Bild 1: Loyola Productions Munich

Was ist der Unterschied zwischen KI und Klugheit, Pater Brüntrup?

Was unterscheidet eine Maschine, die alles weiß, von einem Menschen, der richtig handelt? Warum genügt Rechenleistung nicht, wenn es um Verantwortung und Sinn geht? P. Godehard Brüntrup SJ zum Thema KI und warum Klugheit mehr ist als Intelligenz – und warum sie sich nicht programmieren lässt.
 

Pater Brüntrup, was ist Klugheit?

Klugheit ist die Kunst, im Dickicht des Lebens den schmalen Pfad zu finden, der zum Guten führt. Sie gleicht nicht dem Licht der Sonne, das alles gleichmäßig erhellt, sondern der Laterne des Wanderers, die gerade so weit leuchtet, wie der nächste Schritt reicht. In ihr verbinden sich der Verstand, der urteilt, mit dem Herzen, das spürt, und der Hand, die handelt. Die alten Meister nannten sie die Mutter aller Tugenden, weil ohne sie selbst die edelste Absicht im Labyrinth des Irrtums verlorengeht. Sie ist jenes intuitive Wissen, das weiß, wann Schweigen Gold ist und wann ein Wort gesprochen werden muss. Die spirituelle Form der Klugheit ist Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister, die das Handeln nicht am eigenen, sondern am Willen Gottes orientiert.

Welche Arten von Klugheit lassen sich unterscheiden?

Es gibt Aspekte der Klugheit. Es gibt eine Klugheit des Kopfes, die rechnet und plant wie ein Schachspieler, der zwanzig Züge vorausdenkt. Daneben wohnt eine Klugheit im Bauch – jenes implizite Wissen, das spricht, bevor der Verstand die Worte findet, wie ein Tier, das den nahenden Sturm spürt, ehe die erste Wolke erscheint. Eine dritte Klugheit zeigt sich im Umgang mit Menschen: Sie liest in Gesichtern wie in aufgeschlagenen Büchern und hört, was zwischen den Worten klingt. Man spricht auch von der analytischen, der intuitiven und der emotionalen Intelligenz. Im gelingenden Leben braucht man alle drei als Gespann, keine führt allein. Über all diesen thront die Weisheit, die das Alltägliche aus der Sicht der Ewigkeit betrachtet. 

Was davon kann KI – und was (noch) nicht?

Die KI gleicht einer gewaltigen Bibliothek, in der alle Bücher der Welt versammelt sind – doch es fehlt der Leser, der beim Lesen weint oder lacht. Sie kann Muster weben aus Millionen Fäden und Wahrscheinlichkeiten berechnen wie ein allwissender Augur, doch das Zittern der Entscheidung, das Pochen des Herzens vor dem Sprung ins Ungewisse kennt sie nicht. Das Bauchgefühl – diese Stimme der gelebten Erfahrung – bleibt ihr fremd wie einem Blinden die Farbe. Sie kann beschreiben, was ein Mensch fühlt, aber sie steht dabei immer draußen vor dem Fenster und schaut hinein. Sie fühlt nichts. Was sie gibt, ist die Landkarte; selbst Gehen tut sie keinen Schritt. Was ihr fehlt, ist der situative Urteilsakt, der nicht regelförmig ableitbar ist, sondern aus einer erlebten Einheit von Erkennen, Wollen und Fühlen entspringt.

Wie wendet man das richtige Wissen im richtigen Moment an?

Die Griechen nannten ihn Kairos – jenen flüchtigen Gott mit dem kahlen Hinterkopf, den man nur fassen kann, wenn er kommt, niemals wenn er geht. Es genügt nicht, das Richtige zu wissen; man muss es im Herzschlag des Augenblicks tun können, wie der Bogenschütze, dessen Pfeil fliegt, bevor er noch über das Ziel nachdenkt. Dieses Können wächst nur durch Lebenserfahrung, durch tausend kleine Übungen, bis das Wissen in Fleisch und Blut übergeht. Die KI kann einen günstigen Zeitpunkt zum Verkauf oder Ankauf an der Börse ermitteln, weil sie schneller rechnen kann als der Mensch. KI kann das „Timing“ optimieren, sofern es regelbasiert modellierbar ist, sie verfehlt jedoch die existentielle Dimension des Kairos als unwiederbringlicher Entscheidungssituation. Der „richtige Moment“ ist immer auch ein Zeitpunkt der gewagten Freiheit und damit des Risikos, das keine Berechnung eliminieren kann.

