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Warum ich vor dem Essen bete

Täglich schiebe ich mir Kartoffeln, Bohnen, sonstiges Gemüse, manchmal ein gut gewürztes Rindsteak oder eine saftige Traube in den Mund. Was sind diese Dinge und was tue ich da?

Wenn ich in die Natur hinausschaue, sehe ich verschiedene Pflanzen und Tiere, die ich benennen kann. Und ich sehe Leben. Die Pflanzen wachsen, öffnen ihre Blüten am Morgen, strecken ihre Köpfe der Sonne entgegen und verwelken, wenn ihre Zeit vorüber ist. Kühe springen und hüpfen regelrecht übers Feld, wenn man sie im Frühling das erste Mal auf die Weide lässt. Sie freuen sich. Sie schlagen aus, wenn sie Angst haben oder ihnen etwas nicht passt. Tiere haben ihren eigenen Charakter. Ich glaube, dass sich in allem, was lebt und sich bewegt, etwas Göttliches befindet. Ja, ich glaube, Gott ist es, der Leben möglich macht. Er ist es, der in seiner Schöpfung wirkt und dieses unglaublich feine und zerbrechliche Gleichgewicht aufrechterhält.

Doch die Schöpfung und das Leben ist nicht nur etwas Schönes und Liebliches. Nein, das Leben ist auch rau und gewalttätig. Davor sollten wir die Augen nicht verschliessen, sondern ganz bewusst hinschauen.

Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und habe Landwirt gelernt. Ich erinnere mich, wie ich einmal mit dem Traktor Heu gemäht habe, wobei ich drei Meter Mähwerk vorne am Traktor hatte und nochmals zwei Meter Mähwerk hinten am Traktor. Fünf Meter geballte Tötungsmaschine. Alle Pflanzen, die vor den Traktor kamen, wurden sauber abgeschnitten. Damit habe ich den Pflanzen das Leben genommen und vielen Bakterien die Lebensgrundlage entzogen. Sicher kamen auch viele Kleintiere wie Grasshüpfer, Käfer und manchmal Mäuse und Hasen zwischen die Messer. Das Gras wird an die Kühe verfüttert. Ich habe unsere Kühe immer geliebt und sie alle beim Namen gekannt, meistens ebenso ihre Väter und ihre Mütter. Und ich habe sie zum Metzger gebracht, damit sie getötet werden und wir sie anschliessend verspeisen konnten. Ja, der Kreislauf des Lebens ist nicht nur schön, wenn man es genau betrachtet.  Und nur, wenn wir ehrlich hinschauen und hinhören, werden wir uns auch bewusst, was wir tun auf diesem Planeten.

Gott will, dass wir leben, also will er auch, dass wir, wie oben beschrieben, töten. Doch sollen wir dies massvoll und mit Bewusstsein tun. Wie oft verschlingen wir unbewusst unser Essen, als ob es ein Stück leblose Materie wäre, das nie gewachsen ist, nie geatmet hat. Und von dem wir denken, es liege uns selbstverständlich und in unendlichen Massen vor.

Zu beten vor dem Essen heisst für mich, dem zu danken, der das Leben ermöglicht. Beten vor dem Essen kann heissen, sich immer wieder bewusst zu machen, wie sehr Gott in der Schöpfung für uns arbeitet und wirkt. Es ist ein Wunder, dass es überhaupt diesen fein abgestimmten Kreislauf des Lebens gibt. Beten vor dem Essen kann mir bewusst machen, dass Leben, jegliches Leben wertvoll ist. Beten vor dem Essen heisst für mich, Danke zu sagen für die Schöpfung, die Leben für mich hingibt, damit ich leben kann.
Ja: «Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.» Albert Schweitzer.

Martin Föhn SJ, Scholastiker im Studium der Theologie und Philosophie in Paris

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SJ-Generalskurie
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