Sie können erwarten, dass ich mich verantwortlich um diese Aufgaben kümmere. Ich habe lange über die Frage der Unabhängigkeit nachgedacht und denke, es gibt trotz aller gebotenen Unabhängigkeit auch eine notwendige Parteilichkeit, und zwar im Sinne einer Haltung. Die Haltung, dass erlittenes Unrecht oder Leid benannt werden muss, und dass es anerkannt werden sollte, ob das jetzt finanziell, juristisch im Sinne der Strafverfolgung oder durch therapeutische Leistungen ist. Ich glaube, da gibt es eine Bandbreite von Anerkennungsformen. Entscheidend ist, dass erlittenes Leid überhaupt gesehen, kommuniziert und Verantwortung von verantwortlichen Stellen dafür übernommen wird. Parteilichkeit hat hier für mich ihren Ort: ich bin parteilich für Betroffene von Gewalt. Ich finde, es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Menschen vor GEwalt zu schützen. Ist dieser Schutz nicht gewährleistet, müssen Strukturen – z.B.in Form von Schutzkonzepten gegen (sexualisierte) Gewalt –dafür geschaffen werden.

Was kann der Orden von Ihnen erwarten?

Wenn ich im Kontext sexualisierter Gewalt tätig und Ansprechpartner für Betroffene bin, dann bedeutet dies, Dinge klar zu benennen. Es gibt da eine Verantwortung, die wahrgenommen werden muss.  Wie bereits erwähnt gehört dazu, gemeinsam mit den Betroffenen die Suche nach Erklärungen zu unterstützen, warum die Taten so lange nachwirken oder wie konkret Täterstrategien aussehen. Wenn Menschen Schwierigkeiten haben, ihr Anliegen zu schildern, möchte ich eine Übersetzungshilfe sein und vielleicht auch ein Verstärker an manchen Stellen. Auch das ist Teil meiner Rolle.  Und das dann respektvoll anzusprechen und zu sehen, wo sich ein Weg öffnet, aber auch auf noch offene Punkte hinzuweisen.

Sie sind zwar kein Angestellter des Ordens, kriegen aber ein Honorar für Ihre Arbeit, die Sie leisten. Schränkt Sie das in Ihrer Unabhängigkeit ein?

Ich glaube, die Gefahr besteht immer. Egal wie das Konstrukt ist, man bekommt immer sein Geld von irgendwo her. Außer man macht es ehrenamtlich. Ich finde in meinem Fall aber sehr gut, wie der Arbeitsvertrag gestaltet ist. Es braucht schon sehr viel, dass man mir kündigen kann, sodass ich von dieser Seite her sehr frei bin. Zusätzlich ist Supervision ein wichtiger Punkt. Bei dieser kläre ich immer wieder neu meine Rolle, meine Haltung, damit auch von außen meine Unabhängigkeit in gewisser Weise „kontrolliert“ wird. Und dann muss ich mir natürlich auch das Feedback von allen Beteiligten genau anschauen, wenn mir gesagt wird, ich sei in die eine oder andere Richtung zu parteilich. Ich glaube und hoffe auch, dass man mir dann ein solches Feedback gibt.

Was, denken Sie, werden Ihre größten Herausforderungen sein?

Es gibt mehrere Spannungsfelder, in denen ich mich bewege. Es birgt zum einen die Gefahr, dass Erwartungen an mich herangetragen werden, die innerhalb meinesTätigkeitsfeld nicht erfüllbar sind. Zum anderen wird es sicher immer wieder wichtig sein, meine Unabhängigkeit allen Beteiligten gegenüber zu betonen und zu waren.

Ein weiteres Spannungsfeld ist die Größe der Institution.  Ich habe auch in der Vergangenheit mit Institutionen zu tun gehabt. Was aber jetzt für mich herausfordernd ist, ist einfach die Größe der Organisation. Ich bin für Menschen in Bezug auf die Jesuiten in Deutschland zuständig, aber der Orden ist eingebunden im Kontext der katholischen Kirche weltweit.

