P. Johann Spermann SJ war als Provinzökonom viele Jahre lang für die wirtschaftlichen und finanziellen Angelegenheiten der Jesuiten in Zentraleuropa verantwortlich. In dieser Funktion musste er täglich wichtige Entscheidungen treffen. Als Jesuit ließ er sich dabei von der ignatianischen Spiritualität und der „Unterscheidung der Geister” leiten – stieß damit aber auch an Grenzen.
Von P. Johann Spermann SJ
Seit den ersten Jahren des Pontifikats von Papst Franziskus hat ein Begriff Karriere gemacht: Unterscheidung der Geister. Kaum eine Ansprache, kaum ein Dokument, in dem er nicht auftauchte. Bald schien alles mit Unterscheidung zu tun zu haben – Reformen, Pastoralpläne, Synodenprozesse. Das Wort wurde zur Zauberformel. Inflationär gebraucht, blieb es zugleich eigentümlich unklar. Kaum jemand konnte wirklich erklären, wie so eine Unterscheidung eigentlich abläuft, was sie von einer klugen Analyse oder einer pragmatischen Entscheidung unterscheidet.
„Wo das Ergebnis schon vorher feststeht, findet keine geistliche Unterscheidung statt.“
Gerade deshalb muss man betonen: Wo das Ergebnis schon vorher feststeht, findet keine geistliche Unterscheidung statt. Wenn ein kirchlicher Entscheidungsträger zu einem „geistlichen Prozess“ einlädt, das Ziel aber längst definiert hat, ist das kein Lauschen auf den Geist, sondern eine Inszenierung mit religiösem Anstrich. Unterscheidung ist Risiko. Der Geist weht, wo er will – nicht, wo er im Plan vermerkt ist.
Die Wurzeln reichen weit zurück. Schon der Erste Johannesbrief mahnt: „Glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind“ (1 Joh 4,1). Und Paulus warnt im 2. Korintherbrief, dass selbst der Satan sich „als Engel des Lichts“ tarnen könne (2 Kor 11,14). Was glänzend wirkt, ist also nicht immer göttlich. Die frühe Kirche wusste um die Notwendigkeit einer Prüfung.
Ignatius von Loyola hat das, was in der Tradition angelegt war, genial auf den Punkt gebracht – aber in einem sehr spezifischen Zusammenhang: den Exerzitien. Für den, der in der Stille sein Leben ordnen und seine Berufung klären will, hat er die inneren Bewegungen genau beobachtet und Regeln formuliert. Trost und Trostlosigkeit, Weite und Enge, Vertrauen und Zweifel – all das wurde zum Prüfmaterial. So entstand ein Instrument, das nicht allgemein alle Debatten lösen sollte, sondern zuerst auf die persönliche Suche nach dem eigenen Weg zielte.
Die Zutaten: Stille, Gebet, Ehrlichkeit, Freiheit, Gemeinschaft
Ein geistlicher Prozess, der diesen Namen verdient, braucht Voraussetzungen. Stille, die den Diskurs unterbricht und das erste Wort nicht zum letzten macht. Gebet, das den Raum über das rein Menschliche hinaus öffnet. Ehrlichkeit, die eigene Betroffenheit nicht hinter Floskeln versteckt. Freiheit, das Ergebnis nicht schon vorher festzulegen. Und eine Gemeinschaft, die nicht in strategischen Lagern denkt, sondern hinhört auf die leisen Regungen, die zwischen uns entstehen.
In der Theorie beherrschen wir Jesuiten das. Für die eigenen Lebensfragen und für die Begleitung anderer ist dieses Instrument wunderbar und sehr effektiv. Es ist ein Markenzeichen unserer Spiritualität – fast eine kleine Berufsehre.
Und doch: Sobald es konkret wird, wenn wir Entscheidungen im Alltag gemeinsam treffen müssen, zeigt sich oft ein Bruch. Denn dann geht es nicht mehr um den eigenen Lebensweg, wo ich mit geistlicher Begleitung meinen inneren Kompass finde. Dann geht es um Entscheidungen mit handfesten Folgen: um den Lebensweg anderer Menschen, die Zukunft einer Institution, den Einsatz von Geld, die Gestaltung von Strukturen. Und diese Entscheidungen treffen wir nicht allein, sondern in Gruppen von Entscheidungsträgern. Wir versuchen, mit denselben Mitteln vorzugehen, die uns in der persönlichen Begleitung so zuverlässig dienen. Doch im gemeinsamen Ringen zeigt sich: Der Prozess folgt anderen Dynamiken – und das Ergebnis ist selten so klar und heilend, wie wir es aus der Einzelbegleitung kennen
Wir ringen nicht nur um Strukturen, wir ringen um Sendung, um Identität, um das Herzstück unseres Lebens.
