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„Zeit ist das größte Geschenk, das man einem anderen Menschen machen kann.“

Wie kamen Sie darauf, ein Jahr nach Peru zu gehen?

Nach knapp 20 Berufsjahren hatte ich den Wunsch verspürt, eine andere Seite des Lebens kennenzulernen und mich für Menschen zu engagieren, deren Leben nicht so selbstverständlich alle Möglichkeiten und Perspektiven bietet, wie wir es hier in Deutschland vorfinden. Ich begann mich umzusehen, leider bieten die meisten Organisationen nur Freiwilligeneinsätze bis zu einer gewissen Altersgrenze. Anders bei den Jesuiten: ich bewarb mich also, und hat geklappt. Sehr gut gefallen hat mir von Anfang an das Prinzip der Entsendung, d.h. die Jesuiten wählen anhand der eigenen Fähigkeiten und Neigungen eine passende Einsatzstelle aus. Sehr dankbar war ich, in ein Land entsandt zu werden, dessen Sprache ich schon ein wenig beherrschte.

Wie fand es Ihr Arbeitgeber, dass Sie für ein Jahr weggehen wollten?

Nachdem ich die Zusage von JesuitVolunteers erhalten hatte, habe ich meinen Chef über meine Entscheidung informiert. Er reagierte sehr offen darauf und ich erhielt problemlos die Zusage für die unbezahlte Freistellung. Da ich bereits über 20 Jahre im Unternehmen tätig bin hatte mein Arbeitgeber ein großes Interesse daran, dass ich wieder zurückkehre. Das war für mich sehr beruhigend, denn so konnte ich mich ganz in das Projekt in Peru einbringen, ohne mich gleichzeitig gedanklich um einen neuen Job nach der Rückkehr kümmern zu müssen und damit quasi in zwei Welten leben zu müssen.

Was war das für ein Projekt, in dem sie in Peru arbeiteten?

CANAT ist ein Zentrum zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher. Die Kinderarbeit ist dort ein großes Problem: ganz viele Kinder müssen sehr früh schon Geld hinzuverdienen, damit die Familien überleben können. Sie arbeiten auf dem Markt, als Schuhputzer, verkaufen Süßigkeiten auf der Straße oder putzen die Gräber auf den Friedhöfen. Dies nimmt ihnen jedoch die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. CANAT versucht, diesen Kindern trotzdem schulische Bildung und dann auch
eine Berufsausbildung zu vermitteln.

Wie macht CANAT das?

Es gab damals ganz unterschiedliche Angebote (nach der Pandemie musste das Konzept neu überdacht und umorganisiert werden): eine Mutter-Kind-Gruppe für die Kleinsten, eine Kindergartengruppe, und weitere Angebote für Jugendliche. Es gab Spielangebote, Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen, Vermittlungen von Sozialkompetenzen und wichtigen Werten des Zusammenlebens. Die Kinder konnten im Zentrum von CANAT duschen als sie von ihrer Arbeit kamen, erhielten ein frisch gekochtes Mittagessen und gingen dann in die Unterrichtseinheiten über. Für die Jugendlichen gab es die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Koch, Schneider oder Friseur zu absolvieren.

Ich selbst war in der Kindergartengruppe tätig, wo wir den Kindern spielerisch vermittelt haben wie wichtig es ist, aufeinander zu achten, „bitte“ und „danke“ zu sagen, sich bei Meinungsverschiedenheiten nicht zu verprügeln und ein Verständnis zu entwickeln, die Natur zu schützen. Viele Kinder verbringen die meisten Stunden des Tages alleine zuhause oder erleben Gewalt im häuslichen Umfeld. CANAT ist ein Raum, der sie schützt und wo sie sich wohlfühlen können.

Wie stehen die Eltern der Kinder dazu?

Nach über 10 Jahren hat sich CANAT in Piura fest etabliert. Die Familien haben erkannt, dass Bildung langfristig die Lebensverhältnisse verbessern kann und dass die Angebote von CANAT den Kindern viel bringen; nicht nur ein warmes Mittagessen. Wichtig ist, den Eltern genau dieses Verständnis zu vermitteln.

Wie stellt man sich das tägliche Leben dieser Familien in Piura vor?

