Seligsprechung von Eduard Profittlich SJ: „Er ist wie ein spiritueller Vater für uns“
Estland, Januar 1941. Pater Eduard Profittlich SJ steht vor der Wahl: Nach Deutschland fliehen oder in Estland bleiben? Seine Gemeinde zurücklassen oder zu ihr stehen? Sicherheit suchen oder ein schweres Schicksal wählen? Er entschied sich zu bleiben, bei den Gläubigen in seiner Gemeinde, wohlwissend, was das für ihn bedeuten konnte. „Wenn ich auch in keiner Weise voraussagen kann, wie nun mein Lebensweg verlaufen wird, welche Opfer noch auf mich warten, so gehe ich diesen Weg mit großem Vertrauen auf Gott, fest überzeugt, dass, wenn Gott mit mir gehen wird, ich nie allein sein werde“, schrieb Pater Profittlich. Sein Leben endete wenig später in russischer Gefangenschaft, noch bevor ein gegen ihn verhängtes Todesurteil vollstreckt werden konnte.
Am 6. September ist Pater Profittlich in Tallinn, der Hauptstadt Estlands, durch Kardinal Schönborn seliggesprochen worden. Marge-Marie Paas, die Postulatorin des Bistums Tallinn, erklärt im Interview, warum diese Seligsprechung für Estland so außergewöhnlich ist, wie die historische Bedeutung von Pater Profittlich auch bei der Seligsprechung einfließt und warum sie für diesen Märtyrer so großen Respekt hegt.
Frau Paas, warum ist die Seligsprechung von Eduard Profittlich für Estland so etwas Besonderes?
Pater Profittlich wird für die estnischen Katholiken der erste Selige unserer Kirche sein. Wir haben bisher keinen einzigen Heiligen oder Seligen, das ist bei uns nicht so wie beispielsweise in Deutschland. Deswegen ist diese Seligsprechung für die estnischen Katholiken ein starkes Zeichen. Wir warten schon sehr lange auf diese Seligsprechung, der Seligsprechungsprozess dauerte acht Jahre.
Acht Jahre warten – das ist eine lange Zeit.
Ja, aber eigentlich schaue ich lieber in die Zukunft. Ich schaue nicht zurück auf diese Jahre der aktiven Forschungsarbeit im Austausch mit den Kommissionen im Vatikan. Ich schaue nach vorne und hoffe auf die Gnade Gottes, dass wir nach der Seligsprechung möglichst bald in Richtung Heiligsprechung voranschreiten können. Wir blicken auf die Seligsprechung nicht als Ende eines Weges, sondern weiter in die Zukunft. Wir tun alles, auch ich persönlich, um die Heiligsprechung voranzutreiben. Eines Tages werden wir das Bild von Pater Profittlich an der Wand der Petersbasilika in Rom sehen. Aber das braucht natürlich Zeit, wir müssen geduldig sein.
Welche Bedeutung hat Eduard Profittlich für Estland – historisch und heute?
Estland ist kein besonders religiöses Land, dort wird Religion nicht viel praktiziert. Doch die Seligsprechung von Erzbischof Profittlich ist für Estland extrem wichtig – nicht nur für Katholiken –, denn er teilte das Schicksal vieler Esten, die im Zweiten Weltkrieg in das sowjetische Russland deportiert wurden. Deswegen bereiten wir am Ende der Seligsprechung ein ökumenisches Gebet für alle Menschen vor, die ihr Leben in sowjetischen Gefangenenlagern verloren haben.
Wie wird dieser historische Hintergrund bei der Seligsprechung Thema sein?
Die Seligsprechung wird schon am 4. September mit einer Initiative der Dominikaner beginnen. Sie werden zusammen mit Freiwilligen die Namen aller Opfer verlesen, die in sowjetischen Gefangenenlagern oder in Sibirien gestorben sind. Das sind mehr als 23.000 Namen. Diese kontinuierliche Lesung wird deswegen fast 24 Stunden dauern.
Wie geht es dann weiter?
Das offizielle Programm der Seligsprechung beginnt am Freitagabend, den 5. September, mit einem klassischen Musikkonzert in unserer Kathedrale. Die Kathedrale, in der Erzbischof Profittlich so viele Jahre gewirkt hat, wird zur Anbetung bis Mitternacht geöffnet sein und dient zur spirituellen Vorbereitung auf den nächsten Tag.
