Deutsche Provinz der Jesuiten

"Und der Toni hält, und hält und hält ..."

Wie ich den 4. Juli 1954 erlebte

"Tooooor!!! Tooor!! Tooor! Toor! Toor für Deutschland!" Die Schreie des Rundfunkreporters Herbert Zimmermann im Berner Wankdorf-Stadion nach Helmut Rahns Schuss zum 3:2 gegen die Ungarn haben den 4. Juli 1954 zu einem unvergesslichen Tag der deutschen Nachkriegsgeschichte gemacht.

Ein Bild aus der Jugendzeit (1961) von P. Rüdiger Funiok SJ, der auf dem Bild links neben seiner Mutter steht.

Ich war damals zwölf Jahre alt. Ziemlich genau drei Jahre zuvor war die fünfköpfige Familie von Clausthal-Zellerfeld, der dritten Station nach unserer Flucht aus meiner Geburtsstadt an der tschechisch-polnischen Grenze, nach Thannhausen im Bayerischen Schwaben gezogen. Wir drei Jungen lernten schnell den schwäbischen Dialekt und konnten deshalb unseren Eltern kompetent erklären, dass "Huraflüchtling" kein wirklich schlimmes Schimpfwort sei.
Fußballspielen war bei gutem Wetter unsere Lieblingsbetätigung. Ich war seit zwei Jahren in Augsburg im Internat und spielte fast täglich zweimal Fußball: auf dem staubigen Hof vor dem Herkulesbrunnen am Eingang, gleich nach dem Mittagessen und zwischen den beiden Studierzeiten, in Straußenschuhen, ohne uns eigens umzuziehen. Das tägliche Fußballspielen war die Hauptmedizin gegen das Heimweh, das einen 12-jährigen doch immer wieder beschlich.


An diesem Wochenende durfte ich nach Hause fahren - was damals nur alle 3 - 4 Wochen erlaubt wurde. Immerhin hatte meine Mutter am Samstag, den 3. Juli, Geburtstag. Von den großen Fußball-Clubs und ihren Matadoren hatte ich nur wenig gehört - Einklebebildchen habe ich erst zur Sommerolympiade 1956 in Melbourne gesammelt, und zwar von den Nationalflaggen, nicht von den Sportlern. An Fußball-Clubs konnte ich den von Kaiserslautern, von Hamburg, Nürnberg und natürlich den FC Schwaben (später FC Augsburg) aufzählen.

Aber jetzt war da jemand, der an diesem Sonntag Nachmittag im Radio vom Toni Turek jubelte: und der Toni hält und hält und hält! Der Schrecken einjagende Ungarnstürmer hatte kurz davor, es war inzwischen Verlängerung, vergeblich versucht, den Ball in Tonis Kasten zu landen. Und jetzt unser Rahn: er dreht sich und schießt - Tor, Tor, Tor! Noch drei Minuten, dann ist Abpfiff! Deutschland ist Weltmeister!

Ein Passbild ungefähr aus der Zeit der Weltmeisterschaft von 1954.

Natürlich hielt es uns drei Buben nicht mehr im Wohnzimmer, wo unsere Mutter Kaffee und Kuchen aufgetischt hatte. Wir liefen auf die Bahnhofstraße - es gab dort auch sonst kaum Autos - und streckten vor Begeisterung die Arme hoch. Wie viele da zusammenkamen, weiß ich nicht mehr. Es waren vor allem Buben (Fußball war damals noch kein Mädchensport), die Erwachsenen übersah ich wohl.

Ob wir 9-12 jährigen Brüder und unsere Freunde dabei Nationalgefühle hatten? Nach Jahren, in denen im Pass unserer Eltern "staatenlos" stand, waren wir zwar Bundesrepublikaner geworden. Aber Deutschland war geteilt, im anderen Teil herrschte Pieck und Grotewohl, deren Fotos uns bei den Grenzübertritten 1948 - 1950, auf der Fahrt zu Tante und Oma bei Wittenberg, Furcht einflößend angeblickt hatten. Durch diese verwandschaftlichen Verbindungen hatten wir mitbekommen, dass ein  Jahr zuvor, am 17. Juni 1953, die Sowjets die spontanen Demonstrationen in Leipzig und Berlin niedergewalzt hatten. Immerhin waren Tante und Oma inzwischen auch im Bayerischen Schwaben gelandet.

Ehrlich gesagt: Wichtiger als die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland in diesem Jahr Fußball-Weltmeister wurde, war für uns drei Buben, dass unser Vater nach dem Opel P 4 (Baujahr 1935) nun auch einen VW-Käfer hatte. Und wir konnten damit unseren ersten Auslandsurlaub machen; er ging ins Zillertal, weil unsere Mutter die Wasserfälle so sehr liebte. Dort waren doch auch Deutsche - oder? Auf jeden Fall spielten die dortigen Buben auch Fußball und ließen uns mitspielen.

Rüdiger Funiok SJ

Pater Rüdiger Funiok SJ ist 1942 in Karviná (CZ) geboren und 1962 in den Jesuitenorden eingetreten. Er war Leiter des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Erwachsenenpädagogik und Professor für Pädagogik und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule für Philosophie in München. Heute ist er verantwortlich für das Ausbildungszentrum der Jesuiten in München.

letzte Aktualisierung am 04.07.2018