P. Rupert Mayer SJ ist bekannt als Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten und als „Sozialapostel Münchens“, der sich mit aller Kraft für seine Mitmenschen einsetzte. Vor 150 Jahren, am 23. Januar 1876, wurde er geboren. Für P. Karl Kern SJ ist das Anlass, auf Rupert Mayers Herkunft zu schauen – denn nicht ohne Grund wurde er zu dem, wer er war.
Rupert Mayer SJ im Licht seiner Kindheit und Jugend
von P. Karl Kern SJ
„Am meisten vermag die Geburt“, heißt es bei Friedrich Hölderlin. Wer die Lebensgeschichte von P. Rupert Mayer SJ bedenkt, wird zu dem Schluss kommen: Mit seiner Geburt, mit seinen Eltern und den fünf Geschwistern traf ihn ein „Lichtstrahl“ (Hölderlin), der ihn sein ganzes Leben lang geführt hat.
Die Eltern
„Der liebe Gott hat es mit mir sehr gut gemeint, denn er hat mir eine wunderschöne Jugend gegeben. So schön und freudig, wie es wohl selten Kinder beschieden sein kann, nach all dem, was ich im Laufe meines Lebens als Priester schon in Familien gesehen habe“, so gesteht Rupert Mayer SJ bei einer Ansprache zu seinem 40. Priesterjubiläum im Mai 1939.
Rupert Mayer wurde am 23. Januar 1876 in Stuttgart geboren. Er war ein Sonntagskind.
Der Vater Rupert stammte aus dem badischen Hochschwarzwald, die Mutter Emilie aus Pforzheim.
Sie zogen in die württembergische Residenzstadt Stuttgart und gehörten zur Minderheit der etwa 11.000 Katholiken. Beide traten in das Haushaltswarengeschäft Tritschler & Co. am Stuttgarter Marktplatz ein, übernahmen es nach kurzer Zeit und bauten es in den 1870er- und 80er-Jahren aus.
Mit seinen Geschwistern bildete Rupert eine verschworene Gemeinschaft. Ein Leben lang sammelte er Gleichgesinnte um sich, die mit ihm zusammenarbeiteten und zu ihm standen. Seinen Familiensinn konnte er in die apostolische Arbeit mit einbringen. Bei aller Prägung als Einzelpersönlichkeit war Rupert Mayer immer ein „Teamworker“, wie man heute sagt.
Die Eltern erzogen ihre Kinder zur Selbständigkeit – in großer Weltoffenheit und tiefer Religiosität. Waches Interesse am Zeitgeschehen und tiefe Religiosität prägten auch Ruperts ganzes Leben. Von daher kam sein umfassender seelsorgerlicher Ansatz. Er hatte immer die soziale und politische Situation vor Augen, ohne sich als Politiker oder reiner Sozialarbeiter zu verstehen. Seelsorge war für ihn etwas Ganzheitliches.
Kindheit und Jugend
Die Eltern zählten zu den führenden Katholiken in der Diasporagemeinde. Die Familie pflegte ein intensives katholisches Leben. Rupert wurde schon früh ein eifriger Ministrant. In diesen Jahren entstand wohl der Wunsch, Priester zu werden.
Rupert war nicht von robuster Gesundheit. In der Schule gehörte er zum Durchschnitt. Das Lernen fiel ihm schwer, doch er war von eiserner Energie und Ausdauer. Die besten Noten bekam Rupert in Turnen, denn er war in der Freizeit ein begeisterter Reiter und Schwimmer. Und er lernte, wie alle Geschwister, ein Instrument, nämlich die Geige. Eine hart erarbeitete körperliche Konstitution und ein warmherziges Wesen prägten auch den späteren Seelsorger Rupert Mayer.
Katholisch in der Diaspora
Die „katholischen Grundsätze“ waren Rupert Mayer immer wichtig. Die ersten Schuljahre in der protestantisch geprägten württembergischen Hauptstadt haben seine konfessionelle Identität geprägt. Der kämpferisch-katholische Zug in seinem Wesen war schon früh grundgelegt.