Der Gottesdienst zur Seligsprechung von Pater Profittlich wird am 6. September um 11 Uhr beginnen. Im Anschluss sind die Besucher eingeladen, im Hof der Kathedrale zusammenzukommen und ihre Eindrücke von der Seligsprechung zu teilen. Am Abend wird es dann noch einen Empfang mit geladenen Gästen geben. Am Sonntag geht es mit einem Dankgottesdienst weiter. Das gehört traditionell zu einer Seligsprechung dazu. Diese vier Tage Programm werden sicherlich intensiv werden – aber ich denke, jeder kann etwas finden, das ihm zusagt.
Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie?
Die Veranstaltungen sind offen, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Wir möchten, dass die Seligsprechung Menschen zusammenbringt. Deswegen laden wir bewusst Personen aus dem religiösen Kontext in den baltischen und nordischen Staaten ein, zum Beispiel Ordensleute. Es werden auch viele Esten kommen, die die Seligsprechung ihres ersten Seligen mitverfolgen möchten. Deswegen denke ist, dass wir mit 5.000 Menschen rechnen dürfen.
Besonders möchten wir auch Katholiken des östlichen Ritus zur Seligsprechung einladen, etwa ukrainische Katholiken. Hier in Estland gibt es viele Ukrainer und ukrainische Pfarreien. Pater Profittlichs Botschaft von Friede und Glaube wird besonders auch für sie eine große Unterstützung sein.
Inwiefern hat die Seligsprechung von Pater Profittlich in der aktuellen weltpolitischen Situation symbolische Bedeutung?
Für mich ist die Seligsprechung nicht in erster Linie ein politisches Zeichen. Natürlich kann man auch auf dieser Ebene über Pater Profittlich und seine Botschaft nachdenken. Aber ich denke, alle Menschen – egal ob hier in Estland, in Europa oder woanders in der Welt – brauchen eine geistig-spirituelle Unterstützung. Alleine die Worte „Friede“ und „Glaube“, das apostolische Motto von Erzbischof Profittlich, haben eine viel stärkere Wirkung, als wenn man nur auf der politischen oder ideologischen Ebene an dieses Ereignis herangeht. Die Botschaft von Glaube und Friede hatte Pater Profittlich für die Kirche in Europa und der ganzen Welt. Deswegen ist die Seligsprechung mehr als ein politisches Zeichen. Sie hat einen spirituellen Wert für jeden einzelnen.
Sie beschäftigen sich schon lange mit Eduard Profittlich. Hat sich Ihr Blick auf ihn in dieser Zeit geändert?
Mein Respekt vor unserem Erzbischof Profittlich ist groß, wirklich sehr groß. Dieser Respekt ist gewachsen in den Jahren, in denen ich mich mit ihm beschäftigt habe. Als ich den Seligsprechungsprozess gestartet habe, lag für mich der Fokus auf seiner Persönlichkeit und darauf, wie er gewirkt hat, als er von Deutschland nach Tallinn kam. Alles war sehr fremd und neu für ihn, in Tallinn herrschte ein ganz anderes kulturelles Klima, denn die katholische Kirche hier in Estland war damals sehr schwach. Erzbischof Profittlich begann, sie aufzubauen. Dem schenkte ich am Anfang des Seligsprechungsprozesses meine Aufmerksamkeit.
Aber inzwischen, da ich seine Texte und Predigten gelesen habe und sehe, wie die Menschen Pater Profittlich verehren, für ihn beten und seine Geschichten erzählen, öffnet er sich mehr und mehr als spiritueller Vater und Bischof für uns. Ich kann seine Bedeutung als ein Oberhaupt und Hirte der Kirche tiefer verstehen. Er wollte den Seelen wirklich helfen.
Wie hat er das gemacht?
Vielleicht kann ich es so mit wenigen Worten beschreiben: Er ist ein Beispiel der Liebe, in einem spirituellen Sinne. Er brachte Liebe zu vielen Menschen. Ich hatte einige Male Kontakt mit seinen Verwandten in Deutschland und war dafür in Birresdorf und Leimersdorf, wo Pater Profittlich herstammt. Ich sah, wie die Verwandten „stolz“ sind auf Pater Profittlich – in einem guten Sinne. Sie haben großen Respekt für ihn. Wenn ich mit ihnen sprach, spürte ich dieselbe Liebe unter uns, die Erzbischof Profittlich zu den Menschen brachte. Auf einmal haben wir alle miteinander geweint. Ich weiß nicht, was da zwischen uns passiert ist, aber es war sehr berührend. Wir spürten, dass Pater Profittlich wie ein spiritueller Vater bei uns war – mit seiner Liebe, die uns erfüllte.
