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Würde statt Demütigung – der Mittagstisch in Göttingen

Eine überfüllte Bushaltestelle? Nein, der erste Eindruck täuscht: Die Unterstände, die von der Stadt Göttingen aufgestellt wurden, bieten Schutz vor Regen, Schnee und Kälte für alle, die auf die Öffnung des Mittagstisches warten. Und das sind viele. Jeden Tag öffnet sich um 12 Uhr die Tür für die Gäste. Und das schon seit 30 Jahren – so lange gibt es bereits den sozialen Mittagstisch am Rande der Fußgängerzone direkt neben der Pfarr- und Citykirche Sankt Michael. 

„Zu uns kommen die Ärmsten der Armen“, erklärt Pater Ludger Joos SJ. Der 53-jährige Jesuit ist seit 2017 Pfarrer von Sankt Michael. „Willkommen sind bei uns alle, auch mit Bierflasche. Für Raucher gibt es einen eigenen Raum. Nur wer illegale Drogen zu sich nehmen möchte, muss vor die Türe.“ Der Mittagstisch hat sieben Tage die Woche geöffnet, 365 Tage im Jahr. „Vorsichtig geschätzt geben wir jährlich 22.000 Essen aus und auch Lebensmittel zum Mitnehmen. Dass wir das fast nur mit Ehrenamtlichen gestemmt bekommen, grenzt an ein Wunder.“

Alle sind willkommen 

Pater Heribert Graab SJ erinnert sich an die Anfänge: „Seit eh und je sind Klöster und Pfarrhäuser Anlaufstellen für Obdachlose und arme Menschen jedweder Art. So war das auch in St. Michael. Wir haben mit Geld geholfen. Bis ich merkte, dass ein Großteil davon in den Alkohol fließt. Stattdessen haben wir dann Gutscheine ausgegeben für eine benachbarte Imbissstube. Das ging eine Zeit lang gut, bis die schloss. Und dann ergab sich, dass im Nachbarhaus das Erdgeschoss frei wurde. Das Bistum Hildesheim hat uns die Räume zur Verfügung gestellt. So kam es zum Mittagstisch.“

Bald wurde aus der Armenspeisung ein sozialer Brennpunkt. Insbesondere Menschen mit Suchterkrankungen aber auch psychisch erkrankte und gesellschaftlich isolierte Menschen suchen hier Zuflucht. „Vielen geht es nicht nur um ein warmes Essen“, betont Pater Joos. „Wichtig für sie ist die Gemeinschaft mit anderen – ohne Ansehen der Person. Am Mittagstisch muss niemand seine Bedürftigkeit nachweisen.“

Gutes Essen und eine nette Gruppe

Fabienne zum Beispiel hat den Tipp von einem Bekannten bekommen. Sie ist vor kurzem von Hamburg nach Göttingen gekommen: Trennung vom Partner, zu viele Drogen, zu viele Schulden, sie sah keinen anderen Ausweg mehr. Nun ist sie obdachlos und ohne Geld. Aber zum Glück bietet der Straßensozialdienst eine Sprechstunde während des Mittagstisches an. Und hier findet Fabienne Hilfe und einen Platz in einer Notunterkunft. Erste Schritte, um vom Schicksal nicht weiter ohnmächtig überrannt zu werden.

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