In der Oberstufe wechselte Rupert an das Ravensburger Gymnasium im katholischen Oberland. Denn die antikatholische Stimmung im Kollegium des Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums verletzte ihn, wenngleich der Vater zuhause die Vorurteile klarstellte. Als der Lehrer ihn zu Unrecht beschuldigte, er habe eine hervorragende Arbeit nicht selbst geschrieben, setzte das dem Jugendlichen sehr zu. So entschlossen sich die Eltern, Rupert vom Stuttgarter Gymnasium abzumelden und ihn die Jahre bis zum Abitur nach Ravensburg, die alte katholische Reichsstadt, zu schicken.
Dies wurde zu einer wegweisenden Entscheidung, weil er in seiner Klasse Freunde fand aus dem Jesuitenkolleg „Stella Matutina“ im vorarlbergischen Feldkirch.
In diesen Jahren wuchs in ihm der Wunsch, Ordenspriester und Jesuit zu werden. Er legte ein glänzendes Abitur ab und hatte lange Ferien mit der Familie vor sich. Doch zweigte er einige Tage ab und machte in Feldkirch Exerzitien. So wurde ein erster Kontakt zu seinem späteren Orden und zur ignatianischen Spiritualität geknüpft. Diese „erste Liebe“ sollte ein Leben lang währen!
Der Patriot
Rupert Mayer blieb ein Leben lang „Patriot“, ein Deutschnationaler durch und durch. „Religion und Vaterland“ waren seine Leitsterne. Doch seine Vaterlandsliebe war immer eingebettet in sein universales katholisches Bewusstsein. Deshalb ging er dem völkischen Nationalismus nicht auf den Leim.
Großstadtseelsorger
1900 trat Rupert Mayer in den Jesuitenorden ein und wurde 1912 als Großstadtseelsorger nach München gesandt. Er sollte sich um die meist einfachen Leute vom Land kümmern, die damals als Arbeiter oder Hausangestellte vom Land in die Stadt strömten und oft blanker sozialer Not ausgesetzt waren. Es waren monatlich bis zu 2.000 Menschen.
Der Jesuitenorden war zu dieser Zeit im Deutschen Reich noch verboten. Doch der dynamische junge Jesuit packte kreativ und tatkräftig seine Aufgabe an. Er leistete wahre Pionierarbeit. 1911 hatte der junge Speyrer Bischof Michael Faulhaber auf dem Katholikentag in Mainz die soziale Verantwortung der Seelsorge betont: „Die Rückeroberung der Arbeiterwelt“ sei „die dornenvollste Aufgabe der modernen Seelsorge und die eigentliche Sorge unserer Seelsorge.“ Dem damaligen Münchner Kardinal Bettinger war das aus der Seele gesprochen. Deshalb bat er den Jesuitenprovinzial um einen Pater, der diese Herausforderung anpackte.
Seelsorger für Zugezogene
Man hätte ihm keinen besseren schicken können. Rupert Mayer war vorher als Volksmissionar tätig gewesen und hatte nicht nur das Predigen gelernt, sondern auch erkannt, dass eine Volksmission für kirchenferne Menschen nur über Vertrauensleute erfolgreich sein konnte. In der Stadt München mit ihren damals 556.000 Einwohnern versuchte er also, die vielfältig entwurzelten Leute vom Land planmäßig durch überzeugte Katholiken anzusprechen.
Bei den Hausbesuchen – fünf bis sechs waren es jeden Tag – ging er selbst mit gutem Beispiel voran. Er erkundigte sich nach dem Befinden der Zugereisten und sprach mit ihnen über ihre Sorgen und Nöte. „Bei den Hausbesuchen ging es erst sehr lebhaft zu. So wurde ich bekannt mit dem Sozialismus und Kommunismus. Ich war gezwungen, die soziale und kommunistische Presse zu verfolgen […]; so kam ich auch zum Besuch der sozialistischen, kommunistischen und Freidenker-Versammlungen“, wie er in einem Lebenslauf schrieb.
Rupert Mayer hatte von Anfang an einen ganzheitlichen, von der sozialen Wirklichkeit her geprägten Ansatz in der Seelsorge. Dabei war er kein Einzelkämpfer, sondern konnte immer andere motivieren, in der Seelsorge mitzuarbeiten. So ist er heute der Patron der Münchner Caritas.
Hoch dekorierter Feldgeistlicher
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, meldete er sich sogleich als Freiwilliger und wurde zum rastlos tätigen, hoch dekorierten Seelsorger an vorderster Front – oft bis zum waghalsigen Einsatz des Lebens. In den Schützengräben betrieb er Einzelseelsorge. Wenn es brenzlig wurde, war er zur Stelle. Die Soldaten sammelten sich um ihn zu den Gottesdiensten, weil er Verkündigung mit Seelsorge und solidarischem Einsatz verband.
