Deutsche Provinz der Jesuiten

Bei sich sein

Christ zu sein heißt, bei sich zu bleiben, indem man beim Anderen ist

Von wegen "bei sich sein": Die Exerzitien fördern Exzentriker. Aber nicht im Sinne inszenierter Verhaltensauffälligkeit und gewollter Originalität, sondern im Wortsinn: Die Exerzitien leiten dazu an, außer sich zu sein, ja, geradezu vermessen die Welt mit dem Blick Gottes anzuschauen. Der Jesuit soll also alles andere als "bei sich" sein. Und doch erlebe ich in meinem Bemühen um eine Verständigung zwischen Christen und Muslimen, wie wichtig es ist, sich auf sich selbst zu besinnen und bei sich zu bleiben, und dies in zweifacher Hinsicht.

Da ist erstens die Empörung, die so viele Diskussionen prägt. Die Empörung ist außer sich, beim skandalösen Geschehen und bei den Bildern, die nicht aus dem Kopf gehen - deren Verursacher oftmals genau diese Empörung mit eingeplant haben. Nicht, dass einer gefühllosen Abgeklärtheit das Wort geredet werden soll. Empörung kann auch ein Ausdruck des Mitgefühls sein. Sie kann emotionalen Druck aufbauen und zur Durchsetzung konkreter politischer Ziele helfen: Der tunesische Diktator Ben Ali wäre ohne die Empörung über die verzweifelte Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi nicht gestürzt worden. Doch Stéphane Hessels Plädoyer "Empört Euch!" ist zumindest zweischneidig: Denn Empörung will keine Diskussion, sondern Zustimmung. Sie will keine andere Sicht auf die Dinge, sondern Berücksichtigung der eigenen. Sie will Einigkeit - oder eben Gegnerschaft. Empörung kann polarisieren in "Wir" und "die Anderen" - wobei der, der sich empört, immer auf der richtigen Seite steht. Hier hilft es, aus dem "Außer-sich" der Empörung zu sich zurückzukehren, sich abzuwenden von den skandalisierenden Bildern, den dauererregten und doch so hilflosen Nachrichten und nach seinem eigenen Standpunkt zu fragen. Bei sich zu bleiben braucht eine gewisse Askese - nicht des Nachdenkens und der Information, aber der dauernden Aktualität und des steten Dabeiseins.

Zweitens heißt bei sich zu sein, sein Verhalten nicht grundsätzlich durch das reale oder imaginierte Verhalten des Anderen bestimmen zu lassen. Die Forderung nach Wechselseitigkeit hat einen guten Ort im politischen Handeln. So hat Christian Wulff zu Recht seinen Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" durch den Satz ergänzt: "Und das Christentum gehört zur Türkei." Der vorausschauende Blick auf das Verhalten des Anderen kann aber auch zur Blockade führen. Ich erlebe immer wieder den Hinweis, dass man ja durchaus bereit sei, Muslimen offen zu begegnen, aber das sei ja leider nicht möglich, weil sie einen selbst als Ungläubige betrachteten, weil es ihnen nur um die Durchsetzung gesellschaftlicher Dominanz ginge oder weil ihnen die taktische Verstellung erlaubt sei. Einmal davon abgesehen, dass dies im Großteil nicht meiner Erfahrung entspricht, ist dieses Denken immer beim Anderen. Demgegenüber hilft es, sich auf sich selbst zurück zu besinnen: Wie will ich das Zusammenleben gestalten? Was gebietet mir mein Glaube? Was sehe ich im Anderen? Der syrische Mönch Jacques Mourad hat sehr beeindruckend erzählt, wie er in der Zeit seiner Verschleppung durch den IS seine Gefängniswärter langsam dadurch aufgebrochen hat, dass er sich immer wieder am Leben und Beispiel Jesu orientierte - sicherlich eine radikale Form, bei sich zu bleiben. Aber sie zeigt: Christ zu sein heißt, bei sich zu bleiben, indem man beim Anderen ist. Alle echten Exzentriker können aufatmen.

Tobias Specker SJ

Prof. Dr. Tobias Specker SJ wurde 1971 in Goch/Niederrhein geboren und ist 2001 in den Jesuitenorden eingetreten. 2007 wurde er zum Priester geweiht. Er hat im Von 2005 bis 2010 als Bildungsreferent im Heinrich Pesch Haus (Katholische Akademie Rhein-Neckar) gearbeitet und war Islambeauftragter der Diözese Speyer. Seit 2014 ist er Juniorprofessor für "Katholische Theologie im Angesicht des Islam" an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen/Frankfurt am Main.

letzte Aktualisierung am 17.09.2017