Deutsche Provinz der Jesuiten
Papst Franziskus im Gebet neben dem neugewählten Generaloberen Arturo Sosa SJ in der Aula der Generalkongregation am 24. Oktober 2016.

Fünf Jahre Papst Franziskus: Er hat das Gesicht der Kirche verändert!

Von Pater Andreas R. Batlogg SJ

Sechzig Jahre Jesuit (11. März) - fünf Jahre Papst (13. März): Das erste Jubiläum erklärt viel von dem, wie Jorge Mario Bergoglio SJ, am 17. Dezember 1936 in Argentinien geborener Sohn italienischer Einwanderer aus dem Piemont, sein Amt versteht und ausübt.

Ohne seine Ordensexistenz, die im Jesuitenorden eingeübte und praktizierte Vorgehensweise und die ignatianische Spiritualität, kann man diesen Papst nicht verstehen. Sechs Jahrzehnte "SJ" - das prägt, auch wenn sein Lebensweg Pater Bergoglio vor einem Vierteljahrhundert in den bischöflichen Dienst führte, zunächst als Weihbischof (1992) der Diözese Buenos Aires, dann als Erzbischof-Koadjutor (1997) und Erzbischof (1998). Seit 2001 Kardinal, nahm er schon am Konklave von 2005 teil.

Und auf dieses Knowhow und die damit verbundene Leitungs- und Lebenserfahrung hat die Mehrheit der Kardinäle offenbar gesetzt, als sie am 13. März 2013, zum ersten Mal in der Geschichte, einen Lateinamerikaner, zum ersten Mal seit über 1200 Jahren wieder einen Nicht-Europäer, zum ersten Mal seit 1831 einen Ordensmann und erstmals überhaupt einen Jesuiten wählten. Den Namen Franziskus hatte zuvor noch kein Papst gewählt. Auch das war ein Novum - und ein Signal. "Eine arme Kirche für die Armen": Diese Vision verunsichert, besonders die Reichen.

Auch in Chile traf Papst Franziskus seine jesuitischen Mitbrüder am Grab des Hl. Alberto Hurtado SJ (1901-1952).

Was wir seit dem 13. März 2013 erleben, ist der konsequente, auch gegen (teils heftigen) Widerstand betriebene missionarische Umbau der Kirche auf verschiedenen Ebenen. Mit 77 ins Amt gekommen, steht der Papst jetzt im 82. Lebensjahr - und wirkt fit, geistig wach und aufgeschlossen. Das ist für einen Menschen dieses Alters und mit diesen Beanspruchungen erstaunlich. Und lässt auf eine große innere Freiheit, Gelassenheit und auf eine starke geistliche Verwurzelung schließen.

Der "Tempo-" oder "Turbo-Papst", wie Franziskus da und dort genannt wird, steht für Aufbruch. Und das stresst natürlich: den Apparat, vor allem die Römische Kurie, aber auch Bischöfe und Kardinäle, die die päpstlichen Ideen und Anregungen aufnehmen, die Dokumente und Dekrete umsetzen müssen; aber auch Gläubige, die einem Papsttum nachtrauern, das einem strengen Hofzeremoniell unterlag und von einer Aura der Unnahbarkeit umgeben war. Der weise Entschluss von Papst Benedikt XVI. im Februar 2013, freiwillig zurückzutreten, weil er sich physisch und psychisch dem Amt nicht mehr gewachsen sah, machte all das möglich.

Als sich Kardinal Bergoglio Ende Februar 2013 zur Verabschiedung von Benedikt XVI. nach Rom aufmachte, reiste er ohne Sekretär, mit leichtem Gepäck. Auf dem Rückflugticket musste er nur das Datum eintragen. Die Predigt für die Chrisam-Messe am 28. März 2013 lag fertig auf seinem Schreibtisch in Buenos Aires. Er wollte so bald als möglich zurück sein. Außerdem rechnete er nach dem Konklave mit der baldigen Annahme seines Rücktritts, den er pflichtgemäß mit Erreichung des 75. Lebensjahres (Dezember 2011) eingereicht hatte. Um einen Platz in einem Altenheim für Priester hatte er sich bereits umgeschaut: Das Zimmer mit Blick in den Innenhof lag im Parterre.

Es kam bekanntlich anders. Und die ersten Worte "Fratelli e sorelle, buona sera" erwiesen sich als Eisbrecher. Natürlichkeit, Herzlichkeit, Spontaneität zeichnen diesen Papst aus. Er wirkt allein schon durch sein bescheidenes Auftreten, seine einfache Sprache, seine anschaulichen Vergleiche und Bilder. Die können auch sehr martialisch sein, kommen oft sehr direkt daher, wirken (zu) salopp oder gar grob. "Das ist Gossen-Slang", meinte einmal ein Mitbruder, der lange Benedikt XVI. zugearbeitet hat.

