• Am 27. Januar 1945 befreite die sowjetische Armee die Häftlinge des KZ Auschwitz.
  • 2016 besuchte Papst Franziskus das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.
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Vom Wissen zur persönlichen Betroffenheit

Wie sich ein Nicht-so-genau-Wissen-Wollen über die NS-Verbrechen in Wissen, und Wissen in Betroffenheit wandeln kann - Schritte dieser Transformation im Lebenslauf eines Nachkriegsdeutschen

Seit 1996 begeht Deutschland jedes Jahr den 27. Januar als Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus – 51 Jahre nach dem Stoppen der Ungeheuerlichkeiten, die sich in den KZs abspielten. Bei der Befreiung von Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee hatte ein sowjetischer Presse-Offizier ausgehungerte Insassen und die Leichenberge mit seiner Filmkamera aufgenommen. Diese Bilder wurden von den West-Alliierten übernommen und unterstützten medial die von ihnen betriebene Entnazifizierung.

Damit waren Verhöre von belasteten Regierungs- und Verwaltungsleuten gemeint. Sie bekamen Berufsverbot für politische Ämter. Auch die allgemeine Bevölkerung sollte eine „Reeducation“ erfahren: ideologiefreie und auf Demokratie ausgerichtete Schulbildung, Informationen durch staatsferne Medien, Verhinderung eines deutschen Zentralismus durch föderale Strukturen. Auch die DDR belegte ehemalige NS-Führungskader mit Berufsverbot, nahm es aber dabei nicht so genau, wenn sie sich am Aufbau des Sozialismus zu beteiligen bereit waren. Man nannte sich antifaschistische Republik und freute sich hämisch, wenn in der BRD wieder einmal ein ehemaliger NS-Funktionär in Regierungsämtern entdeckt wurde.

Und wie verhielt sich der/die durchschnittliche Westdeutsche? Leugnen war nicht möglich, aber man wollte es nicht so genau wissen. Man sprach einfach nicht darüber, auch nicht in der Schule. Vordringlich war der Aufbau der zerstörten Städte, demokratischer Strukturen, einer sozialen Marktwirtschaft. Gegenüber den überlebenden Juden begann die Bundesrepublik ab 1960, als sich David Ben Gurion und Konrad Adenauer in New York trafen, eine gewisse finanzielle Wiedergutmachtung zu leisten. Westdeutschland verhielt sich außenpolitisch defensiv, vermied jeden Ausbruch eines Nationalstolzes (außer nach Fußball-Weltmeisterschaften) und wollte sich bewusst in ein vereintes Europa einbinden: Auch die neuen Streitkräfte waren Teil der NATO.

Und was wusste ich?

Geboren 1942 in Tschechisch-Oberschlesien, war ich mit Eltern und zwei Brüdern über Wien nach Westdeutschland gekommen, hatte in den 1950er Jahren ein katholisches Gymnasium besucht und war 1962 in den Jesuitenorden eingetreten. 1965 war ich zum ersten Mal zum Verwandtenbesuch in meiner Geburtsstadt. Im Jahr darauf tauchte da auch ein Dr. Woznica auf, ein polnischer Jurist, den mein Vater in seinem Anwaltsbüro angestellt hatte. Er kam kurz zuvor aus dem KZ Dachau und Mauthausen. Als mein Vater ihn damals fragte, wie es da zugehe, soll er gesagt haben: „Herr Kollege, wenn ich Ihnen davon erzähle, gefährde ich nicht nur mich, sondern auch Sie.“ Auschwitz, das nur 80 km entfernt damals im Deutschen Reich lag, erwähnte eine Nenn-Tante, die mit ihrem Mann, dessen Vater jüdischer Abstammung war, in einer ärmlichen Wohnung hauste. Sie erzählte von ihrer Fahrt ins KZ Auschwitz; wo sie einem Verwandten ihres Mannes Essen und Wäsche bringen wollte.

