• Pater Hugo Lassalle SJ
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Zen-Lehrer und Hiroshima-Überlebender

Es gibt Menschen, die sich trotz zahlreicher Rückschläge im Leben nicht kleinkriegen lassen. Pater Hugo Lassalle war einer von ihnen, vor 30 Jahren starb er. Vielen Anfeindungen entgegen blieb der Jesuit seiner Begeisterung für die Zen-Meditation treu und wurde so zum Brückenbauer zwischen den Religionen.

Pater Hugo Lassalle hatte gerade die Heilige Messe gefeiert und das Brevier gebetet, als nur 1200 Meter neben seinem Pfarrhaus die erste Atombombe der Geschichte einschlug. Mindestens 70.000 Menschen starben sofort und 80 Prozent des Zentrums der japanischen Stadt Hiroshima wurden komplett zerstört – doch der deutsche Jesuit Lassalle überlebte den Angriff der amerikanischen Luftwaffe am 6. August 1945. Warum? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Pater Christof Wolf hat eine Theorie: "Ich glaube, dass es mit der Bauweise des Pfarrhauses der Jesuiten-Mission in Hiroshima zusammenhängt." Die deutsche Jesuitenprovinz hatte die Errichtung des Gebäudes finanziert, weshalb das Pfarrhaus etwas solider gebaut wurde, als ein vergleichbares japanisches Haus, weiß der Münchener Jesuit. "Das könnte Pater Lassalle letztlich das Leben gerettet haben."

Wolf hat sich intensiv mit der Biografie seines heute vor 30 Jahren verstorbenen Mitbruders beschäftigt und aus den gewonnenen Erkenntnissen einen Film gemacht, der 2016 veröffentlicht wurde. Der Titel "Ai-un: Hugo Makibi Enomiya-Lassalle. Brückenbrauer zwischen Zen und Christentum" greift das größte Verdienst des Jesuiten auf: die Vermittlung des Zen-Buddhismus in Europa. Mit Blick auf die ersten Lebensjahrzehnte Lassalles hätte das wohl niemand vorausahnen können.

Hugo Lassalle wurde 1898 in Westfalen in eine Familie hugenottischen Ursprungs hineingeboren. Seine glückliche Kindheit und Jugend wurden mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem Tod seines Bruders jäh beendet. Lassalle selbst wurde bei seinem Einsatz als Soldat verletzt; er bereitete sich im Lazarett auf die Kriegsreifeprüfung vor. Nach dem Abitur trat der sensible junge Mann 1919 in den Jesuitenorden ein, weil ihn die Biografie des Ordensgründer Ignatius von Loyola beeindruckt hatte. In den Niederlanden und in Großbritannien absolvierte er die philosophisch-theologischen Studien. Der letzte Ausbildungsabschnitt, das Terziat, führte ihn nach Frankreich. Während dieser Zeit beschäftigte sich Lassalle intensiv mit den spanischen Mystikern Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz. Er machte sogar selbst eine tiefe mystische Erfahrung von "Innerem-Berührt-Werden", wie er es selbst ausgedrückt hat, die ihn sein ganzes Leben prägen sollte.

Lassalle wollte eigentlich in die Mission nach Afrika gehen, um den Ärmsten der Armen zu dienen. Doch es kommt anders: Sein Orden schickt den jungen Pater 1929 nach Japan. Lasalle will die japanische Mentalität verstehen und beginnt, sich mit dem Zen-Buddhismus zu beschäftigen, der das Land seit dem 12. Jahrhundert prägt. Er fühlt sich von der Kultur des Buddhismus angesprochen und liest zahlreiche Bücher über die Meditationen in der Tradition des Zen, die das Kernstück dieser Glaubensrichtung bilden.

Doch der Arbeitsalltag Lassalles ist in seinen ersten Jahren in Japan keineswegs von innerer Einkehr geprägt. Er unterrichtet Deutsch an der Sophia-Universität seines Ordens in Tokio und wohnt in einem Slum der japanischen Hauptstadt, wo er ein Haus für Obdachlose aufbaut. 1935 wird er zum Oberen der Jesuiten in Japan gewählt und zieht wenige Jahre später nach Hiroshima. Dort nimmt er als einer der ersten Europäer im "Zen-Tempel des Ewigen Lichts" an einem der von strenger Disziplin geprägten Meditationskurse teil. Lassalle lernt, stundenlang regungslos im Lotus-Sitz zu verharren und im richtigen Rhythmus zu atmen. Mit diesen Praktiken wollen die Anhänger des Zen ihrem großen Ziel näher kommen: in sich absolute Stille und Ruhe erleben, wie dereinst Buddha selbst.

