Deutsche Provinz der Jesuiten

Was heißt Reform?

In Zeiten der Übergänge und der Krisen ist das Urteilsvermögen bedroht, daher ist der Geist der Reform einzuüben.

Geistliches und Strukturelles gehören zusammen

Öffentlich-politische Debatten haben nicht selten den Anschein, als seien sie rituell festgelegt. Läuft in der Gestaltung des Gemeinwesens etwas schief, lässt der Ruf nach Reform nicht lange auf sich warten. Ohne genau im Bilde zu sein, was denn mit "Reform" genau gemeint sei, gibt der Wunsch danach der Empfindung - oder manchmal der Wut - Ausdruck: So geht es nicht weiter, es muss sich etwas ändern! Dann steht eine Steuer-, Bildungs-, Heeresreform oder gleich eine Reform der EU und ihrer Institutionen auf der Agenda. Die Zentralen der westeuropäischen Kirchen sind seit Jahren mit sog. Struktur-Reformen beschäftigt.

Was bedeutet Reform? Nimmt man die Herkunft des Begriffes (lat. reformare: erneuern, umgestalten) - und nur diese -, würde es um die Wiederherstellung der ursprünglichen Gestalt gehen. Bliebe man dabei stehen, wäre das Ergebnis allerdings "Restauration". Aber Identität ist nur geschichtlich zu haben. Deshalb setzt Reform Geschichte und Entwicklung voraus: In einem bestimmten historischen Zeitpunkt muss Identität verdeutlicht, nachjustiert, erneuert werden. Damit hat Reform mehrere Blickrichtungen: eine zurück zum Ursprung, eine in die Gegenwart und eine in die Zukunft. Die Treue zum Ursprung ebenso wie der Blick in die Tradition kann dazu führen, dass Reform auf Neuansatz hinausläuft, weil "neuer Wein in neue Schläuche" (Lk 5,38) gehört. Die Geschichte des Christentums, der Kirche, der Orden beweist: Es gibt nicht nur eine Reform, sondern die Reform der Reform (der Reform) ...

Nach Mk 1,15, einer Zusammenfassung seiner Verkündigung, hatte Jesus mit der Sammlung des Volkes Israel zugleich eine umfassende Reform im Blick. "Umkehr" (griech. metanoia) war wesentlicher Teil der angestrebten Erneuerung. Die Zeit war dafür reif ("erfüllt"). Jetzt, angesichts der andrängenden und alles über den Haufen werfenden Nähe des Reiches Gottes, sollte sich alles und alle (Individuum und Gesellschaft, Religion, das Volk Israel) neu ordnen und gestalten. Bedingung ist, das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit allem vorzuordnen. Dann wird alles neu - gegeben (Jes 43,19; Offb 21,5).

Ist geistliches Leben nicht der ständige Versuch, die Priorität des Reiches Gottes ernst zu nehmen? Reform ist, spirituell gesehen, stets dran, allerdings als etwas, was sich am und im glaubenden Individuum ereignet - wenn es der Mensch nur zulässt. Reform ist nach Paulus Verwandlung durch den Geist des Herrn (vgl. 2 Kor 3,18). Ja, der aktive und der passive Anteil sind auszubalancieren, aber vom Menschen ist eher eine durch Verlangen beseelte Passivität erwartet.

Christsein ist Christwerden. Christsein ist ein Prozess des Wachsens und Werdens, grundgelegt in Glaube und Taufe. G. Fuchs spricht von "Rhythmen der Christwerdung". Die Zielgestalt ist Christus, der neue Mensch (vgl. LG 22). Über die Transformation und Konfiguration hin zur conformitas cum Christo, darin besteht nach klassischer geistlicher Lehre die Reform vom alten zum neuen Menschen hin. Das meint wohl auch Eph 4,13: "So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen."

Die Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola sind dazu da, "sein Leben zu ordnen" (GÜ 22). Wer "das eigene Leben bessern und reformieren" will (GÜ 189), dem rät der Ordensgründer zweierlei: Zum einen wäre es nötig, sich das Ziel menschlichen Lebens vor Augen zu halten, nämlich Gott die je größere Ehre zu erweisen. Das, und nichts anderes, sollte der glaubende Mensch wollen und in allem und durch alles hindurch im Blick behalten. Dem steht freilich der Egoismus des Menschen entgegen. Deshalb fügt Ignatius hinzu: "Denn jeder bedenke, dass er in allen geistlichen Dingen soviel Nutzen haben wird, als er aus seiner Eigenliebe, seinem Eigenwillen und Eigeninteresse herausginge." (GÜ 189)

Das hat sich auch die Kirche in all ihren notwendigen und drängenden Reformvorhaben vorzusagen: Eigentlich geht es darum, sich selbst zu vergessen, die Eigeninteressen hinter sich zu lassen und sich in den Dienst der Welt zu stellen. Das ist Sendung der Kirche von Jesus her. Doch was fängt ein Generalvikar oder eine bischöfliche Finanzverantwortliche angesichts der Verantwortung für viele hundert Mitarbeiter(innen) mit diesem markigen und sicherlich richtigen Satz an? Die konkrete Umsetzung müsste also etwas von dieser geistlichen Übersetzungskunst atmen. Denn dass Geistliches und Strukturelles zusammengehören, Strukturfragen auch als Gottesfragen zu behandeln sind, Ekklesiologie an Spiritualität gebunden ist - das ist (römisch-)katholisch!

Auf den Wandel, den Geschichte mit sich bringt, nicht zu reagieren, ist mitunter bedrohlich. Denn es gibt einen Zeitpunkt, an dem Reform nicht mehr möglich ist und das Ganze in Folklore endet. So ist auch der Geist der Reform einzuüben, täglich, nicht zuletzt deshalb, weil in Zeiten der Übergänge und der Krisen das Urteilsvermögen bedroht ist. Dann ist Unterscheidung gefragt. Dabei ist es ja nicht so entscheidend, wo sich jemand befindet, sondern in welche Richtung sich jemand bewegt.

Christoph Benke
c.benke(at)geistundleben.at

Dr. Christoph Benke, geb. 1956, ist Seelsorger und Geistlicher Leiter des "Zentrums für Theologiestudierende" in Wien. Er lehrt auch seit 2008 "Spirituelle Theologie" an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Diözese St. Pölten. Seit 2013 ist er Schriftleiter der von der Deutschen Provinz der Jesuiten herausgegebenen Zeitschrift für christliche Spiritualität "GEIST & LEBEN".

Dieser Text ist das Editorial der aktuellen Ausgabe von "Geist und Leben", der Zeitschrift für christliche Spiritualität (Heft 2 April/Juni 2017), Echter-Verlag.

letzte Aktualisierung am 21.04.2017