• Dag Heinrichowski SJ
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Pfingstmomente im Alltag

50 Tage nach Jesu Auferstehung feiern wir Pfingsten. Dabei erinnern wir uns, wie der Heilige Geist auf die Jünger herabgekommen ist und sie befähigt hat, die frohe Botschaft in allen Sprachen zu verkünden. Auch heute wirkt der Heilige Geist in uns. Was ist Pfingsten für Sie? Was sind Ihre Pfingstmomente? Der junge Jesuit Dag Heinrichowski SJ studiert in Paris Theologie. Er berichtet von seinen ersten Schritten in einer neuen Sprache und den damit verbundenen Pfingstmomenten in seinem Alltag.

Neue Sprachen lernen ist anstrengend, aber öffnet einem eine neue Welt.

Im Sommer 2013 bin ich zum Studium nach Schweden aufgebrochen. Im jugendlichen Leichtsinn ohne große Sprachkenntnisse – eine Woche Volkshochschule und schlechtes Schulenglisch, das ich zum Beginn der Oberstufe abgewählt hatte. Am Ende der zwei Jahre konnte ich mit einem schwedischen Bachelor nach Deutschland zurückkehren.

Letztes Jahr bin ich zum Studium nach Frankreich aufgebrochen. Mit einer Mischung aus Vertrauen und blauäugiger Naivität habe ich nach einem dreiwöchigen Sprachkurs die ersten Uni-Seminare auf Französisch belegt.

Die ersten Monate in der fremden Umgebung und der neuen Sprachen sind mühsam und anstrengend. Sprachenlernen braucht Geduld, sowas wie Demut und beginnt mit dem Hören.

Geduld, weil es einfach Zeit braucht und oft zwei Schritte nach vorn und einen zurückgeht. Demut, weil ich immer wieder mit meinen Grenzen konfrontiert bin und weder sofort noch gleich alles kann. Und Hören, weil ich nur dadurch einen Zugang bekomme zur Sprache, zur Kultur, zu den Menschen. Für richtige Fortschritte braucht es dann noch eine Portion Mut, um den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und selbst zu sprechen.

Doch nach und nach stellen sich mehr und mehr Momente ein, die ich Pfingstmomente nennen möchte: Man versteht und wird verstanden.

Es sind Momente, in denen einzelne Worte, die ich gefühlt vorher noch nie gehört habe, plötzlich immer wieder hörbar sind und einen Sinn ergeben. Worte, die ich nicht mehr vergesse und mehr und mehr selbst anwenden lerne.

Momente, in denen – beabsichtigt oder nicht, oft irgendwie dazwischen – ein Wortspiel meinem Gegenüber ein Lachen auf die Lippen zaubert.

Momente, in denen ich beim Tischgespräch mitbekomme, wenn sich der Kontext des Gesprächs ändert oder sich ein Stück meiner eigenen Kultur oder der Kultur meines Gegenübers zeigt.

Die Bibel berichtet in zwei Geschichten von Sprachvielfalt und Einheit. Der Kontrast zwischen dem, was sich rund um das Turmbauprojekt in Babel abspielt und den Ereignissen am Pfingsttag fasziniert mich.

Beim Turmbauen wird gemacht und getan. Es gibt eine Sprache, das gegenseitige Verstehen scheint völlig selbstverständlich und dementsprechend wenig beachtet. Eine Selbstverständlichkeit.

Am Pfingsttag liegt das Stauen darin, dass man sich gegenseitig nicht nur hören, sondern sogar verstehen kann!

Beide Perspektiven sind mir vertraut.

Geduld, Demut und Hören sind drei Bausteine, die eher Mangelware auf der babylonischen Baustelle waren – Mut gab es vielleicht in einer übergroßen Portion.

Pfingsten gehen fünfzig Tage hartes Warten voraus. Zum Dranbleiben ist Geduld gefragt.

Die Apostel verkünden die großen Taten Gottes und sind sich bewusst, dass nicht ihr Fleiß dafür sorgt, dass sie die vielen Sprachen sprechen, sondern der Geist. Sie bleiben demütig, sind sich ihrer Grenzen bewusst und lassen sich in diesem Bewusstsein in den Dienst nehmen.

Und der Schlüssel, der die Sprachvielfalt zur Bereicherung werden lässt, ist das Hören.

Einander wirklich verstehen wollen, ist für mich ein Zeichen des Heiligen Geistes. Das ist die Haltung, die wirkliche Einheit in Verschiedenheit möglich macht.

Die Sprache des Geistes lerne ich nicht ad hoc, sondern es braucht Geduld, sowas wie Demut und eine angemessene Portion Mut. Der Geist weht auch in jugendlichem Leichtsinn und blauäugiger Naivität. Der Geist zeigt sich im Hören auf den Kontext und die Kultur. Pfingst-Momente sind die Momente, in denen ich versuche, mein Gegenüber wirklich zu verstehen, in denen ich es schaffe, mich wirklich auszudrücken und die Momente, die ein Lachen auf die Lippen zaubern können.

Dass solche Momente auch völlig ohne Sprachkurs möglich ist, habe ich im Kosovo erleben dürfen. 2018 war ich zusammen mit der Big-Band des Berliner Canisius-Kollegs zu Gast in Loyola Tranzit, ein von Jesuiten gegründetes Zentrum mitten in einem Ashkali-Viertel, wo sich vor allem Kinder und Jugendlichen treffen, Gemeinschaft erleben, Zugang zu Bildung bekommen und gemeinsam musizieren. Musik war unsere Sprache. Ein Pfingstmoment.

Geduldiges und mutiges Hören ermöglicht Einheit in Verschiedenheit, lässt den Wind des Geistes spürbar werden. Lachen ist ein gutes Zeichen dafür, dass es in die richtige Richtung geht.

Was sind Ihre Pfingstmomente?

Autor:

Dag Heinrichowski SJ

Dag Heinrichowski SJ ist in Hamburg aufgewachsen. Im Anschluss seines Abiturs hat er mit dem Theologiestudium begonnen. Stationen waren Sankt Georgen und das Newmaninstitut in Uppsala. Mit 24 Jahren ist er in den Jesuitenorden eingetreten. Nach dem Noviziat hat er in der Jugendarbeit am Canisius-Kolleg (CK) in Berlin mitgearbeitet. Derzeit studiert er Theologie in Paris.

Partner

SJ-Generalskurie
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