• P. General Arturo Sosa SJ bei seinem Besuch in Spanien im Sommer.
  • Ein Jesuit legt seine Letzten Gelübde ab vor der konsekrierten Hostie.
  • 500 Jahre nach der Bekehrung des Ignatius begeht der Jesuitenorden ein Ignatianisches Jahr.
  • P. General vor dem Kruzifix in der Kapelle der Burg von Javier in Nord-Ost-Spanien.
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P. General: "Arm, um dem Lebensstil Jesu zu entsprechen"

Zum 481. Gründungstag der Gesellschaft Jesu am 27. September hat der Generaloberer Pater Arturo Sosa SJ einen Rundbrief an alle Jesuiten geschrieben und sie zu einem persönlichen und gemeinschaftlichen Nachdenken über die Armutspraxis des Ordens eingeladen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

Pater General, gibt es einen Zusammenhang zwischen dem „Ignatianischen Jahr“, dem 500. Jahrestag der Bekehrung des Hl. Ignatius, und der Reflexion der Armuts, zu denen Sie die Jesuiten aufrufen?

Der Ausgangspunkt für mich geht dem Ignatianischen Jahr noch voraus. Die 36. Generalkongregation hatte den General gebeten, eine Überarbeitung der Armutsstatuten und die Instruktion zur Verwaltung der Güter zu erstellen. Ich habe eine Kommission eingesetzt, die sich damit befasst hat. Aber die Frage, wie das Gelübde der Armut gelebt wird, nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch auf der Ebene des Ordens selbst, ist sehr alt. Ich schlage daher vor, diese Überlegungen nicht zu einer Frage von Regeln zu machen, sondern zum Kern der Sache vorzudringen.
Die Verbindung zum Ignatianischen Jahr, das an die Bekehrung des Ignatius erinnert: Wir sollten uns daran erinnern, dass das erste, was Ignatius tat, nachdem er beschlossen hatte, sein Leben zu ändern, darin bestand, sich radikal arm zu machen. Symbolisch legte er seine bisherige Kleidung ab und auch sein Schwert. Damit setzt bei ihm ein ziemlich langer Prozess ein, auf dem er Jahrzehnte später zu einer Definition gelangte, was religiöse Armut im Jesuitenorden bedeuten würde.
In der Tat ist das Thema der Armut eine grundlegende Dimension überhaupt eines christlichen Lebens, weil Jesus arm und demütig wurde. Der Ausgangspunkt für die Erlösung des Menschengeschlechts ist das Armwerden Jesu. Ein Christ in der Nachfolge Jesu zu sein, und umso mehr ein Ordensmann oder eine Ordensfrau, die ein eigenes Armutsgelübde ablegen, bedeutet also, arm zu werden, um mehr dem Lebensstil Jesu zu entsprechen.

Ordensmänner und -frauen aller Kongregationen legen ein Armutsgelübde ab - gibt es eine spezifisch jesuitische Art, es zu leben?

Natürlich, denn die Gesellschaft Jesu ist seit ihren Anfängen ein Orden mit eigener Prägung. Bis zu diesem Zeitpunkt war Armut immer mit einem klösterlichen Leben verbunden. Die Mönche lebten dieses Gelübde, indem sie ihren Besitz im Kloster zusammenlegten. Die Gesellschaft Jesu hingegen ist ein apostolischer Orden, der aus Mitgliedern besteht, die je nach den Bedürfnissen der Kirche verstreut sind. Der Lebensstil der Jesuiten muss sowohl arm als auch apostolisch sein. Ignatius sagte, dass die Jesuiten einen Lebensstil haben sollten, der dem von "Jesus und den Aposteln" gleicht. Es gibt hier eine missionarische Dimension, eine Einfügung in die Welt, die die Art und Weise beeinflusst, wie das Gelübde der Armut gelebt wird.
Ist das kompliziert? Ja! Dieses Ziel, die apostolische Armut zu leben, war schon immer eine Ursache für Spannungen. Nichts zu haben, aber gleichzeitig in der Lage zu sein, effizient im Apostolat zu sein, das sehr konkrete Mittel benötigt.

