• Flughafenseelsorger P. Wolfgang Felber SJ © SJ-Bild/Stefan Förner
  • Ehrenamtliche mit einem offenen Ohr für die Sorgen und Nöte. © SJ-Bild/Stefan Förner
  • Der katholische Jesuitenpater Wolfgang Felber SJ und die evangelische Pastorin Sabine Röhm.
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Wie schön, im Trubel einfach mal durchatmen zu können?

Helfer in Lila bei kleinen und großen Problemen - Flughafenseelsorge im Hauptstadt-Airport BER

Der Hauptstadtflughafen BER kommt nicht aus den Schlagzeilen. Lange Warteschlangen sorgen für entnervte Reisende. Für sie sind 30 meist ehrenamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger da. Und eine Zuflucht abseits des Trubels.

"Ein sehr gelungener Raum", findet Kirsten Specht. Sie blickt auf die dunklen Backsteine, die in der Kapelle des neuen Berlin-Brandenburger Flughafens BER die Wand strukturieren. "Es hätte aber mehr Farbe sein können", meint die Heilpraktikerin aus Braunschweig. Nur eine quadratische Öffnung an der Decke der fünf Meter hohen, zeltartigen Konstruktion, Lichtleisten und eine Aussparung in der Wand in Form eines Kreuzes erleuchten das Halbdunkel.

Specht hat auf einem der wenigen Stühle Platz genommen. "Ich genieße diese Ruhe hier total", sagt die 53-Jährige. Die schlichte Kapelle mit Altartisch, Bibel und Lesepult hat sie durch Zufall entdeckt, auch den benachbarten "Raum der Stille", einen fast identischen Raum auf ebenfalls 25 Quadratmetern Fläche. Am Freitag weihen Berlins katholischer Erzbischof Heiner Koch und der evangelische Landesbischof Christian Stäblein zusammen mit der Kantorin Esther Hirsch von der jüdischen Gemeinde und Imran Sagir, dem Leiter des muslimischen SeelsorgeTelefons, beide Räume feierlich ein.

"Wir sind im Zentrum des Airports", freuen sich Sabine Röhm und Wolfgang Felber über den Standort beider Räume im Terminal 1. Die evangelische Pastorin und der katholische Jesuitenpater sind die hauptverantwortlichen Flughafenseelsorger am BER. "Von uns aus hätte es früher losgehen können", versichern sie. Doch die Eröffnung des Flughafens war seit 2012 mehrfach verschoben worden. Erst vor einem Jahr war es soweit. Bis dahin engagierten sich beide in den nun geschlossenen Airports Tegel und Schönefeld.

Röhm und Felber nutzten die Zeit auch, um ein Team von nun 30 ehrenamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern auszubilden, unter ihnen Lehrer, Richter, Polizisten und Krankenschwestern. "Sie sind für uns unverzichtbar", betont die 53-jährige Röhm. Mit einer halben Stelle ist sie zusätzlich für die Berliner Feuerwehr zuständig. "Im Vergleich zu anderen Airports gibt es bei uns besonders viele ehrenamtliche Flughafenseelsorger", so der 60-jährige Felber. Auch er ist am BER in Teilzeit und sonst Seelsorger in einem Krankenhaus.

Am Dienst im Hauptstadt-Airport hängen beide besonders. Mit ihren lilafarbenen Westen, auf dem Rücken ein weißes Band mit der Aufschrift "Flughafenseelsorge - airport chaplaincy" fallen sie selbst unter bunt gekleideten Touristen auf. Nach Monaten der Corona-Pandemie ist deren Zahl wieder stark gestiegen.

Wie immer hat Sabine Röhm auch an diesem Tag ein waches Auge auf die Menschen, an denen sie bei ihrem Rundgang durch die weiten Hallen vorbeikommt. Einer hat Tränen in den Augen. "Kann ich Ihnen helfen, may I help you?", fragt die Seelsorgerin. Kopfschütteln. So bleibt diesmal offen, ob Freude oder Trauer die Ursache sind. "Wer sein Herz ausschütten will, kann auf unsere Schweigepflicht vertrauen", erklärt sie.

Oft sind es kleine Probleme, denen die Seelsorger begegnen, manchmal aber auch nicht. Heinrich Becker, einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter, erinnert sich an einen Flughafenbediensteten, dem die offenen Augen eines plötzlich verstorbenen Reisenden nicht mehr aus dem Sinn kamen. "Erst als er sich bei uns darüber aussprechen konnte, ging es ihm besser", sagt der 72-Jährige, der früher ein Pflegeheim leitete. Wie seine Kolleginnen und Kollegen hat er ein offenes Ohr auch für die Sorgen und Nöte des Flughafenpersonals. Auch wenn der Betrieb wieder hochfährt, ist mancher in Kurzarbeit, oder es droht sogar die Kündigung.

Einstellen müssen sich die Seelsorger auch auf Extremfälle wie Flugzeugabstürze. "Obwohl sie nur selten vorkommen, wirken sie doch lange nach", erklärt Pater Felber. So gedenken Freunde und Angehörige bis heute in Berlin-Schönefeld regelmäßig der 189 Menschen, die 1996 bei einem Absturz in der Dominikanischen Republik starben.

Weit häufiger sind indes praktische Schwierigkeiten, mit denen sich Reisende an die Seelsorger wenden. Sie können dann Friedemann Müller einschalten, mit dem sie sich unweit der Kapelle einen gemeinsamen Schalter teilen. Im Auftrag des katholischen In-Via-Verbands wird der 45-Jährige tätig, wenn ein Sozialarbeiter gefragt ist. "Wenn jemand einen Flug verpasst und kein Geld für einen weiteren hat, schaue ich, was sich machen lässt", erklärt Müller.

Kirsten Specht hat ihre kleine Auszeit in der Kapelle beendet. "Wie schön, im Trubel einfach mal durchatmen zu können", sagt sie, bevor sie sich zu einem Seminar auf der griechischen Insel Korfu auf den Weg macht. Im "Raum der Stille" nebenan haben unterdessen einige muslimische Servicemitarbeiter des Flughafens ihre Teppiche ausgerollt, um zu beten. Eine im Boden eingelassene Metallplatte weist die Himmelsrichtungen und hilft ihnen bei der Ausrichtung nach Mekka. "Wir sind für Besucher aller Religionen und Weltanschauungen offen", betont Pater Felber.

Von Gregor Krumpholz (KNA)

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