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Bild 1: AdobeStock/Ivan Kmit / Bild 2: Greger Hatt

Von der Kunst, gute Entscheidungen zu treffen

In einer Welt nahezu unerschöpflicher Lebensoptionen tun sich viele Menschen zunehmend schwer, Entscheidungen zu treffen – sie könnten sich ja als falsch erweisen. Für richtige Entscheidungen hat vor 500 Jahren der heilige Ignatius eine Methode entwickelt, die bis heute funktioniert, bei den großen Fragen des Lebens genauso wie im Alltag. P. Dominik Terstriep SJ spricht im Interview über die Unterscheidung der Geister und was diese Methode von Management-Techniken unterscheidet.

Pater Terstriep, eine Google-Suche, wie man Entscheidungen richtig trifft, liefert unzählige Lebens- und Management-Berater mit im Grunde immer denselben Ratschlägen: Liste der Vor- und Nachteile, Wünsche und Motive, am Ende das Bauchgefühl – was ist bei der Unterscheidung der Geister anders?

Einiges davon kann man sicher auch als Management-Methode anwenden, aber der wesentliche Unterschied ist, dass bei Ignatius ein Gott existiert, der es gut meint mit mir, der einen Plan hat für mein Leben und der mich zu dem machen will, wie ich gedacht bin. Das Ziel der Unterscheidung ist, dass ich Gottes Willen für mein Leben finde.

Wird das nicht immer schwieriger angesichts der nahezu unendlich vielen Optionen, wie Menschen heute ihr Leben gestalten können?

Genau deshalb ist das Unterscheiden der Geister so wichtig. Das Leben ist ja kein Supermarkt der Optionen, in dem es egal ist, wohin man greift, denn nicht alle Optionen sind gleich gut. Der Heilige Ignatius hat die Unterscheidung der Geister entwickelt, damit wir uns den Weg zu unserer ganz persönlichen Bestimmung nicht verbauen durch ungeordnete Leidenschaften für das ein oder andere. Die Idee ist, dass ich bei Entscheidungen nicht im Nebel irgendwelcher Wünsche und Möglichkeiten herumstochere, sondern dass ich herausfinden kann, welcher Weg der meine ist, weil Gott ihn für mich sieht, genau mit meinen Talenten, wie auch mit meinen Begrenzungen oder Schwächen.

Wie geht das praktisch, die Geister unterscheiden?

Im ersten Schritt muss ich eine konkrete Frage formulieren. Das klassische Beispiel eines Jesuiten ist natürlich, ob man in den Orden eintreten soll. Ich bitte also um Klarheit in dieser Frage.

Der zweite Schritt ist Information: Habe ich alle erforderlichen Informationen, um einen Sachverhalt zu beurteilen? Und zwar sowohl, was die Sache selbst betrifft, als auch meine eigenen Fähigkeiten: Kann ich das überhaupt? 

Der dritte Schritt ähnelt den Management-Methoden: Es ist die Liste der Vor- und Nachteile. Nur, was viele übersehen: Eine solche Liste allein reicht nicht für eine gute Entscheidung.

Deshalb der vierte Schritt, hier geht es an die Unterscheidung der Geister. Ich denke mich in die verschiedenen Optionen hinein, so als ob ich mich bereits entschieden hätte, und spüre hin auf die Regungen und Bewegungen meiner Seele.

Was sind das für Regungen?

Der Mensch ist ambivalent, es gibt gute und böse Geister in uns, wie es Ignatius nennt, heute würde man das Prägungen nennen. Das sind zum einen solche, die uns zum Guten und Richtigen leiten, sowie andere, die uns hindern oder abhalten davon. Es geht darum zu unterscheiden: Was verschafft mir Trost, innere Freude, Hoffnung, Liebe? Und was versetzt mich in Unruhe, Traurigkeit, Dunkelheit? Wobei man aufpassen muss, dass sich ein böser Geist nicht im falschen Gewand präsentiert und einem statt echter, tiefer Zufriedenheit nur ein angenehmes Wohlgefühl verschafft, vielleicht auch nur für den Moment. Die Geister in sich zu erkennen, ist der Wegweiser unseres Lebens hin zu dem, was Gott in uns grundgelegt hat. Wenn man das klar erkannt hat, dann ist es der Moment für die gute Entscheidung.

Ist es das, was in Lebensratgebern als Bauchgefühl bezeichnet wird?

