Seelsorger sollen zuhören, Orientierung geben und Menschen durch Krisen begleiten. Doch wer begleitet die Begleitenden? P. Sebastian Maly SJ ist überzeugt: Als guter Seelsorger braucht man Ausbildung, Supervision und die Bereitschaft, eigene Grenzen anzuerkennen. Am Kardinal König Haus in Wien leitet Pater Maly den Bereich „Spiritualität und Exerzitien“ und wirkt in der Ausbildung von Seelsorgern mit. Im Interview erklärt er, warum ein Seelsorger nicht nur die richtige Gesprächstechnik, sondern auch Humor braucht.
„Neugierig auf das, was Gott mit dem Gegenüber vorhat“
Pater Maly, was macht gute Seelsorge aus?
Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn wann ist Seelsorge „gut“? Sündigen die Menschen, die Seelsorge erfahren, weniger, sind sie weniger traurig oder haben sie mehr Erfolg im Leben? Oder fühlen sich durch Seelsorge mehr Menschen dazu berufen, Priester oder pastorale Mitarbeiter zu werden? Es ist wie bei der Frage, was gute Therapie oder gute Beratung bringt: Man kann nicht unmittelbar sagen, ob einem Menschen ein Gespräch geholfen hat.
Woran machen Sie dann fest, dass Sie einer Person durch Seelsorge weiterhelfen können?
Wenn dem Gegenüber die heilsame Gegenwart Gottes eröffnet wird – sei es durch die menschliche Begegnung, das Gespräch oder ein Ritual wie die Beichte. Gute Seelsorge verändert etwas. Das Mindestkriterium aber ist, dass gute Seelsorge auf keinen Fall schaden darf. Das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt, weil im Kontext von Seelsorge Übergriffe passieren – bis hin zu dem, was man geistlichen Missbrauch oder sogar sexualisierte Gewalt nennt.
Das ist ein Mindestkriterium, an dem man hängen bleibt.
Es ist ein Geschenk, wenn mir Menschen in der Seelsorge Vertrauen entgegenbringen – und ich trage Verantwortung, dass das so bleibt. Das gilt natürlich nicht nur für mich, sondern für alle Seelsorger. Doch wir sind ganz normale Menschen und machen auch einmal Fehler. Es ist wichtig, Fehler in der Seelsorge zugeben zu können, auch voreinander.
Warum fällt das Seelsorgern so schwer?
Viele Seelsorger haben Unsicherheiten in der eigenen seelsorglichen Praxis, doch sie trauen sich nicht, darüber zu reden. Das hängt vermutlich mit einem bestimmten Selbstbild zusammen. Man ist zum Beispiel ein geweihter Amtsträger oder hat eine bestimmte Seelsorgeausbildung genossen. Das sollte doch irgendwie reichen, um mit allen Herausforderungen umzugehen. Aber wir sind als Seelsorger immer auch Lernende, niemand ist vollkommen. Keiner sollte Angst haben, sich in die „seelsorgerlichen Karten“ schauen zu lassen. Natürlich gilt das Beichtgeheimnis, aber in Supervisionen darf und soll man Fälle besprechen, bei denen man um die Einschätzung anderer Seelsorger dankbar ist. Dafür gibt es einen solchen geschützten Raum schließlich.
Hat diese Unsicherheit mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche zugenommen?
Seit der Aufdeckung der Missbrauchsfälle ist eine gewisse Unbekümmertheit in der Seelsorge verschwunden. Das ist in vielerlei Hinsicht sehr wichtig. Aber manchmal bringt diese veränderte Situation eben auch neue Fragen und Unsicherheiten mit sich. Ein Beispiel: Ein Seelsorger hat spontan aus der Situation heraus eine trauernde Person in den Arm genommen. Im Nachhinein fragt er sich, ob das für das Gegenüber in Ordnung war. Für Fragen wie diese braucht es Räume, in denen sich Seelsorger austauschen können.

Ärzte, Versicherungsmakler, Busfahrer: In vielen Berufen sind regelmäßige Fortbildungen gang und gäbe. Wie steht es um die Weiterbildung von Seelsorgern?
Schon seit den 70er-Jahren hat eine Professionalisierung in der katholischen und evangelischen Seelsorge stattgefunden. Durch die Zusammenarbeit von praktischer Theologie und Psychologie flossen aktuelle Konzepte aus Beratung und Therapie in die Seelsorgeausbildung ein. Seit 2010 gab es einen deutlichen Schub besonders bei den Themen sexualisierte Gewalt und geistlicher Missbrauch. Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2022 ein Wort zu Herausforderungen gegenwärtiger Seelsorge veröffentlicht. Doch leider fehlt es noch an einheitlichen, überdiözesanen Standards in der Seelsorgeausbildung und es gibt auch keine verpflichtende regelmäßige Begleitung von Seelsorgern durch Fortbildungen und Supervisionen.
Warum braucht ein Seelsorger selbst auch Seelsorge?
