„Die Welt ist unser Haus“: Mit diesem jesuitischen Leitsatz im Gepäck ist P. Holger Adler SJ im Sommer 2024 nach Singapur gezogen. Dort arbeitet er als Seelsorger für zwei deutschsprachige Kirchengemeinden. Nach vielen Jahren in der Jugend- und Studierendenseelsorge in Deutschland erlebt Pater Adler Glaube nun in einem kulturell und religiös ganz anderen Umfeld – mit vollen Kirchen, vielen jungen Gläubigen und einer spürbar anderen Stimmung als in Deutschland. Im Interview berichtet er von seiner internationalen Expat-Gemeinde, den Mitbrüdern in Singapur und dem Leben am Äquator.
Pater Adler, Sie sind nun seit zwei Jahren in Singapur und Kuala Lumpur. Was vermissen Sie von Deutschland – und was nicht?
Überhaupt nicht vermisse ich die Deutsche Bahn – in Singapur klappt alles perfekt. Auch das meist regnerische und kalte deutsche Wetter vermisse ich nicht. Etwas tiefergehend bin ich froh, nicht mehr tagtäglich die Stimmung in der katholischen Kirche in Deutschland um mich zu haben: eine Stimmung zwischen Frustration, „Wir wollen nicht mehr“ und „Es kommen keine Reformen zustande“. Seit den 90er-Jahren erlebe ich das so – und es wird nicht besser. Die Stimmung in Singapur und Kuala Lumpur ist eine ganz andere.
Nämlich?
Die katholische Kirche tritt in Singapur erfolgreich auf: Die Kirchen sind voll, nicht nur mit Menschen aus „Generation Grau“, sondern auch mit vielen jungen Leuten – weil man eine starke Botschaft hat. Das Christentum hat der Welt zu jeder Zeit etwas zu sagen, man muss es nur transferieren und anschlussfähig machen. Die Kirche in Deutschland ist in diesem Punkt in manchen Teilen zurückhaltend geworden. Sie könnte wieder stärker nach außen treten, denn sonst übernehmen das andere Gruppen – und tun es auch schon, teilweise aus dem rechten Spektrum.
Was war für Sie die größte Umstellung, als Sie nach Singapur gekommen sind?
Ich war zuvor nie für längere Zeit im Ausland. Entsprechend waren meine Englischkenntnisse, doch inzwischen komme ich ganz gut zurecht. Was ein etwas längerer Gewöhnungsprozess war: Weil Singapur in Äquatornähe liegt, gibt es keine Jahreszeiten. Das Jahr ist immer gleich, es ist immer gleiches Wetter, die Sonne geht immer zur gleichen Zeit auf und unter. Dadurch erlebt man zum Beispiel den Advent nicht wie in Deutschland. Weihnachten ist in Deutschland mit Heimeligkeit und Weihnachtsbaum im warmen Zimmer verbunden. Das gibt es in Singapur nicht – es sei denn, die Klimaanlage fällt aus!
Welche Rolle spielt der Glaube im Alltag der Menschen in Singapur und Kuala Lumpur?
In Kuala Lumpur – das liegt in Malaysia, einem muslimisch geprägten Land – ruft der Muezzin mehrfach am Tag. Das ist in Singapur nicht der Fall: Dort ist Religion außerhalb der religiösen Orte wenig sichtbar. Bisher bin ich jedenfalls noch niemandem begegnet, der in der U-Bahn sitzt und den Rosenkranz betet. Aber das ist in Deutschland auch schwer zu finden. Wer in Singapur religiös-spirituell unterwegs sein möchte, muss sich selbst engagieren und sich dafür entscheiden. Es gibt keine Barrieren, sich einer Religion anzuschließen oder die eigene Religion und Spiritualität auszuüben. Es erfordert schlichtweg Eigeninitiative.
Wie steht es um den interreligiösen Dialog in Singapur?
30 Prozent der Menschen in Singapur sind Buddhisten, 20 Prozent konfessionslos. Diese haben die Christen, die nun bei 19 Prozent sind, vor ein paar Jahren überholt. Es folgen Muslime mit 16 und Hindus mit 6 Prozent. Der interreligiöse Dialog wird groß geschrieben: Auf der einen Seite gibt es vom Staat Gesetze, die strikt gegen religiöse Diskriminierung vorgehen. Sie sollen Hetze unter den Religionsvertretern verhindern. Auf der anderen Seite wird das Zusammenleben gefördert, zum Beispiel gibt es in jeder öffentlichen Wohnanlage ein gesetzlich vorgegebenes Mischverhältnis an Nationalitäten. Dadurch verhindert der Staat, dass Volks- oder Religionsgruppen ganze Wohnblöcke übernehmen und Ghettos bilden.