Was braucht es für den Job? Was zeichnet Sie persönlich aus?

Ich bin auch Schauspieler und Theatertherapeut und habe mir überlegt, was ich denn eigentlich in meiner Theaterarbeit mache bzw. was Kunst macht? Sie macht Unsichtbares sichtbar. Als ich vor vielen Jahren angefangen habe, in dem Bereich sexualisierter Gewalt zu arbeiten, war ich ganz schön geschockt. Vieles hat mich sehr mitgenommen. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass die Dinge zwar passiert sind, und sich daran auch nichts mehr ändern lässt, dass es aber jetzt einen Unterschied macht, ob ich hinschaue oder nicht. Es ist ein wichtiger Prozess, hinzuschauen, auf Unrecht und die Folgen und Auswirkungen von sexualisierter Gewalt und Gewalt hinzuweisen und strukturelle Veränderungen anzustoßen und voranzutreiben. Das macht in meinen Augen wirklich Sinn.

Sie sind nicht nur, Traumafachberater, Mediator und haben eine Ausbildung in Theaterherapie, sondern sind auch Schauspieler. Was bringen Sie aus diesem Bereich für den Job der Ansprechperson für Betroffene von Grenzverletzungen mit?

Wenn man sich mit Theater beschäftigt, dann beschäftigt man sich ja auch mit den Abgründen und Dramen des Lebens. Themen in einen größeren Kontext zu stellen, Bilder zu schaffen, um miteinander ins Gespräch zu kommen, oder auch zu schauen, wie anderen Kulturen oder Zeiten mit Traumatisierungen und Gewalt umgegangen sind, all das bringe ich aus meiner Tätigkeit als und Ausbildung zum Schauspieler in diese neue Aufgabe ein. Man lernt als Schauspieler auch, einer Figur möglichst nahe zu kommen und trotzdem die Kontrolle über sich und eine Art innere Distanz zu wahren. Das heißt, ich verbinde mich, bin empathisch, bewahre aber eine professionelle Distanz.  

Jetzt haben Sie noch einen knappen Monat Zeit, bevor Sie das Amt von der bisherigen Ansprechperson, Herrn Spitczok, übernehmen. Wie bereiten Sie sich vor?

Herr Spitczok und ich führen viele ausführliche Übergabe-Gespräche, die sehr hilfreich sind. Ich lese mich gerade durch die ganzen Berichte durch, sehe viele Filme zum Thema. Ich erkunde das Thema also von verschiedenen Richtungen. Und zugleich schaffe ich mir selbst ganz administrativ eine Infrastruktur für die Arbeit, habe mir ein Postfach angelegt usw.

Herr Spitczok hat auch bereits Betroffene informiert. Diese können sich nun entscheiden, an wen sie sich in Zukunft wenden, an Frau Ravat oder an mich.  

Was ist Ihr Wunsch für die nächsten Jahre?

Mein Wunsch wäre, dass die Sicht der Betroffenen stark berücksichtigt wird. Ich mache mal ein Beispiel, wo mir das deutlich geworden ist. Herr Spitczok und ich sprachen über die Anerkennungsleistungen für Betroffene. Wie die Entschlüsse der Unabhängigen Kommission kommuniziert werden, hat bei mir Verwunderung hinterlassen. Erst werden die Ansprechperson und der Orden informiert und 14 Tage später bekommen die Betroffenen dann eine Nachricht über ihren eigenen Antrag. Wie kommt das? Weshalb werden Antragstellende nicht direkt informiert, wenn eine Entscheidung getroffen wurde.  Oder weshalb können sie nicht selbst über die Wege entscheiden, wie sie informiert werden – direkt oder über die Ansprechperson? Meiner Meinung nach hat das auch etwas mit Machtstrukturen zu tun und die sollte man soweit wie möglich minimieren und immer wieder erneut minimieren, minimieren, minimieren. Beim Orden wünsche ich mir, dass offen auf bereits Geleistetes geschaut wird und analysiert wird, wo es Aktualisierungen bedarf. Auch das würde ich mir wünschen.

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