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„Technik allein kann die Sinnfragen des Menschen nicht beantworten“

Der Jesuit und Philosophieprofessor P. Dominik Finkelde lehrt Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Hochschule für Philosophie München. Im Gespräch ordnet er die KI-Enzyklika des Papstes ein, spricht über die philosophischen Herausforderungen von KI und erklärt, warum die eigentliche Gefahr weniger in einer neuen Sprachverwirrung als in einer Welt der perfekten Verständigung liegt.
 

Pater Finkelde, Sie sind Professor für Erkenntnistheorie. Fordert die Künstliche Intelligenz Ihr Fachgebiet gerade besonders heraus?

Ja, unter der Bedingung, dass KI zurzeit eigentlich alle Bereiche der Philosophie besonders herausfordert – sowohl die theoretische als auch die praktische Philosophie, und damit natürlich auch die Erkenntnistheorie. Letzteres zeigt sich daran, dass jedes Tesla-Auto bereits Objekte erkennen kann. Aber Erkenntnis ist für Menschen in soziale und normative Zusammenhänge eingebettet. Deswegen können wir eine Plastikflasche am Strand von Jesolo nicht nur als Objekt erkennen, sondern als Umweltverschmutzung. Ob KI das auf ähnliche Art und Weise eines Tages schaffen wird, ist eine empirische Frage. Jedes philosophische Reflektieren darüber, ob KI eines Tages richtig normativ wird denken und empfinden können, kann die Zukunft nicht voraussehen. Deshalb steigt auch die Spannung, besonders wenn davor gewarnt wird, KI könne die Menschen eines Tages so zu Mitteln ihrer Interessen machen, wie wir Menschen es Tieren gegenüber tun.

Der Papst spricht in seiner Enzyklika in Bezug auf KI von der Gefahr eines neuen „Turmbaus zu Babel“. Teilen Sie diese Sorge?

Der Turmbau zu Babel steht für die uralte menschliche Versuchung, die Grenzen der eigenen Welt zu überschreiten. Der Mensch möchte sich dann das aneignen, was ihm ursprünglich entzogen ist. Die Bibel nennt dieses Andere den Himmel. Deshalb kann man die Sorge des Papstes verstehen. Aber vielleicht liegt die eigentliche Gefahr gar nicht dort, wo viele sie vermuten. Die biblische Geschichte endet bekanntlich damit, dass die eine gemeinsame Sprache der Menschheit in eine Vielzahl von Sprachen auseinandertritt. Aus Einheit wird Pluralität. Heute erleben wir eher die Gegenbewegung. Wir leben bereits in einer globalen Sprache des Kapitals, der Technologie und der Effizienz. Und KI könnte diese Tendenz noch verstärken, indem sie immer mehr Unterschiede, Perspektiven und Lebensformen in dieselben Muster der Kommunikation und Berechnung übersetzt. Deshalb fürchte ich weniger einen neuen Turmbau zu Babel als das genaue Gegenteil: eine Welt nach Babel. Eine Welt, in der alle dieselbe Sprache sprechen, dieselben Algorithmen benutzen und dieselben Kriterien der Optimierung übernehmen. Die Gefahr wäre dann nicht die Sprachverwirrung, sondern die perfekte Verständigung.
 

Zur Person:

Pater Dominik Finkelde SJ ist 1970 in Berlin geboren und 1996 in den Jesuitenorden eingetreten. Er studierte Literatur und Philosophie in Berlin und Theologie in Paris. 2009 wurde er zum Priester geweiht. Seit 2015 ist er Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuesten Zeit an der Hochschule für Philosophie in München.

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