Deutsche Provinz der Jesuiten

Was gewinne ich, wenn ich verzichte?

Mit Aschermittwoch geht wieder die Fastenzeit los. Jedes Jahr verzichten Christen auf Schokolade, Fleisch, Zigaretten, Social Media oder schlechte Worte. Doch in Zeiten der Säkularisierung, in denen die Menschen immer weniger mit Glauben anfangen können, wird die Frage nach dem „warum fastet man“ immer größer. Wir haben Jesuiten gefragt, was ihr Gewinn ist, wenn sie verzichten, und wir haben ganz unterschiedliche Antworten bekommen.

Patrick Zoll SJ, Dozent für Politische Philosophie an der Hochschule für Philosophie in München

„Auf jeden Fall eine Antwort auf die Frage. Im besten Fall eine Erfahrung. Die Erfahrung wie befreiend und wie bereichernd das Leben sein kann, wenn man einmal auf das Kosten-Nutzen-Kalkül verzichtet. Wenn man aussteigt aus der Sorge, zu kurz zu kommen. Ohne Verzicht auf die Frage nach Gewinn: Kein Kreuz und damit auch kein Ostern!“ 

Bernd Hagenkord SJ, Vatican News in Rom

„Ich verzichte auf negative Energie: manche Webseiten und andere Medien sind nur darauf aus, dagegen zu sein, Erregung zu erzeugen, Ärger zu machen. Gerade im katholischen Bereich gibt es da einige gute Beispiele. Journalisten schauen da gerne hin mit der Entschuldigung, man müsse ja wissen, was die da denken. Da nicht hinzuschauen und sich eine Zeit lang der negativen Energie nicht auszusetzen, hilft mir, mich auf Ostern besser vorbereiten zu können. Und das ist ein großer Gewinn.“

Eckhard Frick SJ, Dozent an der Hochschule für Philosophie in München, forscht im Bereich Spiritual Care

„Sterbefasten“: Durch freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit am Ende des Lebens kann der eigene Tod beschleunigt werden. Der Gewinn durch diesen Verzicht besteht in der Möglichkeit, den Abschied anzunehmen und zu gestalten. An uns, die wir zwar wissen, dass wir sterben müssen, aber den Tod noch in weiter Ferne meinen, stellt das Sterbefasten Fragen: Wie können wir uns in diese Situation einfühlen und hineindenken? Was braucht der Sterbende, was brauche ich? Was hilft mir dabei, „mich künftighin beim Essen zu ordnen“?

Felix Schaich SJ, Geistlicher Leiter der ISG Berlin (Jugendverband am Canisius Kolleg)

„Ich gewinne Raum, um zu sehen, was in meinem Leben wichtig ist. Wenn ich einerseits das reduziere, was viel Raum einnimmt, und sein fehlen mir wehtut, erkenne ich neu den Wert dessen, auf das was ich verzichte. Andererseits kann ich durch den gewonnenen Freiraum, Neuem Raum geben.

Konkret: Probier es mal bewusst mit weniger Serien streamen. Wenn es dir fehlt, merkst du, wie wichtig sie dir sind. Wenn sie dir nicht fehlen, hast du mehr Zeit anderes zu tun, wie z.B. ein Buch lesen bzw. statt ner Folge am Abend fünf Seiten in der Bibel zu lesen.“

Moritz Kuhlmann SJ, Leiter eines Schulprojekts im Loyola Gymnasium in Prizren/Kosovo

„Keiner. Der Gewinn kommt nicht aus dem Verzicht. Dass der Letzte zum Ersten wird, das verlorene Leben zum geretteten, das Kreuz zur Auferstehung, all dies ist keine Rechnung, sondern Geschenk. Wäre der Gewinn aus dem Verzicht berechenbar, wäre es kein Verzicht mehr. Und so gäbe es auch keinen Gewinn. Auferstehung ist ein wirklich NEUES Leben. Und nicht die logische Konsequenz einer Leerstelle im vergangenen. Hoffnung auf Verheißenes ist nicht das Gleiche wie Berechnung. Gewinn ist im Verzicht nicht berechenbar. Aber die Hoffnung auf die Verheißung eines am Ende gelingenden Lebens ist ein Trost im Verzicht und im Scheitern.