Gibt es Bereiche von Klugheit, die KI prinzipiell nie erreichen wird?

Es gibt ein „Heiligtum“, das bisher keine Maschine betreten kann: das Innere des erlebten Ich, wo einer sich selbst begegnet und fragt, wer er sein will. Klugheit als Tugend wurzelt in einem Selbst, das sich binden kann durch ein Versprechen, das demütig sein kann vor Verantwortung, das Schuld empfinden kann wie eine brennende Wunde. Auch das Leid als Lehrmeister, das tiefer bildet als alle Bücher, bleibt der KI versiegelt, denn sie kann nichts empfinden. Der KI ist der Bereich des Ich, der ersten Person verschlossen. Sie sieht die Welt aus der objektiven Perspektive der dritten Person. Und weil sie kein Ich kennt, kennt sie auch kein Du. Klugheit als Tugend setzt ein bewusstes Selbstverhältnis voraus, das Maschinen ohne Bewusstsein nicht ausbilden können. Auch die spirituelle Dimension der Klugheit, verstanden als Öffnung für ein Unbedingtes, erfordert eine Transzendenzfähigkeit, die nicht programmierbar ist. 

Wie verhält es sich mit Spiritualität?

Spiritualität ist der Atem der Seele, die nach dem Göttlichen dürstet wie der Hirsch nach der Quelle. Sie beginnt dort, wo alle schnellen Antworten aufhören, und das Staunen anfängt. Der Mensch erfährt sich als Gerufener, als einer, der Antwort geben muss auf eine Frage, die alles menschliche Maß sprengt. Die KI kann alle Gebete der Welt sammeln, alle Mystiker zitieren – doch das Beugen des Knies, das Brennen des Herzens, das Verlorensein oder das Geborgensein in der Gegenwart des Heiligen kann sie nicht selbst vollziehen. Sie beschreibt den Ozean, aber sie schwimmt nicht in ihm. Spiritualität ist kein Wissen über das Unendliche, sondern das Ergriffenwerden von ihm. KI kann religiöse Traditionen analysieren, spirituelle Praktiken beschreiben und theologische Argumente rekonstruieren, jedoch keinen eigenen Vollzug von Spiritualität leisten. Denn dieser setzt ein Selbst voraus, das sich in seiner Endlichkeit erfährt und nach dem Unbedingten fragt.

Wie versteht KI die körperlichen Aspekte menschlicher Existenz?

Für die KI ist der Leib eine Landkarte aus Daten – Kurven und Zahlen, Signale und Muster. Doch der lebende Leib ist mehr: das Pochen des Pulses vor der Prüfung, der angenehme Schmerz müder Muskeln nach dem Lauf, die Tiefe einer Umarmung. Die KI sieht den Tanz, aber sie spürt nicht, wie der Rhythmus durch die Glieder fährt. Sie kennt die Biochemie der Lust, aber nicht das Feuer, das sie entfacht. Was die Phänomenologen den „belebten Leib“ nannten – jenes Ich, das nicht einen Körper hat, sondern sein Körper ist –, bleibt ihr verschlossen. Sie erlebt nichts leiblich. Wiederum: Sie steht am Ufer und beschreibt das Meer; aber nass wird sie nie.

Die Fragen stellte Gerd Henghuber.

Zur Person:

Godehard Brüntrup SJ

Pater Godehard Brüntrup SJ ist Professor für Philosophie und kommissarischer Leiter des Instituts für naturwissenschaftliche Grenzfragen zur Philosophie und Theologie (ING) an der Hochschule für Philosophie in München.

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