Deutsche Provinz der Jesuiten

Frauen-Kongress in der Jesuiten-Kurie: Mut und Hoffnung

Luke Hansen SJ und Alina Oehler in Rom. Bild: Voices of Faith

Zum Weltfrauentag haben sich am Donnerstag in Rom reformorientierte Katholiken getroffen, die sich für die Gleichstellung von Frauen in der Kirche einsetzen. Dieses Jahr tagte der Kongress "Voices of Faith" nicht wie sonst im Vatikan, weil dieser zwei Gäste nicht akzeptierte. Stattdessen waren die Jesuiten Gastgeber, Ort der Debatten: die Generalskurie. Auf dem Kongress waren auch die junge Theologin und Journalistin Alina Oehler sowie der junge Jesuit Luke Hansen SJ. Beide erzählen von ihren Erfahrungen auf dem Kongress. Die Sicht einer Frau auf einem Frauenkongress und die Sicht eines Mannes auf einem Frauenkongress.

Luke Hansen SJ: „Der Mut dieser Frauen hat mir Mut gemacht“

Luke Hansen SJ in der Synodenaula im Vatikan.

Meine erste Begegnung mit dem Kongress „Voices of Faith“ fand am Internationalen Frauentag 2015 statt. Ich habe den Livestream, der direkt aus dem Vatikan kam, geschaut und warf einen Blick auf die Geschichten katholischer Frauen, die in Bereichen wie Bildung und Gesundheitspflege für Mädchen und Frauen arbeiten oder für Initiativen, die Migranten und Flüchtlinge unterstützen oder gegen Menschenhandel arbeiten. Die Veranstaltung beinhaltete auch ein Podium, auf dem fünf versierte Frauen kritische Fragen stellten und über ihre Hoffnungen und Träume über möglichen Führungspositionen von Frauen in der katholischen Kirche sprachen.

Sofort fühlte ich mich von dieser kreativen und einzigartigen Initiative inspiriert und ermutigt, die ein Ort der Begegnung und eine Brücke zwischen den Grenzen der Kirche und der Zentralregierung der katholischen Kirche sein wollte. Die Veranstaltung betonte die bereits existierende Führungsrolle von Frauen, aber bestand auch darauf, dass diese Führung auf alle Bereiche des kirchlichen Lebens ausgedehnt werden sollte.

In diesem Jahr, dem fünften Jahr von „Voices of Faith“, hatte ich das Privileg, bei der Veranstaltung auf einer Podiumsdiskussion zu sprechen. Auf dem Panel waren hauptsächlich die Stimmen junger Frauen vertreten, insbesondere im Hinblick auf die bevorstehende Jugendsynode im Oktober. Eine der Inspirationen für „Voices of Faith“ in diesem Jahr war der Brief von Papst Franziskus an junge Menschen zur Vorbereitung der Synode. „Habt keine Angst, auf den Geist zu hören, der mutige Entscheidungen vorschlägt“, schrieb er. „Die Kirche möchte auf deine Stimme hören, auf deine Empfindlichkeiten und deinen Glauben, auf deine Zweifel und deine Kritik."

Auf dem Podium sprach ich über die starke Präsenz und den Einfluss von Frauen in meiner jesuitischen Ausbildung. Ich hatte Frauen als Professorinnen für Bibelexegese, Ethik, Sakramentenlehre und sogar Homiletik. Ich lernte die ignatianische Unterscheidung von einer dominikanischen Schwester, die drei Jahre lang mein geistliche Begleiterin war. Ich habe mich auf den Priesterdienst mit Frauen vorbereitet: Studierte mit ihnen und arbeitete mit ihnen zusammen. Frauen waren meine Vorgesetzten, Kollegen und Freunde. Auf dem Weg dorthin habe ich versucht, ihnen zuzuhören und von ihnen zu lernen, vor allem, wenn sie ihre unterschiedlichen Erfahrungen als katholische Frau teilten und kritische Fragen an die Kirche, die wir lieben, aufkamen. Ich betone, dass Freundschaft und regelmäßige Zusammenarbeit mit Frauen für jeden wichtig ist, der sich auf das priesterliche Amt vorbereitet.

Als Antwort auf andere Fragen sprach ich auf dem Panel über meine Hoffnungen für die päpstliche Kommission zum Diakonat der Frauen, und auch über die Freude und den Schmerz, die Frauen erfahren, die einen Ruf von Gott spüren, der katholischen Kirche als Geweihte zu dienen, aber in einer Realität leben, in der es nicht möglich ist, diese Art von Berufung zu leben.

Die Frauen, die auf der diesjährigen Veranstaltung sprachen, waren außergewöhnlich. Senfuka Joanita Warry, eine Katholikin, sprach eindrucksvoll über die doppelte Diskriminierung als lesbische Frau in Uganda. Sie beschrieb die Gewalt, die aus der Kriminalisierung von Homosexualität resultiert. Sie sagte, dass in ihrem Land die Botschaft der Kirche als die Botschaft Gottes behandelt wird. Daher ist es wichtig, dass die Kirche homosexuelle Menschen mit Würde und Respekt behandelt.

Der Mut dieser Frauen hat mir Mut gemacht. Es gab viele starke Momente der Ehrlichkeit. Tweilweise sah ich Menschen mit Tränen in den Tagen wegen der Schönheit und Kraft dessen, was geteilt wurde. Ich hoffe, dieser Kongress wird weiterwirken, sodass mehr Frauen inspiriert und ermutigt sind, über ihre Erfahrungen zu sprechen, wie Gott in ihrem Leben und in der Gemeinde wirkt.

Luke Hansen SJ ist ein Jesuitenpater aus den Vereinigten Staaten, Student an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und ein ehemaliger Redakteur der Jesuitenzeitschrift America. Seine Arbeit mit Frauen im Gefängnis und die intensive Zusammenarbeit mit Frauen haben Luke ein starkes Gefühl für die Wichtigkeit und Dringlichkeit gegeben, die Rolle der Frauen für Führung und Dienst in der Kirche anzuerkennen und zu stärken

Alina Oehler: Hoffnung trotz allem Frust

Bild: Hannes Leitlein

Als ich am 5. März in Rom ankam, hatte ich keine Vorstellung was mich erwartet. Es war für mich das erste Mal, dass ich als Teilnehmerin der Konferenz „Voices of faith“ eingeladen war. Die meisten der anderen Frauen – das wurde schnell deutlich – kannten sich dagegen schon von den letzten Jahren. Sie fielen sich gegenseitig in die Arme, die Atmosphäre war sofort sehr herzlich, es wurde viel gelacht.

Das internationale Netzwerk tagte anlässlich des Weltfrauentags bereits zum fünften Mal in Rom. Mit einem Unterschied: die letzten Jahre wurde innerhalb der vatikanischen Mauern getagt, in diesem Jahr wurden zwei der Sprecherinnen vom Vatikan nicht akzeptiert, deshalb fand die Veranstaltung in der Generalskurie der Jesuiten, vor den Mauern des Vatikan, statt.

Der Raum erinnert dabei an ein Parlament, üblicherweise versammeln sich hier Jesuiten, um über Dinge zu beraten oder abzustimmen, wie bei der 36. Generalskongregation vor zwei Jahren. Thomas H Smolich, der Direktor des Jesuit Refugee Service stellte daher schnell fest: „There’s a different energy when it’s filled with men and women, especially women.”

Über diese „andere Energie“ von Frauen und warum sie in der Kirche an den entscheidenden Stellen immer noch fehlt, hatten wir in den Tagen davor viel diskutiert. Eine Gemeinsamkeit stellten wir schnell fest: wir alle hatten irgendwann die schmerzhafte Erfahrung gemacht, von Kirchenmännern nicht ernstgenommen zu werden, weil wir Frauen sind. Und das länderübergreifend. Denn das besondere an „Voices of faith“ ist, dass sich engagierte katholische Frauen aller Generationen und Nationalitäten in Rom begegnen. Das erklärte Ziel ist dabei zu zeigen, dass die Kirche eine volle Integration von Frauen braucht – Leitungsfunktionen eingeschlossen – um in Zukunft weiter bestehen zu können. Bei der Konferenz erzählen Frauen von Ihrem Engagement, von ihrer Geschichte und zeigen, dass sie eine starke katholische Stimme sind, die es verdient gehört zu werden.

Ich könnte jetzt so viel zu jeder einzelnen der beeindruckenden jungen Frauen sagen, die ich auf diesem Weg kennenlernen durfte. Doch dafür ist hier nicht der Platz und das Video aller Reden ist online verfügbar. Allen Statements war dabei jedoch eines gemeinsam – wir alle setzen allem Frust zum Trotz weiter Erwartungen und Hoffnungen in die Kirche. Ich denke hier zum Beispiel an die junge Inderin Nivedita Lobo, die in Kanada lebt und arbeitet und das Gefühl hat, dass eine Kirche, die von weißen, alten Männern bestimmt wird, ihr nichts Passendes bieten kann. Oder an die LGBT-Aktivistin Ssenfuka Joanita Warry und ihre erschreckenden Berichte aus Uganda, wo Homosexualität strafbar ist, Menschen verfolgt werden und die Kirche dazu schweigt. Und – alle SprecherInnen zeigten sich davon überzeugt, dass die Kirche ohne die Frauen ihren Auftrag nicht erfüllen kann.

Ganz besonders schön und ermutigend empfand ich es, dass auch ein Mann und Priester mit uns diskutierte – der junge Jesuit Luke Hansen. Er arbeitet unter anderem in einem Frauengefängnis, wo er vielen Frauen zuhört. Richtig zuhört, mit offenem Herzen – das merkte man deutlich. Dadurch und durch die Zusammenarbeit mit Frauen in Führungspositionen wurde er sensibilisiert, wie bereichernd das Wirken von Frauen sein kann. Mir hat es sehr gut getan, dass auch ein Priester mit Nachdruck die gleichen Fragen stellte, wie wir und ich bin ihm für seinen Mut dankbar. 

Am Ende der Veranstaltung stand viel Wertschätzung für die mutigen und klugen Frauen im Raum. Thomas H Smolich schloss mit: “We’ve been graced today to hear women of the church – and Luke. Thank you church women for sharing your storys, sharing your perspectives.”

Ob diese Geschichten und Perspektiven weitere Entwicklungen anstoßen, bleibt wie jedes Jahr abzuwarten – eines ist dafür sicher: die Gemeinschaft geeint in der Liebe zur Kirche und dem gleichzeitigen Wunsch nach mehr Beteiligung bleibt sicher bestehen. Zu spüren, dass man mit seinen Sorgen nicht allein ist und sich gegenseitig unterstützt – dafür ist das Netzwerk von „Voices of Faith“, das bei diesem Event auch Jesuiten miteingeschlossen hat, einfach Gold wert.

Alina Oehler ist Theologin und freie Journalistin. Sie setzt sich unter anderem mit ihren Artikeln besonders für die Rolle der Frau in der katholischen Kirche ein.

letzte Aktualisierung am 15.03.2018