Auch als ich in seinen Texten recherchierte, habe ich gesehen, dass es die Liebe war, die er den Menschen mitgeben wollte. Liebe ist auch der Schlüssel, warum er im Zweiten Weltkrieg nicht nach Deutschland zurückgekehrt ist, sondern bei seiner Gemeinde geblieben ist, bis zum Ende.
Was wünschen Sie sich für die Seligsprechung?
Seit Beginn des Seligsprechungsprozesses habe ich gesagt: Wir machen das nicht nur für Estland. Ja, die Seligsprechung wird hier in Estland stattfinden – das ist schlichtweg unsere Verantwortung, schließlich war Eduard Profittlich hier Erzbischof. Aber ich möchte gerne Menschen aus Deutschland einladen, an der Seligsprechung teilzunehmen, weil Pater Profittlich in Deutschland geboren wurde und die Seligsprechung unser gemeinsames Projekt ist. Deutschland war sein Heimatland. Er hat es sehr geliebt, aber es war Gottes Wille, dass er nach Estland geschickt wurde. Hier war er als Hirte in der Kirche tätig, hier ließ er sein Leben. Aber er hat sein Leben nicht nur für die Menschen in Estland gegeben, sondern für Gott.
Deswegen ist die Seligsprechung nicht nur ein Ereignis für Estland, sondern für die Gesamtkirche. Wir alle können nun gemeinsam hier diesem historischen Ereignis beiwohnen und gemeinsam feiern – ob Katholiken, Jesuiten, Verwandte von Pater Profittlich, schlichtweg alle Menschen guten Willens. Ich habe das Gefühl, er würde das so wollen – dass wir es gemeinsam tun.
Mehr erfahren:
Die wichtigsten Lebensstationen von Eduard Profittlich SJ können Sie hier nachlesen
Dankgottesdienst:
Am Tag nach der Seligsprechung wird in Hamburg ein Dankgottesdienst gefeiert. Die Heilige Messe im Kleinen Michel (Michaelisstraße 5) beginnt am Sonntag, 7. September, um 19 Uhr.
Wissenswertes
SJ-Geschichte
"Tradition ist bewahren und bewegen": der Blick in die Geschichte eröffnet Perspektiven für die Zukunft. Gegründet durch Ignatius von Loyola (1491-1556) waren die Jesuiten die erste Ordensgemeinschaft, deren Ziele ganz von Mission und Lehre geprägt waren. Durch seine starke missionarische Ausrichtung entsprechend der Losung „Gott in allen Dingen finden“ und das Bestreben der Ordensmitglieder, auch die weltliche Umgebung entsprechend ihrer Sendung zu verändern, war der Orden in seiner Geschichte immer umstritten. Einerseits unterstützten die Jesuiten oft kompromisslos die päpstliche Autorität, andererseits geriet der Orden mehrmals in Konflikt mit der Amtskirche. 1773 wurde er sogar ganz aufgelöst. Aber immer wieder hat sich der Jesuitenorden regeneriert und eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten hervorgebracht.
Lebensgeschichten
Jeder Jesuit ist ein Mensch, der in den Exerzitien darum betet, Gott in allem bereitwilliger zu lieben und zu dienen. So viele Wege es gibt, Gott zu suchen und zu finden, so viele unterschiedliche Wege gibt es im Orden, wie Jesuiten ihre eigene Berufung gefunden und in ihrem Leben Ausdruck gegeben haben. Bis heute stellen sich nach dem Vorbild des hl. Ignatius Jesuiten in der ganzen Welt in den Dienst an Gott und den Menschen. Sie alle sind sich bewusst, dass sie als Sünder berufen sind, der Gemeinschaft anzugehören, die mit dem Namen Jesu bezeichnet wird. Oftmals wird gerade in den Brüchen und Widersprüchen der Biografien und sogar im äußerlichen Scheitern sichtbar, was es bedeutet, "unter dem Banner des Kreuzes“ zu leben und Christus immer mehr nachzufolgen. Gottes- und Nächstenliebe sind immer miteinander verknüpft, und die Beziehung zu Gott realisiert sich in den Beziehungen zu den Mitmenschen und umgekehrt.