Deutsche Provinz der Jesuiten

Der Stille Raum geben: Das Interesse an Kontemplation wächst

Im Garten von Exerzitienhaus HohenEichen der Jesuiten: ein Ort, an dem sich Menschen aus der Welt zurückziehen können. © SJ-Bild/Alfred Herrmann

Das Interesse an Spiritualität steigt. Immer mehr Menschen wollen das Beten neu lernen. Vor allem Menschen, die oft unter großem Zeitdruck stehen, suchen Orte, wo sie das "Jesusgebet" oder das "kontemplative Beten" lernen und praktizieren können. Im Exerzitienhaus HohenEichen melden sich fast täglich Suchende nach geistlicher Begleitung und nach kontemplativen Exerzitien mit dem Jesusgebet. Seit fünf Jahren leitet P. Wilfried Dettling SJ das Exerzitienhaus HohenEichen und begleitet Menschen in ihren Lebens- und Glaubensfragen.

Pater Dettling, welche Bedeutung hat die Stille für Sie?

Die Stille ist das Wichtigste für mich. Sie durchdringt alle Bereiche meines Lebens. Viele, die zu uns nach HohenEichen kommen, sagen, dass sie in die Stille gehen wollen oder dass sie hier sind, um die Stille zu suchen. Wir brauchen die Stille nicht zu suchen, wie etwas, das nicht vorhanden wäre. Die Stille ist eine Realität, die immer und überall ist. Wir müssen uns ihr gegenüber nur öffnen, ihr Raum geben und sie bewusst wahrnehmen. Dann können wir auch mitten in unserem Alltagsgetriebe die Stille und die Bedeutung, die die Stille für unser Leben hat, erfahren. Ich erfahre die Stille vor allem als eine Kraft, die hinter allem Unerlösten und Harten liegt. "Die größte Offenbarung ist die Stille", heißt es bei Laotse. Das ist wahr. Wer aber die Bedeutung der Stille erfahren und verstehen will, der muss sich der Stille auch aussetzen. Das Nachdenken über Stille und das Lesen von Büchern zur Bedeutung der Stille hilft hier nicht weiter. Die Bedeutung der Stille erschließt sich uns nur, wenn wir uns ihr gegenüber hingeben. Wer dazu bereit ist, der verlässt sich selbst und erhofft alles von dem, was sich ihm in der Stille zeigt.

Sie sind viel beschäftigt und unterwegs. Wie machen Sie das, dass Sie sich da immer wieder Zeit nehmen, um sich auf die Stille auszurichten?

Meditationskurs im Haus Hoheneichen. © SJ-Bild: Christian Ender

Im Grunde gibt es da nur eine Frage zu beantworten: Willst du dir Zeit dazu nehmen oder willst du es nicht? Ich nehme mir die Zeit. Manchmal, wenn ich merke, dass ich angespannt bin und noch weitere Termine anstehen, mache ich das, was in dieser Situation augenscheinlich das Unsinnigste ist. Anstatt noch eine E-Mail zu schreiben oder noch ein Telefongespräch zu führen, gehe ich in die Kapelle und setze mich 15 Minuten hin und lass die Stille wie Wasser aus der Dusche über mich fließen. Dann bin ich wieder in der Ausrichtung und spüre die Wirklichkeit, die allem Lebendigen zugrunde liegt. Diese Wirklichkeit ist Gott, unverfügbar, bedingungslos und wohltuend. Es ist dann, wie wenn ein guter Freund seinen Arm um meine Schulter legt und zu mir sagt: "Lass alles los und lass zu, dass ich all Deine Sorgen und Mühen trage." Ich bin überzeugt, dass dies die Erfahrung Jesu war, die er machte, als er sich vor wichtigen Entscheidungen alleine zurückzog und sich in der Stille betend auf Gott ausrichtete.

Das klingt alles sehr einfach. Wie beten Sie, wenn ich Sie fragen darf?

"Beten ist ganz einfach, aber nicht leicht", sagte mir einmal ein Bekannter. Und das ist richtig. Beten ist eigentlich sehr einfach. Beim Beten geht es nicht um intellektuelle Einsichten oder um die Erkenntnis irgendwelcher Zusammenhänge. Beim Beten geht es eigentlich nur um Eines: sich der Wirklichkeit der Stille gegenüber zu öffnen und vertrauensvoll all das anzunehmen, was sich mir in der Stille zeigt. Alles was hierzu hilft, ist gut. Mir hilft dabei vor allem das Jesusgebet. Das Jesusgebet selbst geht auf die Bibel zurück und wird bis heute von vielen Meistern empfohlen. Auch Ignatius von Loyola greift auf diese Gebetstradition zurück und empfiehlt in seinem Exerzitienbuch eine ähnliche Weise des Betens. Wenn ich bete, dann nehme ich mir täglich 45 Minuten Zeit. Ich mache mir dann zunächst einmal bewusst, dass mir diese Zeit jetzt geschenkt ist. Dann setze ich mich nieder und nehme wahr, wie ich in diesem Augenblick da bin; ich wandere dann mit meiner Aufmerksamkeit kurz durch meinen Körper, nehme einzelne Stellen meines Körpers wahr und richte mich dann auf meinen Atem aus und nehme wahr, wie der Atem ein- und ausströmt. Wenn ich dann ruhig geworden bin, verbinde ich meinen Atem mit dem Wiederholen des Namens "Jesus Christus". Beim Ausatmen sage ich innerlich den Namen "Jesus". Beim Einatmen wiederhole ich den Namen "Christus". Kommen dann Ablenkungen, Bilder, Gedanken oder Erinnerungen, nehme ich diese kurz wahr und kehre dann wieder zurück zum Sagen des Namens. Das ist im Grunde mein Beten.

© SJ-Bilder (2): Claudia Arnold

Und was passiert dann?

Es passiert das, was "Jetzt" passieren soll. Das klingt banal, ist es aber nicht. Wenn ich das Jesusgebet längere Zeit praktiziere, werden heilende Kräfte frei. Das ist so und entspricht dem, was der Name Jesus bedeutet. Jesus heißt übersetzt "Gott rettet", "Gott heilt". Das ist kein Hokuspokus; das ist auch kein willentliches Erzwingen oder Machen von Gebetserfahrungen. