Deutsche Provinz der Jesuiten
Die Kurpastoren wechseln, das SJ-Kürzel bleibt gesteckt. © Susanne Wübker, Langeoog.

Jesuiten auf Langeoog

„Und aus St. Nikolaus ist jetzt auch eine Jesuiten-Pfarrei geworden?“, erkundigte sich kürzlich eine Anruferin vom Festland. Sie hatte eingehend die jüngste Ausgabe der Uns Inselkark studiert. Im alle zwei Monate erscheinenden Pfarrbrief der evangelischen Inselkirchengemeinde auf Langeoog finden sich auch einige katholische Informationen. Unter anderem sind dort die Kurpastoren aufgeführt. Hinter den allermeisten Namen steht derzeit das Kürzel SJ.

Auf keiner der zum Bistum Osnabrück gehörigen Ostfriesischen Inseln gibt es einen festen Priester, auf allen aber die Einrichtung der Kurpastoren-Stellen. Diözesanpriester oder Ordensmänner verbringen ein paar Tage oder ihre ganzen Ferien auf der Insel – in diesem Fall: Langeoog. Ihnen steht eine solide eingerichtete Wohnung im Pfarrhaus zur Verfügung. Sie übernehmen die Feier der Sonntagseucharistie und der werktäglichen Abendmessen. Ansonsten laden 14 Kilometer Naturstrand zu ausgiebigen Spaziergängen ein; Wattwandern, Radeln, Schwimmen im Meer wechseln sich ab mit Lesen, Kochen oder Wolkengucken. Bewegungsdrang lässt sich ebenso ausleben wie die Seligkeit des Ruhemodus.

Der ein oder andere Artikel ist schon im Studierstübchen der Kurpastorenwohnung von St. Nikolaus entstanden, manch ein Aufriss für ein Seminar. Umgekehrt profitieren Ortsansässige und Urlauber davon, wenn Jesuiten während ihres Aufenthalts einen Vortrags- und Gesprächsabend anbieten oder mit einem geistlichen Wort in der hiesigen Wochenzeitung Akzente setzen. Der unbegrenzte Horizont am Tag und ein sternenprangendes nächtliches Firmament weiten das Herz von Inselgästen und machen sie empfänglich für gewichtige, existentielle Fragestellungen. Treue Kirchenferne genauso wie kirchlich Engagierte wollen in ihrem Urlaub Gott als Geheimnis entdecken, befassen sich mit den Letzten Dingen, üben sich ein in Die Kunst der Unterscheidung. Sie interessieren sich für andere Inseln (Cuba libre? – Ein Land im Wandel) oder stellen sich ihrer Lebensgeschichte und Übergängen des Lebens auf spirituelle Weise.

Sternenhimmel mit der Kirche St. Nikolaus. © Michael Wrana, Langeoog

Selbst wenn jemand einmal einen Termin nicht wahrgenommen hat, muss das kein Hinderungsgrund für eine außergewöhnliche Begegnung im Nachhinein sein: Dominik Terstriep SJ hatte einen Themenabend zu Etty Hillesum gestaltet. Etwa eine Woche später steht ein niederländisches Ehepaar vor der Tür. Die beiden sind erstmalig auf Langeoog, haben in einem Veranstaltungskalender von dem Vortrag gelesen und wollen den Referenten kennenlernen. Es stellt sich heraus, dass der Vater der Frau zur Zeit Ettys im Durchgangslager Westerbork inhaftiert war (und sich retten konnte). Der Mann hatte 1959 zwei Briefe Etty Hillesums entdeckt. So hatten die Eheleute entscheidenden Anteil an der Herausgabe ihrer Schriften und sind Mitbegründer des Etty-Hillesum-Centrums in der ehemaligen Synagoge von Deventer. Nie hätten sie gedacht, ihre große Herzensangelegenheit während ihrer Urlaubstage auf einer deutschen Insel vorzufinden und sie mit einem Pater aus Schweden teilen zu können …

Die schlichte und ergreifende Architektur der in den Dünen gelegenen Kirche St. Nikolaus ermöglicht schlichte und ergreifende Liturgien. Taufen und Trauungen sind nachgefragt, zumeist von auswärtigen Gästen. Manches Gespräch ergibt sich in der Sakristeitür, im Beichtzimmer, im Dorf oder am Strand. Gar nicht so selten ist ein unverhofftes Wiedersehen mit alten Bekannten. Auf dem meerumspülten Eiland sind gerade mal die Gezeiten gut vorhersagbar, vieles andere ergibt sich eher nach dem System Je nachdem. Und es ist durchaus von Vorteil, wenn dieses von Jesuiten wahrgenommen wird.

Susanne Wübker (Pastoralreferentin auf Langeoog)

letzte Aktualisierung am 30.07.2018