Als Seelsorger bin ich in erster Linie Mitmensch und habe – wie jeder andere Mensch auch – Grenzen. Eigene Begleitung kann helfen, diese Realität anzunehmen und etwa schwierige Gesprächssituationen zu reflektieren, um dazuzulernen. Wenn ich meine eigene Angewiesenheit und Begrenztheit akzeptieren kann, kann ich das auch leichter bei anderen.
Warum ist das Wissen um die eigenen Grenzen als Seelsorger so wichtig?
Ein Beispiel: Bei Seelsorgegesprächen kann es zu bestimmten Dynamiken kommen. Nehmen wir das, was in der Fachsprache „Übertragung“ genannt wird. Das bedeutet, dass ich im Gespräch für mein Gegenüber plötzlich in eine bestimmte Rolle hineinkomme. Ohne dass es meinem Gegenüber bewusst ist, kommen bei ihm Gefühle hoch. Vielleicht verhält er sich mir gegenüber auf eine bestimmte Weise, was alles eigentlich nicht mir gilt, sondern einer anderen Person, etwa dem Vater oder einer anderen Autoritätsperson. Umgekehrt kann es auch mir als Seelsorger passieren, dass mich ein bestimmtes Thema meines Gegenübers „triggert“ und bestimmte Gefühle bei mir auslöst.
Solche Dynamiken wahrzunehmen ist wichtig, denn sie verändern das Gespräch. Aber ich bin vielleicht nicht immer aufmerksam genug, diese Dynamiken zu erkennen. Dann kann es passieren, dass ich nicht mehr so genau zuhöre, wenn ich selber auf der Gefühlsebene getriggert bin. Vielleicht fange ich an, Ratschläge zu erteilen oder mich zu rechtfertigen. Erfahrung hilft natürlich, solchen herausfordernden Gesprächssituationen gut zu begegnen. Aber ob mit oder ohne Erfahrung – es geht darum, sich selber zuzugestehen, dass ich als die Person, die ich bin, meinem Gegenüber zuhöre – also auch mit meinen Schwächen.
Ein guter Seelsorger braucht also Wissen und Erfahrung. Was noch?
Ausbildung ist sehr wichtig. Es gibt ganz praktische Skills, die ein Seelsorger erlernen sollte, zum Beispiel in Gesprächsführung. Dann gibt es aber noch eine Reihe von Haltungen, die weniger mit Ausbildung als mit Erfahrung zu tun haben. Man kann nur in sie hineinwachsen. Mir ist zum Beispiel wichtig, dass ich als Seelsorger mein Gegenüber als Mitgeschöpf wahrnehme. Dafür braucht es eine Haltung, die der Theologe Johann Baptist Metz „Compassion“ genannt hat: Mitleidenschaft. Dazu gehört eine Aufmerksamkeit auf die sozialen oder familiären Verhältnisse meines Gegenübers. Es stellt sich eine Art Solidarität ein – von Mensch zu Mensch, von Mitgeschöpf zu Mitgeschöpf. Seelsorger brauchen auch Demut: eine innere Haltung, realistisch und trotzdem hoffnungsvoll zu sein. Und Seelsorgern darf es nicht an Humor fehlen, um sich immer wieder von sich selbst und dem Erlebten zu distanzieren – und um zu spüren, dass ich ein Mensch unter vielen bin, der einfach versucht, seinen Dienst zu tun, und das mal besser und mal schlechter hinbekommt.
Wo liegen die Grenzen von Seelsorge?
Seelsorge hat eine Chance, einen Raum für den „göttlichen Therapeuten“ zu öffnen. Aber sie ist keine Psychotherapie. Eine Person kann von einem Seelsorgegespräch erwarten, dass ihr in ihrer momentanen Situation geholfen wird, zum Beispiel weil sie traurig ist und jemanden zum Zuhören braucht. Wenn die Person in Wirklichkeit jedoch therapeutische Begleitung braucht, sollten Seelsorger realistisch sein, was sie in einem Format wie einem Seelsorgegespräch erfüllen können, und die Person an Experten weiterverweisen. Das heißt aber nicht, dass Seelsorger Menschen, die psychisch erkrankt oder in einer schweren psychischen Krise sind, pauschal abweisen sollen. Gerade wenn jemand bereits therapeutisch begleitet wird, können Glaube und Spiritualität zusätzliche Ressourcen sein, die in der Seelsorge anders zur Sprache kommen können als in einer Psychotherapie.

Sie sind in der Ausbildung von Seelsorgern tätig und leiten mit Sr. Christa Huber CJ in Wien einen Kurs zu Geistlicher Begleitung. Ist das eine Spezialform von Seelsorge?
Genau. Geistliche Begleitung nehmen Menschen in Anspruch, die sich eine Vertiefung ihres geistlichen Lebens wünschen oder an bestimmten Themen dran sind, bei denen es sinnvoll ist, diese regelmäßig mit einer Begleitperson zu besprechen. Menschen in Geistlicher Begleitung möchten eine Person als Wegbegleitung an der Seite – für eine bestimmte Etappe ihres Weges.