Zwar hatte ich von Pullach aus, wo ich damals mit 120, darunter vielen ausländischen Mitbrüdern Philosophie studierte, das KZ-Gelände und den neu entstandenen Karmel in Dachau besucht – wenn ich mich recht erinnere, auf Anregung von zwei Schweizer Mitbrüdern. Aber dass das Dachauer KZ das erste, schon im März 1933 errichtete KZ der Nazis war und als Schule der Gewalt für alle Kommandanten der späteren Vernichtungslager diente, nahm ich aus diesem Besuch nicht mit. (Das las ich erst Anfang der 1990er Jahre in den „Dachauer Heften“, die auszugsweise in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt wurden.)

Auch während meines Lehrerstudiums in Nürnberg blieb mein Wissen davon eher im Hintergrund. Zwar bekam ich Adornos Frage mit, die er 1966 in einem Radiovortrag stellte: „Wie ist Erziehung nach Auschwitz noch möglich?“ Aber die 68er-Studentenbewegung war zu sehr mit anderen Problemen beschäftigt. Auch während meines anschließenden Theologiestudiums in Frankfurt war es eher die Öffnung der Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die mich interessierte. Die NS-Vergangenheit wurde erst 1979 zu einem zentralen Thema, als das ZDF den Vierteiler „Holocaust“ zur Hauptsendezeit ausstrahlte. Mit diesem Begriff – aus dem Griechischen für „vollständig verbrannt“ – hatte die Geschichtsforschung in den USA der 1970er Jahre die Vernichtung der europäischen Juden in der Zeit des Nationalsozialismus zu bezeichnen begonnen. Die Juden selbst nennen dieses Ereignis seit 1948 „Sho’a“ (=Katastrophe, Untergang, Zerstörung).

Und mit diesem Titel kam also eine erzählerische Verdichtung auf das Schicksal einer jüdischen Arzt-Familie in Berlin daher. Ist das nicht eine zu flache „Soap“, in den USA zusätzlich durch Werbung (u.a. für Waschmittel, also Soap) unterbrochen? In Hollywood mit bekannten Schauspielern gedreht, emotional und „kitschig“ – auf jeden Fall nicht so ernsthaft und historisch belegt wie die über 100 Dokumentarfilme, die inzwischen in West- und Ostdeutschland über die KZs entstanden waren und für Bildungszwecke auch nach der Fernsehausstrahlung für Schulen ausgeliehen werden konnten.

Die Wirkung der amerikanischen Serie widerlegte alle diese Unkenrufe. Spätestens ab dem zweiten Abend wurde in den meisten Familien heftig diskutiert, oft bin in die Morgenstunden. Wo wart ihr damals, wurden die Großeltern heftig befragt. Was habt ihr gemacht, als jüdische Nachbarn und Nachbarinnen verhaftet wurden? Was habt ihr von den KZs gewusst? Die Judenvernichtung war mit einem Schlag ein allgemeines, offen diskutiertes Thema geworden. Und auch die deutsche Geschichtsschreibung begann zu akzeptieren, dass die systematische Ermordung von europäischen Juden (und von Oppositionellen, Sintis und Romas, Schwarzen, homosexuellen und „behinderten“ Menschen) die NS-Ideologie und -herrschaft von den anderen faschistischen Regimen (in Italien, Spanien, Slowakei, Ungarn) unterschied.

Wie wird vollständiges Wissen zu persönlicher Betroffenheit?

Bei mir passierte das 2014 beim Besuch von Auschwitz, in der Mitte einer gemeinsamen Tagung von jungen Mitbrüdern in Krakau. Mit Menschen aus aller Herren Länder schoben wir Deutsche uns schweigend durch das Museum, u. a. vorbei an der Riesenvitrine mit dem Haufen von Kinderschuhen. In unserer Kleingruppe verbrachten wir dann drei Stunden mit Schauen und Beten auf dem Gelände des Vernichtungslagers Birkenau. Den Abschluss bildete das Gespräch im Gottesdienst mit dem deutschen Pfarrer Deselaers, dem Leiter des nahegelegenen Zentrums für Dialog und Gebet. Was mir von diesem Tag geblieben ist, sind vor allem Bilder, aber auch die Entschlossenheit: Das alles darf nicht vergessen werden! Vor allem: Es darf sich nicht wiederholen! Das Aufflammen rechtsextremer Bewegungen gibt Anlass zu Sorge – und verlangt Wachsamkeit.

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