"Es ist gut, den Morgen immer mit einem Kuss zu beginnen und jeden Abend einander zu segnen, auf den anderen zu warten und ihn zu empfangen": In einem päpstlichen Text würde man einen solchen Tipp wohl eher nicht vermuten. Und noch weniger suchen. Aber er ist im nachsynodalen Schreiben "Amoris laetitia" (AL) vom März 2016 zu finden. Kein päpstliches Dokument seit "Humanae vitae" (1968), von vielen abschätzig Pillen-Enzyklika genannt, war umstrittener und hat mehr Debatten ausgelöst. Die Kontinuität der kirchlichen Lehre sei in Frage gestellt worden, behaupten eine Reihe von Kardinälen und Bischöfen besorgt. Manche Bischofskonferenzen interpretierten das Schreiben so, andere lasen das glatte Gegenteil davon heraus. Andere versteigen sich, wie der Philosoph Robert Spaemann, zu der Behauptung, mit "Amoris laetitia", dem auf die beiden Familiensynoden von 2014/15 folgenden Dokument, sei "das Chaos" gleichsam "mit einem Federstrich zum Prinzip erhoben" worden.

Papst Franziskus schaut auf den Einzelnen - und kritisiert "kalte Schreibtisch-Moral" (AL 312). Wer in sogenannten "irregulären Situationen" lebe, dürfe nicht nur nach moralischen Gesetzen beurteilt und klassifiziert werden, "als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft" (AL 305).

Am Christkönigssonntag 2013 hat Franziskus mit "Evangelii gaudium" sein Regierungsprogramm vorgelegt. Manche Kommentatoren, auch hierzulande, reduzierten das Schreiben auf den Satz "Diese Wirtschaft tötet". Ein ahnungsloser Papst, der nichts von Marktmechanismen versteht, so der Tenor der Kritik. "Schlecht beraten", meinten wohl wollendere Stimmen, die dann auch die Öko-Enzyklika "Laudato si" (Mai 2015) als Kompetenzüberschreitung bezeichneten. Ausbeutung, Ressourcen, Nachhaltigkeit, Generationengerechtigkeit, indigene Minderheiten: Darf die "Sorge um das gemeinsame Haus" kein Thema für einen Papst sein? Franziskus benennt die Wunden globaler Ungerechtigkeit und wird nicht müde, die "Globalisierung der Gleichgültigkeit" anzuprangern, nicht nur angesichts der Flüchtlinge, die im Mittelmeer umkamen.

Die Kirche hat er an die "Ränder" geschickt, bei Benachteiligten, Ausgebeuteten, Diskriminierten will er sie sehen, an den Peripherien soll sie sich engagieren - und nicht in Kirchen und Sakristeien verstecken, hinter dogmatischen Lehrgebäuden verschanzen, sich in Klerikalismus und Karrierismus üben. Seine Kurienkritik ist messerscharf, ja brutal. Aber er hört nicht auf, daran zu erinnern, dass "die wahre Macht der Dienst" ist - die Geste der Fußwaschung begleitet diesen Pontifikat von Anfang an.

Papst Franziskus wäscht am Gründonnerstag Flüchtlingen die Füße.

Prozesse in Gang zu setzen - das ist Franziskus wichtiger als "Räume zu besetzen", klerikale oder auch theologische Besitzstände zu sichern. Dafür hat er die Kirche auf einen "synodalen Weg" eingeschworen - mit den bekannten Schwierigkeiten, die sich auf den beiden Familiensynoden beim Ringen um gemeinsame Antworten zeigten. Man darf gespannt sein, was sich auf der Jugendsynode im Oktober 2018 zeigt. Kirche als Global Player muss diskurs- und pluralitätsfähig sein, sonst verpasst sie den Anschluss an die Moderne. Und dabei steht Franziskus in der Spur des Zweiten Vatikanischen Konzils, das viele immer noch nicht verdaut haben. Er will nicht lehrmäßig auf die Zeit reagieren. Er will das Konzil umsetzen!

"To think outside the box" - das ist manchmal die einzige Möglichkeit, nicht nur Bekanntes und Bewährtes zu wiederholen, aber mutig Neues zu wagen - und zu riskieren. Ein Papst als Querdenker! Die Metapher von den "offenen Türen" ist ihm wichtig. Und: "Wunden heilen" - dann kommt alles andere. Dafür war, theologisch gesehen, eine "Hierarchie der Wahrheiten" in Erinnerung zu rufen. Die ignatianische "Unterscheidung der Geister" hilft ihm dabei methodisch.

Papst Franziskus macht, was er will - sagen die einen. Andere befürchten einen Imageschaden für das Papstamt, wenn zu sehr auf Kollegialität und Dezentralisierung gesetzt wird. Den einen predigt er zu wenig theologisch. Anderen zu konkret. Und er lächelt ... - und geht seinen Weg weiter. Wer Papst Franziskus als "Pfarrer für die Welt" oder als "Seelsorger" apostrophiert, denunziert ihn, unbewusst manchmal, und sagt damit indirekt, er sei "ein theologisches Leichtgewicht". Wirft man das nicht allen Propheten vor?