Warum ist Geistliche Begleitung eng mit dem Jesuitenorden verknüpft?
Das wurzelt in den Exerzitien. Ignatius von Loyola hat selbst viel Begleitung erfahren, durch Menschen und Gott. Er hat gemerkt: Wenn ich mich intensiv auf den Weg mit Gott einlasse, wenn ich geistliche Übungen mache, meditierte und bete, brauche ich die Möglichkeit, mit jemandem über das zu sprechen, was ich auf diesem Weg erlebe.
Was macht für Ignatius einen Begleiter auf diesem Weg aus?
Ignatius spricht davon, dass der Begleiter sich wie eine Waage in der Mitte halten soll, damit das Geschöpf unmittelbar mit seinem Schöpfer wirken kann und umgekehrt. Ich formuliere diesen Gedanken gerne so: Ich tue mein Möglichstes, um Gott nicht im Weg zu stehen. Ich bemühe mich, mein Gegenüber in Kontakt mit Gott zu bringen, bin aber so zurückhaltend wie möglich, um ihn nicht in irgendeine Richtung, zum Beispiel in einer Entscheidungssituation, zu bewegen. Außerdem sollte ein Begleiter eine neugierige Haltung einnehmen – neugierig auf das, was Gott mit dem Gegenüber vorhat. Bei aller Ausbildung kommt es immer wieder auf diese Haltung an: als Seelsorger zurücktreten und staunen können, was und wie Gott wirkt.
Interessiert an einer Ausbildung in Geistlicher Begleitung?
Im von Jesuiten geführten Kardinal König Haus in Wien startet im Februar 2027 ein Lehrgang in Geistlicher Begleitung unter der Leitung von P. Sebastian Maly SJ und Sr. Christa Huber CJ. Sie legen in der Ausbildung einen Fokus auf Geistliche Begleitung im Umfeld von ignatianischer Spiritualität vor dem Hintergrund ihrer eigenen ignatianischen Prägung.
Zur Person:
P. Sebastian Maly SJ wurde 1976 in Frankfurt am Main geboren. Nach Studien der Philosophie und Theologie in München, Münster und Jerusalem und einem Doktorat in Philosophie arbeitete er bis 2013 als Referent im Cusanuswerk, dem Begabtenförderungswerk der Katholischen Kirche in Deutschland. 2013 trat er in das Noviziat der Jesuiten in Nürnberg ein. Nach den Gelübden leitete er für zwei Jahre die außerschulische Jugendarbeit am Aloisiuskolleg in Bonn-Bad Godesberg und arbeitete anschließend bis 2022 als Schulseelsorger am Canisius-Kolleg in Berlin. Berufsbegleitend absolvierte er eine Ausbildung zum Systemischen Therapeuten (SG/DGSF). Am 6. Oktober 2018 ist er in Frankfurt zum Priester geweiht worden. Nach dem Ende des Tertiats in Südafrika zog er im Juli 2023 nach Uppsala (Schweden) und übernahm eine Tätigkeit am Newman Institut. Seit Sommer 2025 ist er in Wien-Lainz und leitet seit Dezember 2025 den Bereich “Spiritualität und Exerzitien” im Kardinal König Haus.
Wissenswertes
Glaube
Damit Gott und Mensch in Beziehung treten können
In unserer schnelllebigen Welt gibt es wenig Raum und Ruhe, um Gott zu finden und sich von ihm finden zu lassen. Deswegen wollen wir Jesuiten durch Unterscheidung und geistliche Übungen einen Weg zu Gott ermöglichen – ob in besonders gestalteten Gottesdiensten, persönlicher Begleitung oder Exerzitien. Denn Seelsorge bedeutet für uns, den Menschen Raum zu geben für die Fragen, die sie beschäftigen: Wie will ich mein Leben gestalten? Wo zieht es mich hin? Was ist meine Berufung? Menschen bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen zu begleiten, ist einer von vier weltweiten Schwerpunkten, die wir Jesuiten für unser Leben und unsere Arbeit gewählt haben. Mehr erfahren
Spiritualität
Spiritualität ist „ein Weg zu Gott“, niemals abstrakt, sondern in jedem Menschen lebendig. Ignatianische Spiritualität bezieht sich auf die „Geistlichen Übungen“ (Exerzitien), mit denen der hl. Ignatius von Loyola Menschen helfen wollte, Gott zu finden und ihr Leben auf Gott auszurichten. Er war überzeugt davon, dass Gott selbst in jedem Menschen wirkt und ihn in die Freiheit führen will, damit er verantwortet wählen und entscheiden kann. Ignatianische Spiritualität ist eine Spiritualität der Freiheit, der Unterscheidung und Entscheidung, und das Grundprinzip ist das Wachsen und Lernen. Sie ist eine Spiritualität der Dankbarkeit. Ignatius erlebte sich bei aller Gebrochenheit zutiefst als beschenkt, geliebt von Gott und durch Jesus Christus erlöst. Auf diese Erfahrung wollte Ignatius mit seinem Leben großherzig antworten und anderen dabei helfen, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden.