Nach mehr als 40 Jahren Lehrtätigkeit hat sich Prof. Godehard Brüntrup SJ von der Hochschule für Philosophie München (HFPH) verabschiedet. Der Titel seiner Abschiedsvorlesung „Gott sei Dank ist das vorbei! – Zeit und Zeiterfahrung als metaphysisches Problem“ könnte vermuten lassen, dass Pater Brüntrup mit einem lachenden Auge geht. Warum der Abschied aus der Lehrtätigkeit für ihn aber auch ein weinendes Auge bedeutet und was sich hinter dem Zitat „Gott sei Dank ist das vorbei!“ philosophisch verbirgt, erklärt Pater Brüntrup im Interview.
„Wir brauchen nicht mehr, sondern bessere Philosophie“
„Gott sei Dank ist das vorbei!“ – Zeit und Zeiterfahrung als metaphysisches Problem
Die Abschiedsvorlesung von Prof. Godehard Brüntrup SJ an der Hochschule für Philosophie steht zum Nachschauen hier auf YouTube zur Verfügung.
„Gott sei Dank ist das vorbei!“ – War Ihre Zeit als Professor an der HFPH wirklich so schlimm, Pater Brüntrup?
Der Titel meiner Abschiedsvorlesung bezieht sich nicht auf meine Zeit an der Hochschule. Es ist eine Anspielung auf einen historisch sehr einflussreichen Text in der Philosophie der Zeit, der den englischen Titel trägt „Thank goodness that’s over!“. Deshalb lautet der Untertitel der Abschiedsvorlesung ja auch: Gedanken zu einer metaphysischen Theorie der Zeit.
Was ist eigentlich Metaphysik?
Metaphysik stellt die Frage nach den grundlegenden Strukturen der Welt und die Frage nach dem Ort des Menschen in der Welt. So ist zum Beispiel die Frage, ob es eine Seele gibt, eine metaphysische Frage. Oder die Frage, ob es Freiheit des Willens gibt, oder ob der Mensch nur ein vorherbestimmtes Rädchen im kosmischen Getriebe ist. Auch die Frage, ob es einen Gott gibt, ist eine metaphysische Frage.
Warum ist auch Zeit ein metaphysisches Problem?
Weil Zeit nicht nur das äußere Maß der Bewegung ist, das wir am Uhrzeiger ablesen, sondern auch das innere Erleben der Gegenwart und des Vergehens und Entstehens. Die Physik kann das geistige Zeiterleben nicht recht erklären, denn das Bewusstsein liegt außerhalb ihres Gegenstandsbereiches. Daher ist Zeit nicht nur eine Frage der Physik, sondern auch der Metaphysik.
Mehr als 40 Jahre als Philosophieprofessor sind eine lange Zeit. Was wird Ihnen fehlen?
An erster Stelle werden mir die Studierenden fehlen, die mir sehr viel bedeuten. In über 40 Jahren Lehrtätigkeit waren das nicht gerade wenig. Mit vielen verbindet mich ein stabiler Kontakt weit über das Studium hinaus. Von daher hört das nicht auf. Außerdem werde ich ja weiter hier in Deutschland und in den USA unterrichten, allerdings weniger.
Ganz ehrlich: Was werden Sie nicht vermissen?
Jeder Beruf hat seine weniger angenehmen Seiten. Als Hochschullehrer ist das zum Beispiel die Verwaltung und Gremienarbeit, die natürlich ihren Sinn hat, aber doch oft langweilig und ermüdend ist. Auch der Termindruck, der in den letzten Jahren immer mehr angestiegen ist, ist dem wirklich kreativen philosophischen Arbeiten nicht unbedingt förderlich. Darauf kann ich auch gerne verzichten. Auch die Hochschulpolitik ist manchmal aufreibend und konfliktgeladen, während das philosophische Denken eher in ruhiger Abgeschiedenheit gedeiht. Der Philosoph lebt gern wie Diogenes in der Tonne.
„Nur ein durchdachtes Bild des Ganzen kann dem Menschen wirklich Orientierung geben“
Diogenes war bekanntlich ein großer Gesellschaftskritiker. Brauchen wir mehr Philosophie in der Gesellschaft?
Nein, wir brauchen nicht mehr, sondern bessere Philosophie. Es gibt massenweise schlechte und ideologische Philosophie in der Gesellschaft. Billige Antworten auf schwierige Fragen. Wir brauchen mehr gute Philosophie. Das heißt Ideologiekritik, Kritik von falschen Abstraktionen und billigen Lösungen, schließlich brauchen wir wieder mehr Metaphysik, weil nur ein durchdachtes Bild des Ganzen dem Menschen wirklich Orientierung geben kann.
