• Die Trauerwand in der Offenen Kirche St. Klara in Nürnberg. Bild: St. Klara
  • Die Trauerwand in der Offenen Kirche St. Klara in Nürnberg. Bild: St. Klara
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Raum für Trauer

Immer um Allerheiligen/Allerseelen herum finden Trauernde zweieinhalb Stunden einen Raum in der Offenen Kirche St. Klara in Nürnberg. Doch nicht nur Anfang November widmet sich das Seelsorger Team dem Thema Trauerseelsorge.

„Kann ich auch zu der Trauerandacht kommen? Ich bin von meinem Partner sitzen gelassen worden – und das hat doch auch mit Trauer zu tun?“ Zugegeben, die Frage hat mich ein wenig überfordert. Die Frau lehnte an der hinteren Kirchenwand und erfuhr gerade, dass jetzt gleich eine offene Trauerandacht in St. Klara stattfindet – immer am letzten Freitag im Monat um 19.30 Uhr. Und ich antwortete ihr, dass sie es sich ja mal anschauen könne – vielleicht helfe es ihr ja.

Seit Jahren gehört die Trauerseelsorge zu einer der Säulen der Citypastoral an der Offenen Kirche St. Klara. Angefangen hat es mit jener offenen Trauerandacht am letzten Freitag im Monat. (Einzige Ausnahme: Im Dezember findet diese Andacht immer einen Tag vor Heiligabend statt.) Die Idee war, einen Raum für Trauer zu schaffen für Menschen in unterschiedlichen Phasen der Trauer: also gerade auch für solche, bei denen der Tod eines anderen Menschen schon eine Zeitlang zurückliegt. Denn das Problem ist häufig: „Nach einer Weile nehmen die Außenstehenden gar nicht mehr war, dass ich noch trauere. Die Welt dreht sich weiter. Und ich bleibe mit meinem Verlust zurück.“ So sagte es mal ein Betroffener. Die Andacht ist in einer Weise gestaltet, dass auch Menschen, die mit Kirche nichts oder nicht mehr viel zu tun haben, etwas damit anfangen können: Schlichte, meditative Gedanken, keine Predigt; sensible, ruhige Musik mit Klavier, Gitarre oder Flöte. Und ein festes Ritual: Die Anwesenden werden in einer stillen Phase dazu eingeladen, auf ein Blatt Papier Gedanken an den verstorbenen Menschen zu schreiben und dies dann anschließend in die Trauerwand in der Kirche zu stecken sowie eine Kerze anzuzünden und auf die Trauerwand zu stellen. Das hat fast etwas Sakramentales an sich und ist für die Trauernden ein wichtiger Vorgang. Was geschieht im Anschluss mit den beschrifteten Papieren? „Die werden, wenn die Trauerwand voll ist, herausgenommen, aufgehoben und dann einmal im Jahr dem Osterfeuer übergeben.“ Dieser Satz wird jedes Mal betont – keine/r der Anwesenden soll Angst davor haben, dass die Blätter einfach weggeworfen werden.

Die Trauerwand ist seit der Grundsanierung der Klara-Kirche vor gut zwölf Jahren übrigens fester Bestandteil der Kirche. Vorher behalfen wir uns mit einer Backstein-Wand mit Steinen aus dem Baumarkt. Und sie steht bei weiteren Andachten im Mittelpunkt. Bei den „Herzenskindern“ zum Beispiel, eine Andacht für früh verwaiste Eltern an jedem – jetzt wird es komplizierter – ersten Donnerstagabend eines geraden Monats. Zwei Hebammen standen irgendwann einmal vor unserer Tür und fragten, ob man diese Andachten nicht auch gezielt für früh verwaiste Eltern anbieten könnte: „Ein nicht so geringer Anteil an Geburten, die wir begleiten, sind Totgeburten.“ Nach einigen Jahren stellten wir in Klara jedoch fest, dass immer mehr auch ältere Personen zu diesen Andachten kommen. Seither gestalten wir diese Andachten für alle Menschen, die ein Kind verloren haben – unabhängig vom Alter des Kindes.

Ein weiterer Baustein der Trauerangebote ist die Andacht für Hinterbliebene nach einem Suizid: „Du bist gegangen“ nennen wir das. Gemeinsam mit der regionalen Selbsthilfegruppe AGUS (Angehörige um Suizid) findet die zwei- bis drei Mal im Jahr statt. Vom Ablauf her ganz ähnlich wie unsere monatlichen Raum-für-Trauer-Andachten, nur eben mit der speziellen inhaltlichen Thematik.

All diese Andachten haben immer weitere Kreise gezogen und zu immer neuen Nachfragen geführt. Eine kam von der alternativen Drogenhilfe MUDRA in Nürnberg. Die wollten eine jährliche „Gedenkfeier für verstorbene Drogenkonsumenten“ abhalten, fanden hierfür aber keinen Ort, der für diesen Anlass sowohl feierlich als auch für ihre Klientel offen genug war. So baten sie uns daran mitzuarbeiten. Seither findet immer am 21. Juli diese Andacht statt: „Ein Leben für ein Päckchen H.“ Und im Innenhof von St. Klara steht seit einigen Jahren auch ein Denkmal für die verstorbenen Drogenkonsumenten.

Die kalte Jahreszeit hat uns vor vier Jahre zu einer weiteren Andacht veranlasst: Die gelegentlichen Informationen in der Presse, dass „in diesem Winter wieder Menschen auf der Straße erfroren“ seien, hatte uns erschüttert: Menschen sterben einsam auf der Straße! Hieraus entstand die Idee, eine jährliche „Andacht für Vergessene“ zu gestalten. Titel: „Hinter dem Horizont.“ Wir gestalten sie gemeinsam mit dem lokalen Sozialmagazin „Straßenkreuzer“ und zwei Obdachloseneinrichtungen in Nürnberg.

Und eine „Nacht der Trauer“ rundet den Reigen ab. Immer um Allerheiligen/Allerseelen herum finden Trauernde zweieinhalb Stunden einen Raum in der Klara-Kirche, in dem sie Impulse und Musik hören, Kerzen aufstellen und sich einen persönlichen Segen zusprechen lassen können. Ebenso wird ihnen im Vorraum der Kirche eine warme Tasse Tee angeboten –  passend zu der kalten Jahreszeit.

St. Klara stellt mit diesem umfangreichen Trauerhilfe-Angebot ein Unikat dar. Viele Anfragen und auch Hospitanzen aus ganz Deutschland waren und sind die Folge.

Ach ja, eines noch: Die Frage der Frau vom Beginn, ob die Trauerandacht auch etwas für sie sei, da sie ja von ihrem Partner sitzen gelassen worden sei… Diese Frage haben wir mit einem neuen Angebot beantwortet: „Wenn gemeinsame Träume zerbrechen – Andacht nach einer zerbrochenen Beziehung.“ Denn natürlich hat das auch mit Trauer zu tun.

Autor: Jürgen Kaufmann, Pastoralreferent. Er arbeitet mit Pater Ansgar Wiedenhaus SJ an der Offenen Kirche St. Klara/Kath. Cityseelsorge in Nürnberg

 

 

 

 

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