Dem aus Deutschland abgeschobenen kosovarischen Roma ist kein Gewinn auszurechnen. Aber dass sich seine Hoffnung auf ein gelingendes Leben doch noch erfüllt, das ist die Verheißung des zunächst gestorbenen und dann überraschend auferstandenen Gottes. Möge die Hoffnung gewinnen.“

Johannes Siebner SJ, Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten

„Ich mag das englische Wort „benefit“ für „Gewinn“. Da klingt neben Nutzen, Vorteil und Gewinn auch das Wohltuende mit, das, was guttut. Was mir gut tut, wenn ich verzichte, ist die Vorfreude auf den Genuss und Wertschätzung für all die kleinen Dinge und Begegnungen, die wir ohne Verzicht übersehen.“

Holger Adler SJ, Hochschulpfarrer und Leiter der KHG in München

„Natürlich habe auch ich es gern, wenn die Dinge so laufen, wie ich es möchte oder vorhabe. Ignatianisch großzügig sein, ist wie mal auf seinen eigenen Einfluss verzichten. Das heißt, ich verzichte hier auf politisches Agieren, auf Einflussnahme, auf Berechnung. Das macht frei!“

Markus Franz SJ,  Seniorendelegat der Jesuiten in Deutschland

„Was ist mein Gewinn, wenn ich verzichte? Das kommt darauf an, auf was ich verzichte. Wenn ich bewusst auf Zucker verzichte, schade ich mir selber weniger. Verzichten verstärkt mein Gefühl von Freiheit und weniger Abhängigkeit. Ganz einfach, wenn ich weniger esse, dann werde ich leichter und habe weniger Mühe, mich aufrecht zu halten.“

Michael Bordt SJ, Leiter des Instituts für Philosophie und Leadership an der Hochschule für Philosophie in München

„Sie selbst gewinnen nichts. Das ist ja gerade der Witz. Freilich: Die meisten Menschen wollen sich im Verzicht selbst etwas beweisen. Dass es auch ohne Alkohol geht, dass man ein paar Pfunde verlieren kann, dass man nicht vom Internet abhängig ist. Sie drehen sich weiter um sich - um ihre Selbstoptimierung, ihr aufgeblähtes Ego. All das sein zu lassen, vor allem die übertrieben, überzogenen Vorstellungen von einem selbst - darauf kommt es im Verzicht eigentlich an. Deswegen: Verzichten Sie darauf, sich selbst Druck zu machen! Das wäre ein echtes Fasten.“

Thomas Hollweck SJ, Noviziatsleiter in Nürnberg

„Wer zu etwas – bewusst – ja sagt, sagt – bisweilen heiter, bisweilen schmerzlich – zugleich nein zu allem anderen. Ob es mir leicht fällt oder schwer, ist nicht die wichtigste Frage, sondern ob es richtig ist und mir inneren Frieden gibt. Im Frieden mit mir selbst zu sein ist ein echtes Geschenk.“

Marc-Stephan Giese SJ, Tertitat in Bolivien 

„Hier in Bolivien muss ich auf ganz alltägliche Dinge verzichten: stabiles Internet, warmes Wasser, die Waschmaschine.  Wenn ich das alles loslassen kann, dann gewinne ich eine neue Freiheit. Dann kann ich mich, wenn die Dusche dann mal warm ist, darüber freuen. Und diese Freude ist ganz klar ein Gewinn.“

Matthias Kramm SJ promoviert in Amsterdam

„Als Menschen gewöhnen wir uns an alles. In Mexiko habe ich im Mehrfachbettzimmer geschlafen und es gab keine Dusche, derzeit ist es wieder ein Einzelzimmer mit Bad. Fasten erinnert mich daran, dass ich mich auch wieder vom Luxus entwöhnen kann.“

Georg Sans SJ, Professor für Religions- und Subjektphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München

„Der Philosoph Arnold Gehlen bestimmt den Menschen als ein Mängelwesen. Einen großen Teil unserer Zeit verbringen wir damit, etwas zu suchen, das uns fehlt. Wer bewusst verzichtet, kann die Erfahrung machen, dass ihm oder ihr nichts fehlt. Verzicht üben heißt lernen, was wir alles nicht brauchen.

Oder knapper:

Verzicht üben – und lernen, was wir alles nicht brauchen.“

Clemens Kascholke SJ, Lehramtsstudent in München


„Mir stellt sich die Frage anders: Was will ich gewinnen? In was muss ich also investieren und deswegen vielleicht auf etwas verzichten?“

letzte Aktualisierung am 14.02.2018