Deutsche Provinz der Jesuiten

Auf getrennten Wegen in die Moderne?

Beide rangen um kirchliche Reformen: Ignatius von Loyola und Martin Luther.

Luther und Ignatius als Gestalter des Umbruchs

Zum Reformationsjubiläum hat sich eine Tagung in Wittenberg dem Vergleich zwischen Martin Luther und Ignatius von Loyola gewidmet: zwei kantige Provokateure, an denen sich bis heute die Geister scheiden. Können wir etwas lernen von den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen diesen beiden Persönlichkeiten?

Die Tagung "Auf getrennten Wegen in die Moderne? Luther und Ignatius als Gestalter des Umbruchs" sollte Akteure und Multiplikatoren sowohl auf protestantischer als auch katholischer Seite zusammenbringen, um im Jahr des Reformationsjubiläums gemeinsam darüber nachzudenken, welche Potentiale sich aus den Traditionen des 16. Jahrhunderts - repräsentiert durch die beiden "Impulsgeber" Luther und Ignatius - für unsere Gegenwart ergeben. Hierbei sollten Parallelen und Differenzen der Traditionen herausgearbeitet werden und anhand der Gestaltungsfelder Freiheit, Macht und Bildung ausgelotet werden, welche Perspektiven die Traditionen in der eigenen Konfession, aber auch als Korrektiv beim konfessionellen Gegenüber eröffnen können.

Zielsetzung der ersten Tagungssektion war es, vorab auszuloten, inwiefern Luther und Ignatius in ihrem Leben, Wirken und ihrer Theologie vom gegenwärtigen Standpunkt als Impulsgeber verstanden werden können. Der evangelische Theologe Christoph Schwöbel, Professor für systematische Theologie in Tübingen, und Pater Stefan Kiechle, Delegat der SJ für ignatianische Spiritualität, zeigten Parallelen in Leben und Werk Luthers und Ignatius' auf. Beide Gestalten, die voneinander wenig wussten, hätten in persönlichen Lebenskrisen eine Transformation hergebrachter Leistungsfrömmigkeit entwickelt und wichtige Impulse für die weitere Ausgestaltung des kirchlichen Lebens in ihren Bereichen gegeben. Wie Christoph Schwöbel betonte, könne man nicht die Reformation exklusiv mit dem Prädikat der Modernität ausstatten, vielmehr sei im Sinne des Konzepts "Multipler Modernen" die Vielfalt legitimer Entwicklungspfade in der europäischen Neuzeit zu beachten.

In seiner Tischrede auf der Wartburg sprach der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) - hier mit P. Provinzial Johannes Siebner SJ (l.) - über sein politisches Wirken als evangelischer Christ und seinen Zugang zu Papst Franziskus.

Die zweite Sektion widmete sich dem Gestaltungsfeld Freiheit, ein Schlagwort, das seit Luthers bekannter Freiheitsschrift häufig als Proprium der Reformation angesehen wird. Ansgar Wucherpfennig SJ, Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, würdigte Martin Luther als eine Figur, von der sich zwar keine lineare Verbindung zum modernen Verständnis der Freiheits- und Menschenrechte ziehen lässt, die jedoch von höchster Bedeutung für die Entwicklung des neuzeitlichen Freiheitsbegriffs ist. Wie auch der Leipziger Kirchenhistorikers Klaus Fitschen vom evangelischen Standpunkt aus beipflichtete, hätten Luther und Ignatius unterschiedliche Freiheitsbegriffe entwickelt, die sich komplementär ergänzen könnten. Während Ignatius ein philosophisches Konzept der bedingten Entscheidungsfreiheit entwickelt habe, argumentiere Luther aus einem biblischen Verständnis von Freiheit heraus. Pater Wucherpfennig stellte insbesondere die bei Luther ausgemachte Freiheit, alles zu sagen, und konkurrierende Wahrheitsansprüche sich bewähren zu lassen, als wichtigen Impuls auch für den Katholizismus heraus.