"Lassalle wurde als Dialogpartner von Japanern sehr geschätzt"

Das Überleben des Abwurfs der Atombombe über Hiroshima verstärkte Lassalles Identifikation mit Japan und dem Zen-Buddhismus. 1948 wurde er japanischer Staatsbürger und nahm den Namen Makibi Enomiya an. "Lassalle hatte offensichtlich keine Berührungsängste und wurde als Dialogpartner von den Japanern sehr geschätzt", so Wolf. "Wenn man bedenkt, dass die Christen einst in Japan sehr grausam verfolgt wurden, ist es schon ein kleines Wunder, dass er kurz nach dem Krieg mit den Zen-Bonzen zusammenarbeiten konnte." Lassalle verstand Zen als Schlüssel zur japanischen Gesellschaft und hoffte, die Zen-Meditation könnte als Methode hilfreich für die Mission sein. "Allerdings hat Lassalle unterschätzt, dass Japaner, die sich für das Christentum entschieden hatten, seine Begeisterung für die Zen-Meditation nicht teilten, denn die hatten sie ja gerade hinter sich gelassen", glaubt Wolf. An diesem Punkt scheiterte Lassalle, wie auch an anderen Stellen in seinem Leben.

So setzte er sich in den ersten Nachkriegsjahren mit großer Kraft für den Bau einer Friedenskirche in Hiroshima ein. Diese wurde auch gebaut und am neunten Jahrestag des Atombombenabwurfs eingeweiht – doch Lassalle wurde zu seinem Leidwesen nicht zum Pfarrer der Kirche ernannten. Stattdessen hatte er nun viel Zeit, um sich der Verbreitung des christlichen Glaubens mit Hilfe der Zen-Meditation in der Region nahe Hiroshima zu widmen. "Das war ein großes Glück", findet Wolf, denn somit habe Lassalle den Zen-Buddhismus besser kennenlernen können. 1960 wurde ein kleines Zen-Zentrum in der Nähe von Hiroshima eingeweiht, das Lassalle aufgebaut hatte. Zwei Jahre später reiste er mit seinem Bischof zum Zweiten Vatikanischen Konzil nach Rom.

Immer wieder wurde Lassalle für seine Verbindung von christlichem Glauben und Zen-Meditation kritisiert. Sowohl Buddhisten als auch Christen fürchteten um die Verwässerung ihrer Lehre. Doch Lassalle entdeckte die Erfahrungen der christlichen Mystik im Zen wieder. Ein vielbeachteter Vortrag zum Thema "Zen und christliche Spiritualität" auf einem Kongress in Elmau brachte dem Jesuiten im Alter von 69 Jahren den Durchbruch. Die Zen-Bewegung in Deutschland und Europa wuchs rasch, vor allem wegen der unzähligen Kurse, die Lassalle gab. Sein Engagement für dieses Thema führte sogar fast zum Bruch mit dem Jesuitenorden, berichtet Wolf: "Lassalle wollte mit fast 70 Jahren aus dem Orden austreten, weil seine Ordensoberen ihm verboten hatten, sich weiter mit Zen zu beschäftigen." Doch er habe trotz großer Selbstzweifel nie aufgeben und einen Weg aus dem Konflikt gefunden.

Ein wichtiges Ereignis vor Lassalles "Kensho", der Erleuchtung und damit Anerkennung als Zen-Lehrer, war der Tod eines Mitbruders, berichtet Wolf. "Lassalle, der nicht hatte weinen können, als er im Ersten Weltkrieg seinen Lieblingsbruder verlor, ließ nun seinen Tränen freien Lauf." Biblisch könne man sagen, er habe die Grunderfahrung des heiligen Paulus gemacht: "Erst im Zulassen und Annehmen unserer Schwachheit wird uns eine tiefe Gotteserfahrung geschenkt. Das ist die Stärke, die aus der Schwäche kommt", fasst Wolf zusammen. "Das ist auch ein Berührungspunkt mit der Spiritualität des Jesuitenordens: In den großen Exerzitien des Ignatius ist das eine Grunderfahrung."

Lassalle hat nach Ansicht von Wolf die Beschäftigung mit Zen in Europa entscheidend geprägt: "Praktisch die ganze erste Generation Zen-Begeisterter aus Europa ist durch seine Schule gegangen." So wurde der Jesuit, der 1990 nach mehreren Operationen in Münster starb, zum Brückenbauer zwischen Zen und Christentum. "Er lebte, was er lehrte und wofür er stand", so Wolf. "Und persönliche Vorbilder sind ja die stärkste Motivation, die Menschen im Leben erfahren können."

Von Roland Müller

Partner

SJ-Generalskurie
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