Metaphysik war auch der Zugang zum Thema Zeit in Ihrer Abschiedsvorlesung. Welchen philosophischen Hintergrund hat das Zitat „Gott sei Dank ist das vorbei!“, das Sie als Titel gewählt haben?
In der Vorlesung versuche ich eine Kritik an einer durch die Relativitätstheorie Einsteins sehr verbreiteten Vorstellung. Diese besagt, dass die Zukunft und die Vergangenheit ebenso real sind wie die Gegenwart. Das hätte die Konsequenz, dass niemals etwas wirklich vorbei wäre. Auch die furchtbaren Dinge wären dann nie vorbei, sie wären nur aus meiner aktuellen Position nicht mehr zugänglich. Ein Zeitreisender könnte aber zum Beispiel wieder nach Auschwitz in 1944 reisen, denn es ist noch da. Ich hingegen habe behauptet, dass die Vergangenheit wirklich vorbei ist und die Zukunft noch nicht existiert. Das ist eigentlich unser normales Weltbild, aber die Physik legt uns etwas anderes nahe. Unser normales Weltbild habe ich philosophisch verteidigt, was schwerer ist, als es vielleicht den Anschein hat.
Welches philosophische Konzept steckt dahinter?
Dahinter steckt ein philosophisches Konzept, das historische Einflüsse von Leibniz und Whitehead mit gegenwärtiger Philosophie des Geistes verbindet. Es behauptet, dass die Welt aus gegenwärtigen Ereignissen besteht, die von der Vergangenheit informiert eine bisher nur der Möglichkeit nach existierende Zukunft realisieren. Die Welt ist kein starrer Block, sondern im Fluss des Werdens. Alles fließt, wie Heraklit einst sagte.
Alles fließt – wie geht es nach Ihrem Abschied von der HFPH nun für Sie weiter?
Ich wechsele von der Pflicht in die Kür. Ich werde weiter lehren und forschen, auf beiden Seiten des Atlantiks. Aber ich kann selber viel mehr die Schwerpunkte setzen, habe keine Lehrpläne mehr zu erfüllen, keine bestimmten Stundenzahlen mehr zu erreichen. Das alles bedeutet mehr Freiheit, aber keineswegs einen Abschied von der Wissenschaft.
Zur Person:
Pater Godehard Brüntrup SJ ist Professor für Philosophie und kommissarischer Leiter des Instituts für naturwissenschaftliche Grenzfragen zur Philosophie und Theologie (ING) an der Hochschule für Philosophie in München.
Wissenswertes
Bildung
Leben mit und Leben für andere ist nicht nur der zentrale Aspekt menschlicher Existenz, sondern öffnet zugleich auch einen Zugang zu Gott. Ziel jesuitischer Erziehung ist es, junge Menschen dahin zu führen, nicht im individuellen Erfolg allein ihre Erfüllung zu entdecken. Leben kann nur glücken, wenn andere Menschen Teil meines Lebens sind und werden. Dieser Zugang ist uns in besonderer Weise durch die Menschwerdung Gottes, durch das Leben und Wirken Jesu Christi eröffnet. Der Blick auf Jesus Christus will aber nicht von der Wirklichkeit ablenken, sondern vielmehr bereit machen, sich und die Umwelt aus dem Blickwinkel des Evangeliums zu betrachten, zu verstehen und zu verändern. Dazu sind Qualifikationen notwendig, die helfen, die Welt zu verstehen und den persönlichen Weg darin zu finden, aber auch das Einüben im Alltag und soziales Engagement.
Lebensgeschichten
Jeder Jesuit ist ein Mensch, der in den Exerzitien darum betet, Gott in allem bereitwilliger zu lieben und zu dienen. So viele Wege es gibt, Gott zu suchen und zu finden, so viele unterschiedliche Wege gibt es im Orden, wie Jesuiten ihre eigene Berufung gefunden und in ihrem Leben Ausdruck gegeben haben. Bis heute stellen sich nach dem Vorbild des hl. Ignatius Jesuiten in der ganzen Welt in den Dienst an Gott und den Menschen. Sie alle sind sich bewusst, dass sie als Sünder berufen sind, der Gemeinschaft anzugehören, die mit dem Namen Jesu bezeichnet wird. Oftmals wird gerade in den Brüchen und Widersprüchen der Biografien und sogar im äußerlichen Scheitern sichtbar, was es bedeutet, "unter dem Banner des Kreuzes“ zu leben und Christus immer mehr nachzufolgen. Gottes- und Nächstenliebe sind immer miteinander verknüpft, und die Beziehung zu Gott realisiert sich in den Beziehungen zu den Mitmenschen und umgekehrt.