• Alberto Hurtardo SJ im Gespräch auf der Straße. Foto: Fundación San Alberto Hurtado
  • P. Alberto Hurtardo SJ im Studium. Foto: Fundación San Alberto Hurtado
  • P. Alberto Hurtardo SJ. Foto: Fundación San Alberto Hurtado
  • P. Alberto Hurtardos SJ Beerdigung. Foto: Fundación San Alberto Hurtado
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„Roter Priester“ und heiliger Jesuit

An diesem Mann kommt in Chile niemand vorbei: Egal ob klein oder groß, der heilige Alberto Hurtado ist wohl jedem der etwa 18 Millionen Einwohner des Andenstaates ein Begriff. Kein Wunder, denn nach dem schlicht als „Padre Hurtado“ bekannten Jesuiten sind in Chile unzählige Straßen, Schulen und sogar Siedlungen benannt. Hurtado trägt wegen seines Einsatzes für Straßenkinder sowie seiner charismatischen Persönlichkeit den Titel „Apostel der Solidarität“ und wird gleichsam als Nationalheiliger verehrt. In diesem Jahr wäre er 120 Jahre alt geworden.

Am 22. Januar 1901 erblickt der kleine Alberto im chilenischen Badeort Viña del Mar das Licht der Welt. Sein Vater stirbt wenige Jahre nach Albertos Geburt, was seine Mutter dazu zwingt, mit ihren beiden Söhnen in die Hauptstadt Santiago zu ziehen. Nun weitgehend mittellos, wohnt die eigentlich aus der Oberschicht stammende Familie bei Verwandten. Alberto kann Dank eines Stipendiums die renommierte Jesuitenschule San Ignacio besuchen. In dieser Zeit unterstützt der pflichtbewusste Junge seine Mutter finanziell durch Nebenjobs, etwa bei einer Zeitung. In der Schule kommt er durch seinen geistlichen Begleiter, den Jesuitenpater Fernando Vives, erstmals mit der katholischen Soziallehre in Berührung. Sie wird fortan sein Leben prägen.

Nach seinem Schulabschluss erwägt Hurtado zwar, den Jesuiten beizutreten. Doch er beginnt 1918 zunächst ein Jura-Studium – auch aus Verantwortung gegenüber seiner Mutter, die auf seine Unterstützung angewiesen ist. Der intelligente Student engagiert sich politisch in der konservativen Partei und ist ein gern gesehener Gast auf Partys. Wahrend seines Studiums beschäftigt sich Hurtado besonders mit den arbeitsrechtlichen Bedingungen von Kindern und Frauen. Nach seiner Zulassung als Anwalt kann er 1923 schließlich doch noch in das Noviziat der Jesuiten eintreten: Die finanzielle Situation seiner Mutter hatte sich durch eine Erbschaft verbessert und sie kann fortan selbst für sich sorgen.

Seine Ordensausbildung beginnt in der chilenischen Stadt Chillán, führt den künftigen Heiligen danach aber für mehrere Jahre nach Europa. In Spanien und Belgien absolviert er das Theologiestudium und wird 1933 in Löwen zum Priester geweiht. 1935 beendet er dort seine Studien mit einer Promotion in Pädagogik und kehrt ein Jahr darauf nach Chile zurück. Die folgenden 15 Jahre arbeitet Hurtado unermüdlich und mit großem Enthusiasmus in unterschiedlichen Bereichen: Er gibt an seiner ehemaligen Schule Unterricht, ist an der Gründung der theologischen Fakultät in Santiago maßgeblich beteiligt, legt den Grundstein für einen neuen Noviziats-Standort, ruft eine Gewerkschaft sowie eine Zeitschrift ins Leben und wird 1941 zum Verantwortlichen für die Jugendorganisation der Katholischen Aktion berufen. In dieser Funktion bereist er zahlreiche Regionen Chiles und schafft es, die Ortsgruppen des Verbandes zu vervielfachen – sein vielgelobtes rhetorisches Talent hilft ihm dabei.

Wegen seines Einsatzes für die katholische Soziallehre kommt es zu Konflikten: Konservativen Großgrundbesitzern und Industriellen ist Hurtados Forderung nach gerechten Löhnen für die Arbeiter ein Dorn im Auge. Sie bezeichnen ihn als „roten Priester“ und Kommunisten. Der kirchlichen Autorität gefällt sein Einfluss auf die jungen Katholiken nicht, denn viele Mitglieder des von Hurtado betreuten Jugendverbands fangen Feuer für dessen soziale Ideen und treten in die christdemokratische Partei ein. Schließlich muss Hurtado schweren Herzens von seinem Amt bei der Katholischen Aktion zurücktreten.

In dieser Zeit macht der durch und durch spirituelle Mann Gottes eine geradezu mystische Erfahrung: Hurtado erkennt in einem obdachlosen Kind in einem der Armenviertel Santiagos das Antlitz Christi. Tiefbewegt von der dieser Begegnung beginnt er ein Waisenheim aufzubauen: den Hogar de Cristo, das Zuhause Christi. Heute ist die 1944 daraus entstandene Hilfsorganisation in vielen Ländern Lateinamerikas für die Ärmsten der Armen tätig. 1952 stirbt Hurtado mit nur 51 Jahren an Krebs. Schon bald setzt eine große Verehrung des beliebten Seelsorgers und Sozialaktivisten ein, die zur Seligsprechung 1994 und schließlich zu Heiligsprechung im Jahr 2005 führt.

Nicht nur der Name des „Padre Hurtado“ ist in Chile geradezu allgegenwärtig, auch sein Geist ist es. Er hat viele Sinnsprüche geprägt, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind. So fragte Hurtado sich bei jeder Entscheidung: „Was würde Christus an meiner Stelle tun?“ Oder er rief sich selbst und andere zur Zuversicht auch in schwierigen Situationen auf: „Froh will ich sein, Herr, froh!“ Hurtados Pragmatismus und seinen Gemeinschaftssinn könnte Chile derzeit gut gebrauchen, denn das Land bereitet sich gerade darauf vor, in den kommenden Jahren durch eine neue Verfassung die große Kluft in der Gesellschaft zu überbrücken.

Roland Müller

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