Die Gegend ist geprägt von Armut, Sorge um das tägliche Überleben, erschwert durch eine permanente Hitze sowie jahrzehntelanger Korruption im politischen System. Das Gesundheits- und das Bildungssystem sind extrem desolat. Die Kinder, welche in absoluter Armut leben, haben im Grunde keine Perspektiven. Genau um diese Schicksale kümmert sich CANAT und es hat mich sehr erfüllt, ein paar dieser Kinder für ein Jahr begleiten zu können, ihnen durch Bildung und Erziehung, durch Wärme und Aufmerksamkeit eine Perspektive zu schenken, um ein eigenständiges und gesichertes Leben führen zu können.

Gibt es etwas, das Ihnen Schwierigkeiten bereitet hat?

Es war herausfordernd, diese Lebensschicksale hautnah zu erleben und sich bewusst zu werden, dass die Grundprobleme wie Armut, kein Zugang zu fließendem Wasser, Strom oder ärztlicher Versorgung durch den eigenen Freiwilligeneinsatz nicht gelöst werden können. Aber jede Zuwendung, die man den Kindern schenkt, hinterlässt ein kleines Licht in ihrem Herzen.

Körperlich war die permanente Hitze sehr anstrengend. Hinzu kommt der Lärm, dem man beinahe ununterbrochen ausgesetzt ist: Autos, Motorräder, Straßenhändler mit ihren Megafonen... Es gibt praktisch keinen Moment der Stille.

Großen Respekt hatte anfangs auch vor meiner Tätigkeit an zwei Vormittagen wöchentlich in der Psychiatrie. Ohne Vorkenntnisse haben meine Mitfreiwilligen und ich die Therapiegruppe während der Urlaubszeit der Mitarbeiter geleitet. Doch wir sind an dieser Aufgabe gewachsen und haben ein sehr herzliches Verhältnis zu den Patienten aufgebaut.

Was war Ihr schönstes Erlebnis?

Ich war sehr beeindruckt davon, wie tief ich hineinwachsen durfte in das Leben der Menschen in Piura. Ich hatte nie Vorbehalte mir gegenüber verspürt. Ich war in der Kirchengemeinde aktiv und wurde von vielen Menschen nach Hause eingeladen. Die große Gastfreundschaft hat mich sehr bewegt. Viele kämpfen jeden Tag ums Überleben und verschenken dabei so viel Herzlichkeit und Wärme. Ich habe gesehen, wie wenig es braucht, um glücklich zu sein im Leben. Dies hat auch dazu geführt, dass mich der Konsum nach meiner Rückkehr wahrlich überfordert hat. Traurig gestimmt hat mich auch die oft geringe Wertschätzung für all das, was unser Leben in Deutschland so sicher und komfortabel macht: der selbstverständliche Zugang zur Bildung für jedes Kind, ein Arztbesuch, wenn man sich nicht wohl fühlt, oder ein Paar neue Schuhe, wenn die alten einem nicht mehr gefallen. In Piura könnte man davon nur träumen.

Was haben Sie rückblickend mitgenommen von Ihrem Einsatz in Südamerika?

Ganz viel Demut und Dankbarkeit. Die Erfahrungen in Peru werden mich mein ganzes Leben lang begleiten. Oft erinnere ich mich auch an einen Satz, den mir ein guter Freund einmal gesagt hat: „Verena, Zeit ist das größte Geschenk, das Du einem anderen Menschen machen kannst.“ Zeit zu teilen, gemeinsam zu lachen, Gedanken, Fähigkeiten und Erfahrungen weiterzugeben oder auszutauschen, zählt mit zum Wertvollsten im Leben. Das möchte ich weitergeben, in einem Land, in dem die Menschen viel Zeit haben, weil sie nicht täglich ums Überleben kämpfen müssen, und in dem gleichzeitig so viele Menschen einsam sind.

Der Freiwilligeneinsatz war für Verena Engert derart prägend, dass sie sich ab März 2023 ein weiteres Jahr für die Kinder in Piura einsetzen wird.

Interview: Gerd Henghuber

Mehr erfahren über das Programm JesuitVolunteers
Die Anmeldefrist für einen Einsatz ab Sommer 2023 läuft noch bis zum 8. Januar 2023.
 

Weitere Steckbriefe und Erfahrungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern an dem Programm:

Meine Einsatzstelle_Mexiko_Helen Keller - Jesuit Volunteers (jesuit-volunteers.org)

Meine Einsatzstelle_Mexiko - Jesuit Volunteers (jesuit-volunteers.org)

Meine Einsatzstelle_Peru_Canat - Jesuit Volunteers (jesuit-volunteers.org)

Meine Einsatzstelle_Indien - Jesuit Volunteers (jesuit-volunteers.org)

 

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