Im Jahr 1918 reflektierte Rupert Mayer SJ in einem Referat über die „Persönlichkeit des Seelsorgers im Felde“ und damit auch über sich selbst: „Wenn er seinem Beruf in richtiger Weise nachkommen, wenn er also Einzelseelsorge, was die Quintessenz der Feldseelsorge ist, treiben will, so ist er der meistbeschäftigte Mann an der Front. […] Der Feldseelsorger braucht ein warmfühlendes, teilnehmendes, zu jedem Opfer bereites Herz. Nur so kann er allen alles oder besser jedem alles werden, soweit dies eben armseligen Menschen möglich ist. Jeder Soldat muss wissen, dass er an seinem Pfarrer seinen treuesten, allzeit hilfsbereiten Freund hat, der ihn nie und nimmer im Stich lässt.“
Seelsorger an vorderster sozialer Front
Als Beinamputierter kehrte Rupert Mayer im Herbst 1917 nach München zurück. Er blieb in dieser Zeit epochaler Umwälzungen weiterhin an vorderster sozialer Front tätig. Sich den politischen Entwicklungen zu stellen, war für ihn selbstverständlich. Regelmäßig besuchte er, wie bereits erwähnt, die Versammlungen von Kommunisten, Nationalsozialisten und Freidenkern, obwohl es ihn oft viel Mut und Kraft kostete, sich allein in die Höhle des Löwen zu wagen. Von Jugend an war er jedoch, durch die konfessionelle Minderheitenposition in Stuttgart geprägt, eine Kämpfernatur. So trat er unerschrocken für die „katholischen Grundsätze“ ein.
Unter seinen Mitbrüdern war er der Einzige, der sich als Priester erkennbar in die politischen Versammlungen wagte, was auch eine gewisse Einsamkeit zur Folge hatte. Jedoch wurde er als Kriegsveteran, als Großstadtseelsorger und aufgrund seiner öffentlichen Auftritte bald ein stadtbekannter Priester und galt in den 1920er-Jahren als „15. Nothelfer Münchens“. Er wurde landauf, landab zum Predigen eingeladen. Seine ehemaligen Kriegskameraden standen, auch wenn sie anderen politischen Lagern angehörten, zu ihrem ehemaligen Feldgeistlichen.
Gegner des Nationalsozialismus
In einer der kommunistischen Versammlungen nach dem Ersten Weltkrieg nahm er zu den kommunistischen Thesen Stellung. Gleich nach ihm meldete sich Adolf Hitler als Besucher und betonte, dass er nach dem Pfarrer jetzt von politischer Seite her gegen den Kommunismus Stellung nehmen wolle.
Rupert Mayer durchschaute von Anfang an den völlig überzogenen Nationalismus Hitlers und den um ihn betriebenen Personenkult. Deshalb bekämpfte er mutig und unerschrocken die Überbetonung des Völkischen. Er wehrte sich gegen die Abwertung und Ablehnung des Alten Testaments und griff die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in sogenannten „gemischten Fragen“ an, also bei Übergriffen, die den Bereich der Kirche berührten.
Rupert Mayer hat das totalitäre System der Nazis nie von einer politischen Analyse her kritisiert, sondern betonte immer seinen rein religiösen Standpunkt. Die Gegenseite, eine pseudoreligiöse, totalitäre Ideologie, durchschaute sehr wohl, dass Rupert Mayer mit seinem Einspruch im Grunde das ganze System der „neuen Ordnung“ infrage stellte.
Ignatianische Spiritualität als Mystik des Dienens
Rupert Mayer war durch und durch Jesuit. Kern der ignatianischen Spiritualität ist es, jeden Tag den Willen Gottes im eigenen Leben zu suchen, um so Gott in allen Dingen zu finden. „Hilf, deinen Willen nur verstehn“, lautet das in Rupert Mayers Lieblingsgebet.