Wie verbinden Jesuiten ihr Armutsgelübde ganz konkret mit ihrer Verpflichtung, für eine gerechtere Welt und gegen die Armut zu kämpfen?

Nun, man muss der Armut der Jesuiten ein wesentliches Adjektiv hinzufügen. Es ist eine evangelische Armut. Mein Brief an meine Gefährten ist keine Reflexion über Armut aus soziologischer Sicht, sondern über das Armutsgelübde. Denn Armut ist nicht von Natur aus gut. Der Hl. Paulus hat es so ausgedrückt: "Jesus ist arm geworden, um uns reich zu machen." Jesus ist nicht arm, weil ihm das Nötigste fehlte; er hat sich selbst arm gemacht. Die Armut ist das Ergebnis der Selbsthingabe, der Großzügigkeit, der Liebe zu den anderen. Das ist das Gelübde der Armut: sich selbst aufzugeben, um der von Jesus eröffneten Dynamik zu folgen, sich großzügig und ganz den anderen zu schenken.
Soziale Armut dagegen ist die Frucht von Ungerechtigkeit und nicht der Wille Gottes. Gott will diese Armut nicht. Evangelische Armut hingegen ist bereichernd, weil sie Leben schenkt. Sie bietet innere Freiheit, sie ermöglicht die Loslösung vom Besitz und sie öffnet die Sensibilität für diejenigen, die unter der durch Ungerechtigkeit verursachten Armut leiden. Alle Gleichnisse des Reiches Gottes kennen Armut nicht; sie zeigen die Fülle der Gaben Gottes.

Papst Franziskus sagte bei seinem Besuch der 36. Generalkongregation den Delegierten, dass die religiöse Armut eine "Mutter" und ein "Bollwerk" sei. Können Sie das kommentieren?

Er war nicht der Autor dieser Aussage. Er hat die Jesuiten daran erinnert, dass dies Bilder sind, die Ignatius selbst in den Konstitutionen verwandt hat. Wir dürfen nicht vergessen, dass Ignatius lange über diese Frage nachgedacht hat und dass er sich mit seinen ersten Gefährten darüber intensiv beraten hat. Diese Bilder sind die Frucht seiner Überlegungen. Was ist eine Mutter? Sie ist diejenige, die das Leben schenkt, die es nährt und für es sorgt. Die Armut ist also wie eine Mutter, die dem religiösen Engagement Leben gibt und es nährt. Das Bollwerk ist dazu da, dieses Leben zu bewahren, denn Angriffe, zum Beispiel durch Reichtum, können jederzeit erfolgen.
Damit sind wir wieder am Anfang unseres Gesprächs über die Bedeutung der Statuten und Normen angelangt. Wenn der Jesuit sein Ziel der Armut und Demut verwirklichen will, muss er über Kriterien und Normen verfügen, die ihm als Bollwerk dienen. Konkret bedeutet dies, dass der Orden zwar nicht will, dass seine Mitglieder persönlich etwas besitzen, dass er aber Möglichkeiten schafft zur Unterstützung derjenigen, die sich für das Apostolat ausbilden, sowie ihrer kranken Mitglieder.

In Ihrem Brief bitten Sie jeden Jesuiten und jede Kommunität, sich zu prüfen, wie das Gelübde der Armut gelebt wird. Wie machen Sie das persönlich?

Zuallererst muss ich, wie jeder Jesuit, beten. Ich habe in meinem Brief darauf bestanden, dass der erste Schritt darin besteht, für die Vorteile zu danken, die uns die evangelische Armut gebracht hat, dieses Erbe Jesu selbst. Das werde ich auch tun. Dann werde ich als Generaloberer im Oktober/November einen eintägigen Einkehrtag für alle Provinziäle weltweit halten, Region für Region, und sie einladen, diesen Prozess auch in ihren Kommunitäten zu starten. Und Ende 2022 werde ich einen weiteren Einkehrtagung für die Provinziäle leiten, bei der wir die Früchte unserer Überlegungen und unseres Gebets miteinander teilen. Nicht mit dem Ziel, ein abschließendes Dokument zu veröffentlichen, sondern um in der Art und Weise, wie wir unser Gelübde der Armut leben, voranzukommen.

(jesuits.global)

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