Das Etikett „Schlaue Jungs“, das den Jesuiten aufgrund ihres Ordenskürzels „SJ“ bisweilen verpasst wird, gefällt P. Georg Sans SJ gar nicht. Im Interview erklärt der Philosophieprofessor, was der heilige Ignatius von Loyola unter Klugheit wirklich verstanden hat und warum die Unterscheidung von rationalen Argumenten und Gefühlen so wichtig ist – und oft so schwer.
Pater Sans, sind Sie einer der besonders schlauen Jungs, wie Sie jemand in Sankt Sylvester, kein Witz, mir gegenüber einmal genannt hat.
Ich bin überhaupt kein Freund des Kokettierens mit den schlauen Jungs für das Ordenskürzel SJ. Dass die Messe der Jesuiten in München Sankt Sylvester „Denken & Beten“ heißt, war mir von Anfang an peinlich. Als ob andere nicht denken könnten! Das übertreibt auch den Anspruch an die Predigt und ihre Rolle im Gottesdienst.
Woher kommt die Vorstellung, dass Jesuiten besonders schlau sind?
Das kam sicher vom hohen Bildungsstand der Jesuiten. Aber in dem Begriff steckt auch Kritik, denn schlau ist nicht das Gleiche wie klug. Schläue, Bauernschläue gar, ist mit einem Augenzwinkern verbunden. Ein Beispiel dafür im Evangelium ist der „kluge Verwalter“ (Lk 16,1–8), der Schuldscheine fälscht, um sich bei den Schuldnern beliebt zu machen, nachdem sein Herr ihn rauswerfen will. Eine zweite Stelle ist die Aufforderung Jesu zu furchtlosem Bekenntnis (Mt 10,16): „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben!“ Schlau bedeutet trickreich bis hin zu betrügerisch: Der Zweck heiligt die Mittel.
Wieso hat man das den Jesuiten zugeschrieben?
Jesuiten galten in der Geschichte mitunter als verschlagen, als Verdreher von Argumenten. Als einflussreiche Beichtväter der Reichen und Mächtigen sagte man ihnen nach – und sicher in vielen Fällen auch zurecht –, jeden moralischen Ausnahmetatbestand zu konstruieren, der das Handeln dieser Klientel rechtfertigt und es ihnen leichtmacht. Das Stichwort dafür ist Kasuistik, damit wurde viel Schindluder getrieben.
Was ist dann ein richtiges Verständnis von Klugheit?
Üblicherweise versteht man unter Klugheit zwei Aspekte: zum einen den Verstand, die Intelligenz, das theoretische Vermögen, zum anderen als Summe praktischer Lebenserfahrungen Umsicht oder Weisheit. Bei Ignatius ist das etwas komplizierter: Klugheit ist für ihn zunächst auch das Denken, die Fähigkeit des Verstands. Dazu kommt das Erinnern, die Leistung des Gedächtnisses. Und als Drittes das Wollen, die Entschiedenheit, etwas zu tun – oder zu lassen. Hier kommt die eigentliche Klugheit für Ignatius ins Spiel: die Unterscheidung, spanisch discreción. Das Schlagwort in den Satzungen der Gesellschaft Jesu lautet „gesundes Urteil“.
Was bedeutet das?
Das bedeutet, dass ich die Fähigkeiten meines Verstands, Gedächtnisses und Wollens im richtigen Moment auf die richtige Art und Weise anwende. Ein Pädagoge etwa oder ein Richter sind dann richtig gut in ihrem Job, wenn sie für jeden Schüler bzw. Angeklagten jenseits ihrer fachlichen Kompetenz die im konkreten Fall passende Karte ziehen. Man kennt dafür den Begriff des gesunden Menschenverstands, intelligent allein ist noch lange nicht klug.
Wann ist ein Urteil nach Ignatius „gesund“ und damit klug?
