Deutsche Provinz der Jesuiten

Vom Ich zum Du

Die kopernikanische Wende im geistlichen Leben

Wir Menschen sind Beziehungswesen, auf ein Du hin geschaffen. Und doch sind wir oft konfrontiert mit unserem Egoismus oder dem Egoismus anderer. Wir sehnen uns danach, wahrgenommen zu werden, wir sehnen uns nach echter Begegnung, und doch leiden wir oft unter Beziehungslosigkeit und Isolation. Wir wünschen uns ein Leben mit Tiefgang, und doch laufen wir vor uns selbst davon und lenken uns ab mit vielerlei Zerstreuungen. Gibt es eine Medizin, die uns von den Erkrankungen einer falschen Ich-Bezogenheit heilt und uns in lebendige Beziehungen führt? In ihrem neuen Buch "Freude an Gott" sprechen Pater Joachim Hartmann SJ und Frau Dr. Annette Clara Unkelhäußer über ihre Erfahrungen in der geistlichen Begleitung von Menschen im Exerzitienhaus Gries.

Hartmann: Für Ignatius ist die beste Medizin für geistliches Wachstum im Exerzitienbuch so ausgedrückt: "Denn das soll ein jeder bedenken, dass er in allen geistlichen Dingen nur insoweit Fortschritte machen wird, als er herausspringt aus seiner Eigenliebe, seinem Eigenwillen und seinem Eigennutz." (EB 189) Wie klingt das für Dich?

Unkelhäußer: Da müsste man noch differenzieren, denn der eigene Wille ist kostbar für mein geistliches Leben und hat auch mit Entschiedenheit und Ausrichtung zu tun. Für mich stimmt eher ein Satz, den ich in meiner Kindheit gehört habe: "Ich will" das Wort ist mächtig, spricht es einer ernst und still, die Sterne reißt es vom Himmel, das eine Wort ich will."

Hartmann: Auch Ignatius hält viel vom Willen und war selbst willensstark. Dein Zitat aus der Kindheit würde ihm sicherlich auch gefallen, hat er doch selbst gesagt: "Wer wirklich will, dem ist nichts schwer." Es kommt ihm darauf an, wie und worauf hin unser Wille ausgerichtet ist. Drehen wir uns dabei nur um uns selbst, oder blicken wir auch auf andere.

Unkelhäußer: Anders gesagt: Mache ich mich zum Mittelpunkt des Lebens oder kann ich wahrnehmen, dass ich Teil eines größeren Ganzen bin. Um mit Kopernikus zu sprechen: Kann ich wahrnehmen, dass ich wie die Erde bin, die sich um die Sonne dreht, oder lebe ich so, als würde sich die Sonne bzw. alles um mich drehen? Wir müssen im geistlichen Leben diese kopernikanische Wende immer wieder vollziehen.

Hartmann: Christlich gesprochen ist die Kopernikanische Wende nichts Anderes als Du-Bezogenheit.

Unkelhäußer: Und diese zieht sich wie ein roter Faden durch die Heilige Schrift. Gott wirbt dafür, dass wir IHN an die erste Stelle und ins Zentrum unseres Lebens setzen.

Hartmann: Für mich sind hier zwei Textstellen wichtig: Im Schöpfungsbericht wird beschrieben, wie der Mensch aus der Du-Bezogenheit herausfällt, weil er sich selbst zum Mittelpunkt macht. Er verliert die Ausrichtung auf Gott und den Kontakt zu sich selbst. "Wo bist Du Adam? - fragt Gott? Mit dieser Frage ist ja auch der Zustand des Menschen beschrieben, der nicht im Hier und Jetzt ist, wo das Leben spielt. Eine andere markante Stelle findet sich im 1. Kapitel des Johannesevangeliums.  Als die ersten Jünger Jesus nachfolgen wollen, wendet er sich ihnen zu mit der Frage: "Was sucht ihr?" Jesus ist hier ganz Du-bezogen. Seine Frage bringt die Jünger in Kontakt mit sich selbst. Sie sollen spüren, was sie bewegt, woher sie kommen, wonach sie sich sehnen.

Unkelhäußer: Mir fällt Johannes der Täufer ein. Er erkennt in Jesus den größeren Meister und bindet seine Anhänger nicht an sich selbst, sondern gibt sie frei mit dem Hinweis: "Seht das Lamm Gottes". Ein leuchtendes Beispiel für Du-Bezogenheit

Hartmann: Das ist künstlerisch sehr treffend auf dem Isenheimer Altar dargestellt. Johannes der Täufer wird hier mit einem überdimensionalen Zeigefinger gemalt, mit dem er auf Jesus hinweist.

Unkelhäußer: Für die geistliche Begleitung ist die Haltung des Täufers wegweisend. Für mich ist er ein Patron der geistlichen Begleitung Denn wenn wir ambitioniert sind und bestimmte Ergebnisse erzielen wollen, dann stehen wir dem Wirken Gottes im Weg. Stattdessen sollten wir durchlässig sein für SEINE Wegweisung. Wir sind als geistliche Begleiter Bodenpersonal, das assistieren darf beim Heilsgeschehen zwischen Gott und dem Menschen.

Hartmann: Kannst Du mir ein Beispiel aus der Begleitung nennen?

Unkelhäußer: Es kam eine Frau zum Gespräch, die in Not war. Ich wollte ihr helfen und mühte mich sehr, sie zu verstehen, um ihr dann einen Rat oder eine Lösung anzubieten. Aber ihre Gedanken und Fragen waren so verwirrend, dass ich zunehmend unter Druck geriet.  Schließlich kam ich an den Punkt, an dem ich innerlich spürte: Jetzt ist es wichtig, den Wunsch, zu verstehen und etwas zu raten aufzugeben und einfach "nur" da zu sein.  Das war die entscheidende Wende vom Ich zum Du.  Am Ende des Gespräches sagte sie: "Vielen Dank, Sie haben mir sehr geholfen, jetzt weiß ich den Weg." Sie hatte sowohl das Problem als auch die Lösung in sich getragen und ein Gegenüber gebraucht, das da war und zuhörte. 

Hartmann: Das ist ein gutes Beispiel für eine kontemplative Grundhaltung. Wir lernen mit unserer Aufmerksamkeit und unserem ganzen Interesse bei etwas bleiben zu können in der Haltung der Absichtslosigkeit und Offenheit für das, was sich ereignet. Wir wollen keine Ergebnisse erzielen. Wir sind einfach da und nehmen war. Das üben wir ein auf dem Grieser Weg der Kontemplation. Wir lernen konkrete Übungen kennen, die uns helfen unsere Aufmerksamkeit zu bündeln, wach und interessiert da zu sein und da zu bleiben.

Das Buch "Freude an Gott - Das innere Feuer neu entfachen" ist 2018 als Band 78 in der Reihe "Ignatianische Impulse" im Echter Verlag erschienen (ISBN 978-3-429-04443-5).

P. Joachim Hartmann SJ und Dr. Annette Clara Unkelhäußer leiten das Exerzitienhaus der Jesuiten in Gries bei Kronach (Oberfranken) und geben dort kontemplative geistliche Übungen in der Tradition von P. Franz Jalics SJ. P. Joachim Hartmann SJ ist Jesuit und integrativer Gestalttherapeut, war Jugend- und Studentenseelsorger. Dr. Annette Clara Unkelhäußer ist Ärztin und Journalistin. Sie arbeitete lange Zeit als Sozialberaterin in Weinheim.

letzte Aktualisierung am 05.03.2018