Sowohl die lutherische Reformation als auch die Gesellschaft Jesu gingen beide trotz machtkritischer Potentiale schnell Bündnisse mit Machteliten ein. Diesem Feld widmete sich die anschließende Sektion, in der zunächst Christoph Picker, Direktor der Evangelischen Akademie der Pfalz, und Pater Provinzial Johannes Siebner SJ in Collagen Einblicke in das ambivalente historische Verhältnis beider zur Macht eröffneten. Moderiert von Prof. Fitschen sprachen anschließend die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin und evangelische Theologin Christine Lieberknecht (CDU) und Reinhard Bingener, Journalist (FAZ) und evangelischer Theologe über das Verhältnis der Kirchen zur Macht. Dabei wurde das von den Podiumsteilnehmern kritisierte, von der EKD-Spitze propagierte Konzept der Öffentlichen Theologie und der medialen Aufnahme politischer Stellungnahmen der Kirchen kontrovers diskutiert. Zur Sprache kam auch die Problematik innerkirchlicher Machtausübung, wobei die Diskutanten insbesondere auf die aus ihrer Sicht zu wenig reflektierte bürokratische Machtausübung in den evangelischen Landeskirchen hinwiesen.

Der Ausbau des Bildungswesens zeichnet sowohl das Wirken des Jesuitenordens als auch die Reformation aus. Die vierte Sektion widmete sich daher aus einer Gegenwartsperspektive den Wirkungen christlicher Schultraditionen. Die Bamberger Bildungswissenschaftlerin Annette Scheunpflug, Stellvertretende Vorsitzende der Kammer für Bildung und Erziehung, Kinder und Jugend der EKD, stellte anhand empirischer Forschungen dar, dass Religion auch im säkularen Staat einen wichtigen Einfluss auf die Bildung habe. Es zeigten sich sowohl positive Aspekte nichtstaatlicher Schulen in konfessioneller Trägerschaft in den Bereichen der Bildungsgerechtigkeit und Lernerfolg, als auch spezifische konfessionelle Profile in den Bildungserträgen. Sabine Ulrich, Leiterin des Evangelischen Schulzentrums Leipzig und P. Tobias Zimmermann SJ, Rektor des Canisius-Kollegs Berlin, beleuchteten aus ihrer praktischen Arbeit heraus die gegenwärtigen Herausforderungen von Schulen in konfessioneller Trägerschaft. Ein wichtiger Ertrag der Diskussion war, dass eine kirchliche Instrumentalisierung der Schulen nicht zielführend sei, da eine "religiöse Alphabetisierung" höhere Priorität habe, als eine erzwungene Milieubindung der abgehenden Schülerinnen und Schüler.

Als Rückblick und Ausblick zugleich sollte die abschließende Sektion die Traditionen des 16. Jahrhunderts "nach vorne denken". Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche (A.B.) in Österreich, legte einen Entwurf vor, "mit Luther über Luther hinaus" (H.-M. Barth) zu denken. In den Gestaltungsfeldern Freiheit, Macht und Bildung ergäben sich Potentiale für evangelische Kirchen in ganz Europa, die Luther so nicht unterschrieben hätte, zu denen er jedoch Impulse gegeben hätte. Pater Provinzial Siebner SJ betonte die bleibende Bedeutung der ignatianischen Wurzeln für die Gesellschaft Jesu und sprach sich in einer anschließenden Diskussion, die sich um Fragen der Ökumene kreiste, dafür aus, dass heute der "Skandal der Trennung" neu kommuniziert werden müsse, damit diese nicht als gegeben akzeptiert werde. Wie Bischof Bünker zu bedenken gab, dass das nunmehr auch auf päpstlicher Seite benutzte Schlagwort der Einheit in versöhnter Verschiedenheit auf eine Dynamik zur Einheit und nicht zu einer Ökumene des Stillstands hinziele.

Der Titel der Tagung wurde in Wittenberg in doppelter Hinsicht eingelöst. Auf getrennten Wegen in die Moderne machten sich an der Schwelle zur Neuzeit beide Konfessionsgruppen auf und schöpften aus unterschiedlichen, zum Teil aber auch gemeinsamen Quellen. In der Gegenwart des Jubiläumsjahrs 2017 stellt sich die Frage nach dem weiteren Weg erneut. Hier hat die Tagung Impulse gegeben, wo an die begangenen Wege angeknüpft werden kann und wo möglicherweise gemeinsame statt getrennte Wege eingeschlagen werden können. Und schließlich fand in Wittenberg auch eine Tagung statt, die nicht nur von den Vorträgen und Diskussionen lebte, sondern sich auch durch interessante Begegnungen auszeichnete.

Die Tagung wurde von einem Rahmenprogramm begleitet, dass den Ort Wittenberg und die Weltausstellung zum Reformationsjubiläum miteinschloss. Mehrere ökumenische Andachten und Wortgottesdienste beinhalteten sowohl von Pater Stefan Kiechle SJ angeleitete ignatianische Übungen, als auch das gemeinsame Singen des Lieds "Ein feste Burg ist unser Gott".

Tobias Dienst

letzte Aktualisierung am 06.07.2017