Wenn es den Vorgang der Unterscheidung durchlaufen hat. Das heißt, wenn ich unterscheiden kann zwischen den Argumenten für oder gegen etwas und meinen persönlichen Motiven, meinen Gefühlen, meinen Rationalisierungen. Ungesund ist nach Ignatius alles Handeln, bei dem das nicht unterschieden wird. Vor solchem ununterschiedenen Wollen und Handeln ist niemand gefeit, das ist alles andere als einfach. Als Seelsorger möchte ich gefallen. Als Professor recht haben. Als Oberer geliebt werden. Unkluge Liebe wäre nach Ignatius, wenn ich als Vorgesetzter – aus Nettigkeit oder falscher Rücksichtnahme – zu feige bin, jemanden rauszuwerfen, obwohl das sachlich notwendig ist. Unterscheiden heißt, dass ich die Fallstricke erkenne, die mir meine eigene Psyche stellt. Es gibt in diesem Sinn sogar unkluge Andachtsübungen, die ich nur deshalb praktiziere, weil sie mich emotional in irgendeiner Form befriedigen.
Das hört sich so an, als sei Ignatius der Spielverderber, der alles wegnimmt, was angenehme Gefühle auslöst.
Nein, nicht jede Regung ist falsch, im Gegenteil: Begeisterung für etwas, Eifer, Freude, Spaß können sehr wohl Zeichen dafür sein, dass etwas richtig ist. Wichtig ist, dass wir das hinterfragen und unser Wollen dieser inneren Unterscheidung unterziehen: Will ich das aus einem inneren, möglicherweise egoistischen Motiv? Oder brenne ich dafür, weil es eine gute, richtige, Sache ist, die in dem Moment geboten ist? Dadurch kann ich mein Handeln bewusst steuern und werde nicht von Unbewusstem gesteuert.
Ist diese discreción eigentlich dasselbe wie die Unterscheidung der Geister?
Nicht zwangsläufig. Säkular betrachtet ist das erst einmal Psychologie. Aber man kann das auch fromm wenden: Was sind die falschen und welche die richtigen Regungen meiner Seele, was der böse und was der gute Geist und damit letztendlich die Stimme Gottes? Die Regeln, die Ignatius dafür nennt, um den bösen Geistern auf die Schliche zu kommen, kann man auch ohne Gottesbeziehung verwenden.
Wie erwirbt man die Fähigkeit, gesunde Urteil zu treffen?
Manchmal habe ich den Eindruck, dass das angeboren ist. Man kann das sicher einüben, aber damit muss man früh beginnen und dann lebenslang trainieren. Erst beim Ordenseintritt damit anzufangen, ist sicher zu spät. Ignatius ist da streng. Andererseits gelten die Bestimmungen zur discreción in den Satzungen im Grunde nur für Leitungsfunktionen, also wenn man Entscheidungen für andere Menschen treffen muss. Wer keine Führungsfunktion hat, kann sich nach Ignatius der Einfachheit halber auch an die Zehn Gebote halten, wenn ihm Unterscheidung nicht gelingt.
Wie ist Ignatius eigentlich zu diesem Verständnis von Klugheit gekommen – hat er das alles aus sich heraus entdeckt und entwickelt?
Nur zum Teil. Das Konzept des gesunden Menschenverstands gibt es schon bei Aristoteles. Was Ignatius dazu schreibt, ist Stand der Psychologie zu der Zeit, als er in Paris studierte. Seine Leistung war es, dieses Konzept mit dem Willen Gottes zu verknüpfen, der etwas vorsieht mit mir und der mir das auch mitteilt, eben unter anderem durch die Regungen meiner Seele. Diesem Willen und damit meiner Bestimmung kann ich näher kommen durch die Unterscheidung der Geister. Das war die Intuition, die Ignatius auf dem Krankenbett hatte. Ich muss das freilich nicht nur erkennen, sondern auch umsetzen, das darf nicht in immer neuen Vorsätzen hängenbleiben. Der Wille, nach dem gesunden Urteil auch zu handeln, gehört für Ignatius schon auch dazu.
Das Interview führte Gerd Henghuber.