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Vortrag Migration zwischen Mut und Mythen

Ein Vortrag von Pater Fabian Retschke SJ im Gemeindesaal von St. Otto, Berlin-Zehlendorf

Normalerweise tritt der Vortragende erst auf, wenn das Publikum seine Plätze bereits eingenommen hat, doch P. Retschke begrüßte die ca. 60 Erschienenen schon draußen vor der Tür. Er ist nicht nur Kaplan von Johannes Bosco, sondern auch „Advocacy Officer“ des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS). Diese etwas sperrige Bezeichnung umschreibt die jesuitische Migrantenarbeit mit den Begriffen Begleiten – Dienen – Fürsprechen und umfasst auch Härtefallberatung. An erster Stelle steht das Zuhören. Die Jesuiten nehmen sich Zeit, Migranten zuzuhören, aber sie wollen auch mit der Aufnahmegesellschaft sprechen, denn es ist legitim, wenn Menschen, die sich nicht mehr heimisch fühlen, ihre Ängste äußern.

Als Einstieg dienten an diesem Abend Fotoklappkarten, die Einheimische und Migranten zusammen zeigten und mit Fragen zum Thema führten, z.B.: Wann und wo waren Sie schon mit Flüchtlingen konfrontiert? Oder: Was würden Sie am meisten vermissen, wenn Sie Ihre Heimat verlassen müssten? Darauf antworteten mehrere Zuhörer mit eigenen Erlebnissen. Anschließend sollte eingeschätzt werden, welche Aussagen zu Flüchtlingen wann und wo getätigt wurden: „Die Flüchtlinge und Vertriebenen belasten unsere Gemeinden über Gebühr. Die Stimmung in der Bevölkerung droht zu kippen, wenn nicht rasch für Wohnraum gesorgt wird.“ Klingt aktuell, ist aber von 1949 (Deutsche Pressestimme über vertriebene Deutsche). Oder: „Reden nix Deutsch, kriegen aber alles“- so im „Spiegel“1989 über Spätaussiedler. Fazit: Migration hat es schon immer gegeben, und wenn man sich in der Familie umschaut, wird man schnell feststellen, dass die meisten Berliner von Migranten abstammen.

In einem Video wurde eine aktuelle Integration vorgestellt. Ein Iraner berichtete in flüssigem Deutsch von seinen Erfahrungen in Deutschland. Er betonte, wie wichtig es sei, Deutsch zu lernen, eine Ausbildung zu machen und immer weiter zu lernen. Bei der Flüchtlingsberatung der Jesuiten sieht man sich in Abständen die Entwicklung der Betreuten an. Wer sich darauf nicht einlässt, für den endet die Betreuung. Es gilt Fördern und Fordern.

Welche Aussagen hört man häufig zu Migration? „Die Welt steckt in einer Flüchtlingskrise, Einwanderung untergräbt den Sozialstaat, Einwanderer nehmen Arbeitsplätze weg, andrerseits brauchen wir Einwanderung wegen unserer alternden Gesellschaft“. Ein Faktencheck ergab, dass weltweit die meisten Menschen an ihrem Geburtsort bleiben (84%). Es gibt eine Binnenmigration von 13%, eine internationale Migration von 3%, während die Fluchtmigration lediglich 0,3% ausmacht. Hierzulande üben die meisten Migranten Tätigkeiten aus, für die sich kein Deutscher findet, d.h. sie arbeiten in Pflege- und Gesundheitsberufen, beim Bau und im Handwerk oder im Logistik- und Transportwesen. Für eine Verjüngung der Gesellschaft wären jährlich 3,4 Mio. Einwanderer nötig, d.h. das Zehnfache der jetzigen Zugänge.

Mit fundiertem Zahlenmaterial zeigte P. Retschke, dass viele weitverbreitete Meinungen Mythen sind. Deshalb ermutigte er die Zuhörerschaft, wenn im Freundes oder Bekanntenkreis solche Äußerungen fallen, ruhig mit einem „Ganz so ist das nicht…“ gegenzuhalten. Damit endete dieser eindrückliche Abend, der sehr gut ankam.

Katharina Schmidt

 

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