Deutsche Provinz der Jesuiten
Papst Paul VI. begrüßt Kinder bei einem Gemeindebesuch in Rom am 31. März 1968.

Umstritten, bekämpft - und neu zu entdecken

Vor 50 Jahren veröffentlichte Paul VI. "Humanae vitae", dessen Verbot der künstlichen Verhütung in der katholischen Welt bis heute diskutiert wird. Die Enzyklika aus der Sicht eines Nachgeborenen. | Von Andreas R. Batlogg SJ

Vor fünfzig Jahren: Wen "juckt" heute noch ein päpstliches Schreiben, das seinerzeit im gesellschaftlich dramatischen Wendejahr 1968 erschien, (außerkirchlich) für einen globalen Medienhype sorgte und  (innerkirchlich) lautstarke Proteste verursachte, über Jahre hinweg? Wer heute Theologie studiert, weiß meist nichts mehr davon: Alles weit weg, Geschichte, so fern wie vielleicht das Reformkonzil von Trient (1545-1563).

Oft wurde und wird das mit 25. Juli 1968 unterzeichnete, wenige Tage später veröffentlichte
Schreiben abschätzig "Pillenenzyklika" genannt - was weder dem Text noch seinem Verfasser gerecht wird.  Denn es geht darin keineswegs nur um das Verbot künstlicher Verhütungsmittel. Heute, fünfzig Jahre
später, kann man das deutlicher sehen und (an)erkennen als in der aufgeheizten Stimmung des Sommers 1968, auf den ein "heißer Herbst" folgen sollte: Als viele Bischofskonferenzen, um "Schadensbegrenzung"
bemüht, Erklärungen veröffentlichten, in denen der Wert der persönlichen Gewissensentscheidung betont wurde. Die Deutsche Bischofskonferenz reagierte umgehend, die österreichischen Bischöfe einen Monat später. Beide Konferenzen veröffentlichten nach den Tagungsorten benannte Texte: die "Königsteiner" (30. August) und die "Mariatroster Erklärung" (22. September).

"Humanae vitae" sind die Anfangsworte der siebten und letzten Enzyklika Pauls VI. vom 25. Juli 1968 über "die Weitergabe des Lebens". L’Osservatore Romano)

Auswahlkriterium für Bischöfe

Zur Rezeptionsgeschichte von "Humanae vitae" gehört auch, dass - neben "heißen Eisen" wie Zölibat und Frauenordination - die Einstellung zu den beiden erwähnten Texten hierzulande ein, wenn nicht ein exklusives Auswahlkriterium für Bischofsernennungen wurde. Johannes Paul II. machte kein Hehl daraus, dass er Kandidaten suchen ließ, die für neue Mehrheiten in den Bischofskonferenzen sorgen sollten. In Österreich weiß man im Blick auf die letzten Jahrzehnte, zu welch fatalen Fehlentscheidungen im Episkopat das geführt hat.

Es ist eine wahre Tragik, dass der auf Tuchfühlung mit der Moderne stehende Intellektuellenpapst Paul VI. (1963-1978), der vermutlich nie ein Konzil einberufen hätte, das von Johannes XXIII. initiierte Zweite Vatikanum aber wieder aufgenommen und bravourös zu Ende gebracht hat, sich mit dieser Enzyklika selbst ins Aus gestellt hat - in dem guten Glauben, dem gesellschaftlichen Mainstream widersprechen zu müssen. Es sollte seine letzte Enzyklika sein. Nachfolgende herausragende Dokumente wie etwa "Evangelii nuntiandi" (1975) wurden oft nur mehr von Theologen beachtet.

Leicht gemacht hatte es sich der Papst nicht. Dem Konzil hatte er die Frage der Geburtenregelung entzogen. Jahrelang tagten Kommissionen: zuerst (noch unter Johannes XXIII.) sechs Mitglieder, darunter drei "Laien", mit der Zeit aufgestockt auf sechzig (!) Personen. Auf der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" (Nr. 47-52) aufbauend, folgte Paul VI. nach langem Hin und Her nicht dem von namhaften Theologen und Bischöfen erstellten Mehrheitsvotum, das bei der Empfängnisverhütung für den elterlichen Gewissensentscheid  plädierte, sondern dem Votum der Minderheit. Deren Exponenten waren die Kardinäle Alfredo Ottaviani und Karol Woytiła. Immerhin verzichtete die Enzyklika auf Drohungen und Verurteilungen. All das kann man in dem lesenswerten, gänzlich unpolemischen Buch von Martin M. Lintner nachlesen. Der in Brixen und Bozen lehrende Moraltheologe und Servitenpater ist Jahrgang 1972, hat also, biografisch gesehen, genug Abstand zum Geschehenen, um den Text, seine Entstehungs- und seine Rezeptionsgeschichte, Zuarbeiter und Berater, seine Verteidiger und seine Verächter sine ira et studio darzustellen.