Ja und nein. Ein Bauchgefühl kann diffus sein, die Methode des Ignatius aber ist sehr klar strukturiert und konkret. Seine Innovation besteht gerade darin, dass er Rationales und Emotionales kombiniert. Und das konnte er, weil er überzeugt war, dass Gott in unserer Seele direkt wirkt und wir sein Handeln in den Bewegungen der Seele erkennen können.

Was mache ich dann mit der gewonnenen Erkenntnis?

Dann sollte man im fünften Schritt zu jemandem gehen der in geistlicher Begleitung kompetent ist. Ihm sollte man alles vorlegen und gemeinsam darauf schauen. Wenn es jemand ist, der einem nahesteht, wird er ehrlich widerspiegeln, ob er es stimmig findet für einen, oder irgendwo ein Störgefühl hat. Wichtig ist auch, dass das Ganze, insbesondere bei großen und wichtigen Entscheidungen, seine Zeit braucht. Der ganze Prozess kann ein langes Hin und Her sein, aber solange noch keine Klarheit da ist, ist er nicht abgeschlossen, dann fehlt noch etwas. Der innere Frieden mit der Entscheidung soll schließlich von Dauer sein.

Der sechste Schritt, wenn man die Entscheidung getroffen hat, ist dann Konsequenz: umsetzen, was man erkannt hat, und dranbleiben.

Ist die Unterscheidung der Geister auch für kleinere Entscheidungen des Alltags geeignet?

Definitiv ja. Gerade im täglichen Examen, dem abendlichen Rückblick, können wir sehr gut auf das schauen, was uns an diesem Tag begegnet ist, auf Situationen, Begegnungen, auch mit uns selbst: Wie wir den Tag verbracht haben, was uns gefreut hat, auf welche Schwierigkeiten wir gestoßen sind. Wer das regelmäßig macht, erkennt leicht seine inneren Geister, und kann so Tag für Tag seinen Kompass neu ausrichten darauf, wo es hingehen soll.

Wie sicher ist dieser Kompass?

Natürlich kann das Leben anders verlaufen als geplant, Dinge sich anders entwickeln als vorhergesehen. Wenn das der Fall ist, dann muss man sich gegebenenfalls neu entscheiden. Wobei Ignatius hier auch eine klare Grenze setzt. Verbindliche Versprechen oder Gelübde (Ehe oder Orden) stehen für ihn nicht zur Disposition. Da gilt es, sich innerhalb der ein- für allemal getroffenen Entscheidung neu auszurichten, nicht aber sie aufzugeben. Wenn mich z. B. eine erneute Unterscheidung der Geister zu einem Austritt aus dem Orden führen würde, dann sagt Ignatius: nö. Das ist nicht von Gottes Geist; die Gelübde gelten. Das wird oft unterschlagen, weil uns der personalistische Ansatz von Ignatius so gut gefällt, aber er balanciert die subjektive Seite des Prozesses mit der objektiven.

Welche Tipps haben Sie für jemanden der neu beginnen möchte mit Unterscheidung der Geister?

Eigentlich ist das nicht schwierig für Neuanfänger, es kommt vielleicht auf fünf Dinge an: Erstens, den Prozess einhalten, alle Schritte durchgehen. Zweitens, Rituale im Alltag bauen, damit man sich auch Zeit nimmt dafür. Das muss nicht wahnsinnig lange sein, aber regelmäßig. Drittens, Indifferenz üben, also die Dinge, die man beurteilen möchte, zunächst mit Abstand betrachten und sie gleich gelten lassen. Sie nicht vorschnell werten oder sich gleich leidenschaftlich in eine Sache stürzen. Viertens, aufschreiben, was man sieht. Und fünftens, dranbleiben, es bedeutet etwas Aufwand und Mühe, aber wer das scheut, wird weiterhin schlechte Entscheidungen treffen, im Kleinen wie im Großen. Andererseits: Wir trainieren und optimieren in unserem Leben so vieles: Körper, Skills, Auftreten, Sprachen, Musikinstrumente, usw. Aber seltsamerweise üben wir nicht das, was so wichtig für unser Leben ist: dass wir uns gut entscheiden.

Interview: Gerd Henghuber

Zur Person:

Dominik Terstriep SJ

Pater Dominik Terstriep SJ, Dr. theol., M. A. (Ideengeschichte), wurde 1998 für die Diözese Münster zum Priester geweiht und ist 2003 in den Jesuitenorden eingetreten. Er war Hochschulseelsorger in München und in Stockholm. Seit 2012 ist er Pfarrer der St. Eugenia-Gemeinde in Stockholm und Dozent für Dogmatische Theologie am Newmaninstitut in Uppsala.

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