Geht es um die Zukunft einer Institution, verfliegt die Theorie. Die Sitzungen sind hitzig, die Argumente scharf, die Worte verletzend. Gräben tun sich auf. Wunden bleiben. Mitunter so tief, dass Mitbrüder gehen oder sich in eine innere Immigration zurückziehen.
Warum?
Weil es eben nicht nur um Methoden geht, sondern um Wertungen.
- Was ist uns eine Institution wert – Erbe oder Ballast?
- Welche Vision von Zukunft trägt uns – Nähe zu den Armen oder Einfluss auf Entscheidungsträger?
- Welche Realität wiegt schwerer – nüchterne Zahlen oder verheißungsvolle Möglichkeiten?
Dazu kommen persönliche Erfahrungen, Vorlieben, ganze Weltbilder. Wir ringen nicht nur um Strukturen, wir ringen um Sendung, um Identität, um das Herzstück unseres Lebens. Und weil das Heilige auf dem Spiel steht, sind die Debatten leidenschaftlich – und verletzlich.
Ich sehe das auch durch meine zweite Brille, als Focusing-Therapeut. Dort weiß man: Das Erste, das Lauteste, ist selten das Eigentliche. Unter der Wut liegt Schmerz. Unter der Schärfe Sehnsucht. Unter dem verletzenden Satz das Bedürfnis nach Gehör. Doch wer in der Hitze des Gefechts bleibt, erreicht die Tiefe nicht. Wir zerkratzen uns an der Oberfläche, während das tiefere Ganze ungesagt bleibt. Ich sage das nicht von außen her, sondern als einer, der mitten in diese Dynamiken eingebunden ist – und der selbst spürt, wie schwer es ist, dort nicht herauszufallen.
Unterscheidung ist keine sterile Operation, sondern ein blutiger Prozess
Und doch – das Paradox: Am Ende steht nicht selten ein gutes, ja manchmal sogar ein unerwartetes Ergebnis. Der Entschluss trägt. Bedeutet das, wir hätten uns die Wunden sparen können? Vielleicht nicht. Vielleicht gehören sie dazu. Vielleicht ist es Teil der Wahrheit, dass Unterscheidung keine sterile Operation ist, sondern ein blutiger Prozess. Mit Herzklopfen. Mit Narben.
Indifferenz – dieses große ignatianische Ideal – heißt nicht, gleichgültig zu sein. Sie ist keine Dauerhaltung des Abstands, sondern eine Kunst des In-der-Schwebe-Bleibens: die eigenen Präferenzen so lange zurückzuhalten, bis der leisere, tiefere Ton hörbar wird. Danach darf man wieder Partei ergreifen, vielleicht sogar leidenschaftlicher als zuvor. Ich selbst bin ein leidenschaftlicher Fan dieses Ringens. Aber vielleicht braucht es in manchen Situationen auch externe Begleiter – Menschen, die die Rolle geistlicher Begleiter für eine Gruppe übernehmen. Nicht, um Lösungen zu liefern, sondern um uns zurückzuführen in den inneren Raum, den wir so leicht verlieren.
Vielleicht müssen wir Jesuiten damit leben, dass wir keine makellosen Meister der Unterscheidung sind. Wir bleiben Suchende, die ringen, streiten, verletzen – und dennoch manchmal den Ton treffen, der trägt. Vielleicht liegt die Wahrheit darin, dass die Unterscheidung der Geister nicht das elegante Fach der Routiniers ist, sondern ein Weg voller Ambivalenz. Ein Weg, der uns an die Grenzen führt – und doch manchmal mitten durch die Wunden hindurch einen Raum des Geistes öffnet.
Aber die Wunden sind nicht nur rhetorische Bilder. Manche tragen sie lange. Manche zerbrechen daran, verlieren Vertrauen, verlieren Anschluss. Manchmal gehen sie fort – äußerlich sichtbar oder innerlich still. Auch das gehört zur Bilanz von Prozessen, die wir geistlich nennen. Es genügt nicht, das gute Ergebnis zu feiern. Wir sind gerufen, den Zurückgebliebenen, den Verletzten, den Verstummten nachzugehen. Ihnen Raum zu geben, sie nicht aus der Geschichte zu streichen. Vielleicht liegt genau darin die tiefere Treue zum Geist: dass er nicht nur im Beschluss weht, sondern auch in den Brüchen, im Schweigen, im Schmerz.
Im Durcheinander einen Klang zu hören, der nicht von uns selbst kommt
Nicht trotz, sondern wegen all dieser Brüche empfehlen wir diese Methode weiter: nicht, weil sie uns unfehlbar macht, sondern weil sie uns erlaubt, im Durcheinander einen Klang zu hören, der nicht von uns selbst kommt – und dem zu vertrauen, dass er trägt.