Paul VI. mit Kardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Benedikt XVI.

Lintner benennt, sofern die Quellenlage (bei noch laufenden Archivsperren) dies zulässt, auch Hintergründe - und schaut auf die nachfolgende Geschichte, zu der die Schreiben "Familiaris consortio" (1981) und "Veritatis splendor" (1993) gehören, mit denen Johannes Paul II. die Positionen von "Humanae vitae" für alle Zeiten festschreiben wollte. Die Vermutung, Woytiła sei der Ghostwriter von "Humanae vitae" gewesen, weist Lintner indes zurück. Interessant: Joseph Ratzinger hat sich als Präfekt der Glaubenskongregation wie auch nach seiner Papstwahl, was die normative Lehre von "Humanae vitae" anbelangt, auffällig zurückgehalten -  was nach Lintner "als vorsichtige Korrektur gedeutet werden kann, wenn sie als solche auch nicht benannt  worden ist". Damalige wie heutige Moraltheologen werden referiert. Die Lektüre gleicht streckenweise (wie die Genese der Enzyklika) einem Krimi, fachtheologische Quisquilien sind in die Anmerkungen verbannt.

Wer vertiefende Informationen schätzt, sei auf den Kirchengeschichtler Franz Xaver Bischof hingewiesen: In Heft 4/2017 der Münchener Theologischen Zeitschrift hat er (S. 336-354) einen Rückblick veröffentlicht: "Fünfzig Jahre nach dem Sturm". Ungehört blieb die darin zitierte Warnung des Erzbischofs von Mecheln-Brüssel, Kardinal Léon-Joseph Suenens: "Lasst uns einen zweiten Fall Galilei vermeiden. [...] Einer ist wahrlich genug für die Kirche."

Die Seligsprechung von Paul VI. fand zum Abschluss der Familiensynode am 19. Oktober 2014 statt.

"Humanae vitae" und Papst Franziskus

Papst Franziskus hat in seinem nach wie vor heftig diskutierten nachsynodalen Schreiben "Amoris laetitia" von 2016 (stets mit Bezugnahme auf den Schlussbericht der Bischofssynode 2015) zur Überraschung
mancher dazu aufgerufen, "die Botschaft der Enzyklika Humanae vitae Papst Pauls VI. wiederzuentdecken, die hervorhebt, dass bei der moralischen Bewertung der Methoden der Geburtenregelung die Würde der Person respektiert werden muss" (AL 82).

Wer heute, in anderen Zusammenhängen, nach einem päpstlichen "Machtwort" ruft, sollte sich fragen, was (und wie) aus den Vorgängen um "Humanae vitae" zu lernen ist. Viele Ehepaare sahen sich in schwere Gewissenskonflikte gestürzt. Ist es je gelungen, die strittigen Vorgaben der Enzyklika, die sehr normierend ins praktische Leben der Menschen eingriffen, einsichtig zu machen? Was bedeutet die sehr breite fünfzigjährige Ablehnung einer Enzyklika? Was heißt in diesem Zusammenhang "pastorale Klugheit"?

Stand damals die päpstliche Lehrautorität auf dem Spiel, muss man sich heute fragen, warum Bischöfe, denen Papst Franziskus Entscheidungen auf lokaler Ebene zutraut und zumutet, den Ball  zurückspielen. Bei aller Betonung der hierarchischen Struktur der Kirche: Der Weg zu einer mehr synodal verfassten Kirche ist mühsam. Es braucht mehr (und qualifiziertere) Bischöfe, die diesen Kurs auch wirklich wollen. Es ist der Weg zurück zu einer Kirche, die sowohl am Geist Jesu wie an Methoden der Frühen Kirche orientiert ist.

Pater Andreas R. Batlogg SJ ist 1962 in Lustenau/Vorarlberg geboren und 1985 in die österreichische Provinz der Jesuiten eingetreten. Er hat Philosophie und Theologie in Innsbruck, Israel und Wien studiert und eine Promotion über Karl Rahners Christologie abgeschlossen. Außerdem ist er Mitherausgeber der "Sämtlichen Werke" Karl Rahners. Seit 2000 war er Redakteur, von 2009 bis 2017 Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit".

Den Artikel haben wir freundlicherweise übernommen aus der Wochenzeitung DIE FURCHE (29) vom 19. Juli 2018.

letzte Aktualisierung am 20.07.2018