"Wir brauchen einen Pontifex", titelte ein Kommentator Anfang dieses Jahres. Unausgesprochener Subtext: So ein Papst verwirrt und irritiert, er brüskiert und stellt bloß - und daneben lächelt er und wird geliebt. Was man Papst Franziskus nachsagt und unterstellt, sucht seinesgleichen: Er polarisiere, er spalte, er sei ein Populist und Narzisst - der deutsche Feuilletonkatholizismus ist da nicht zimperlich. Natürlich hat Franziskus etwas von einem agent provocateur an sich: Er probiert aus. Er lässt gewähren. Er ermöglicht - und überfordert damit. Bernd Hagenkord SJ meinte: "Er will Unruhe stiften, innere wie äußere. Er will, dass sich etwas bewegt, innerlich und geistlich, aber auch mit Blick etwa auf Flüchtlinge oder Krieg. Und Papst Franziskus nutzt seine Sprache und sein Sprechen, solche Unruhe auszulösen. Das ist nicht immer leicht zu verstehen". Schnell war abschätzig von einer "Copacabana-Theologie" die Rede!

Manches kommt spontan, überraschend. Aber von Herzen: Wie das Außerordentliche Jahr der Barmherzigkeit, das mit dem Schließen der Heiligen Pforten nicht einfach zu Ende ist. In dem Schreiben "Misericordia et misera" (20. November 2016) machte Franziskus unmissverständlich klar: "Jetzt, da dieses Jubiläum abgeschlossen ist, wird es Zeit, nach vorne zu schauen und zu begreifen, wie auch weiterhin in Treue, Freude und Begeisterung der Reichtum der göttlichen Barmherzigkeit zu erfahren ist. Unsere Gemeinschaften werden im Werk der Neuevangelisierung in dem Maß lebendig und dynamisch bleiben können, wie die ,pastorale Umkehr', die zu leben wir aufgerufen sind, täglich von der erneuernden Kraft der Barmherzigkeit geprägt sein wird." Barmherzigkeit als Programm der Kirche, nicht nur seines Pontifikats! Schon in seiner Verkündigungsbulle "Misericordiae vultus" (April 2015) hatte der Papst betont: "Der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt, ist die Barmherzigkeit."

Im Rückblick auf die letzten fünf Jahre meinte Thomas Assheuer vor dem Hintergrund anhaltender Debatten um die "Rechtgläubigkeit" von "Amoris laetitia" in der ZEIT (8. 3. 2018, Seite 54): "Damit kein Irrtum aufkommt: Es geht in diesem Konflikt nicht nur um einen neuen pastoralen Stil, nicht um die hemdsärmelige Performance des Papstes auf der Weltbühne. Es geht auch nicht um einen Mangel an christlicher Milde, wenn er seine Kritiker durch Schweigen abstraft oder Kardinälen die Leviten liest wie Ministranten, die beim Hochamt das Weihrauchfass demoliert haben. In dem Streit geht es um nicht weniger als den Vorwurf, das Oberhaupt der katholischen Kirche begehe theologischen Hochverrat. Anstatt mit dogmatischer Klarheit und pontifikaler Würde die gottlose Moderne zu bekämpfen, predige Franziskus ein Evangelium der Anpassung und Aufweichung. Der Bischof von Rom sei - ein Häretiker."

Papst Franziskus 2013 mit Jugendlichen in Rio de Janeiro.

Es ist unübersehbar: Dieser Papst hat das Gesicht der Kirche verändert. Die Unruhe, die er verursacht hat, ist anstrengend. Aber sie tut der Kirche gut, damit sie sich nicht nur um sich selber dreht, sondern öffnet - für die Menschen. Und für die muss sie da sein!

Manche erinnert dieser Papst an den Konzilspapst Johannes XXIII. (1881-1963), der mittlerweile selig- (2000) und heiliggesprochen (2014) wurde. Andere denken, wenn sie Papst Franziskus erleben, schlicht an das Evangelium und seinen Hauptakteur: Jesus von Nazareth. Als Jesuit von den Exerzitien, den Geistlichen Übungen nach Ignatius von Loyola (1491-1556), geprägt und tief in der Meditation des Lebens Jesu verwurzelt, ist es Franziskus ein Anliegen, dass in der Kirche der Geist des Evangeliums aufleuchtet und in ihrem Handeln die Menschenfreundlichkeit Gottes zu spüren ist, wie sie im Umgang Jesu sichtbar und erlebbar wurde. "Mit dem Brückenschlag zum Ursprung", befindet Kurienkardinal Walter Kasper mit Blick auf den Papst aus Argentinien, "ist er Brückenbauer in die Zukunft." Die Zukunft der Kirche hat mit dem Evangelium zu tun oder sie hat keine Zukunft.

Pater Andreas R. Batlogg SJ ist 1962 in Lustenau/Vorarlberg geboren und 1985 in die österreichische Provinz der Jesuiten eingetreten. Er hat Philosophie und Theologie in Innsbruck, Israel und Wien studiert und eine Promotion über Karl Rahners Christologie abgeschlossen. Außerdem ist er Mitherausgeber der "Sämtlichen Werke" Karl Rahners. Seit 2000 war er Redakteur, von 2009 bis 2017 Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit".

letzte Aktualisierung am 14.03.2018