Was der Wille Gottes ist, lässt sich am besten an der Person Jesu ablesen. Rupert Mayers Spiritualität war inspiriert vom göttlichen „Abstieg“ in diese Welt durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Er lebte eine Mystik des Dienens – einer grenzenlosen Liebe zu allen, besonders zu den Armen und Bedrängten. Trotz aller Entschiedenheit, mit der er für die Wahrheit, für den katholischen Glauben und die Kirche eintrat, hat er nie andere Menschen persönlich angegriffen oder herabgewürdigt.
Diese Haltung der Annahme jedes Menschen lernte er durch ein „solides inneres Leben“ im Geist des heiligen Ignatius. Das ewige Heil der Seelen war sein großes Herzensanliegen – gemäß dem Leitmotiv seines Ordensgründers: „Den Seelen helfen!“ Auf einem Fragebogen, den er bei der Einlieferung in das Gefängnis Landsberg ausfüllen musste, sollte er auch die Frage beantworten, warum er seinen Beruf gewählt hatte. Seine knappe Antwort: „aus Liebe zu den Menschen.“
Rupert Mayer hat in seiner Zeit, natürlich auch innerhalb seiner Grenzen, eine „Weizenkornexistenz“ vorgelebt. In diesem Bild fasst Jesus sein ganzes Leben bis zur Hingabe am Kreuz zusammen (Joh 12,24). Im Leben und Wirken, nicht zuletzt im Leiden Rupert Mayers – bis zu seinem erzwungenen Verstummen in den Jahren 1940 bis 1945 in Ettal – sehen wir staunend die Früchte einer wahren Weizenkornexistenz. Dies alles wurde grundgelegt durch seine Familie während seiner Kindheit und Jugend.
Zur Person:
Pater Karl Kern SJ stammt aus Obernburg am Main in Unterfranken. 1968 trat er mit 19 Jahren in den Jesuitenorden ein und wurde 1976 zum Priester geweiht. Er hat als Hochschulseelsorger und Gymnasiallehrer gearbeitet. Ab 1996 baute er in Nürnberg die Cityseelsorge in der "Offenen Kirche St. Klara" auf. Von 2010 bis 2022 war er Kirchenrektor der Jesuitenkirche St. Michael in München. Seitdem ist er als Seelsorger sowie für das Fundraising der Hochschule für Philosophie in München tätig. Zudem ist Pater Kern Präses der Marianischen Männerkongregation "Mariä Verkündigung" und Kirchenrektor der Bürgersaalkirche in München.
Wissenswertes
SJ-Geschichte
"Tradition ist bewahren und bewegen": der Blick in die Geschichte eröffnet Perspektiven für die Zukunft. Gegründet durch Ignatius von Loyola (1491-1556) waren die Jesuiten die erste Ordensgemeinschaft, deren Ziele ganz von Mission und Lehre geprägt waren. Durch seine starke missionarische Ausrichtung entsprechend der Losung „Gott in allen Dingen finden“ und das Bestreben der Ordensmitglieder, auch die weltliche Umgebung entsprechend ihrer Sendung zu verändern, war der Orden in seiner Geschichte immer umstritten. Einerseits unterstützten die Jesuiten oft kompromisslos die päpstliche Autorität, andererseits geriet der Orden mehrmals in Konflikt mit der Amtskirche. 1773 wurde er sogar ganz aufgelöst. Aber immer wieder hat sich der Jesuitenorden regeneriert und eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten hervorgebracht.
Lebensgeschichten
Jeder Jesuit ist ein Mensch, der in den Exerzitien darum betet, Gott in allem bereitwilliger zu lieben und zu dienen. So viele Wege es gibt, Gott zu suchen und zu finden, so viele unterschiedliche Wege gibt es im Orden, wie Jesuiten ihre eigene Berufung gefunden und in ihrem Leben Ausdruck gegeben haben. Bis heute stellen sich nach dem Vorbild des hl. Ignatius Jesuiten in der ganzen Welt in den Dienst an Gott und den Menschen. Sie alle sind sich bewusst, dass sie als Sünder berufen sind, der Gemeinschaft anzugehören, die mit dem Namen Jesu bezeichnet wird. Oftmals wird gerade in den Brüchen und Widersprüchen der Biografien und sogar im äußerlichen Scheitern sichtbar, was es bedeutet, "unter dem Banner des Kreuzes“ zu leben und Christus immer mehr nachzufolgen. Gottes- und Nächstenliebe sind immer miteinander verknüpft, und die Beziehung zu Gott realisiert sich in den Beziehungen zu den Mitmenschen und umgekehrt.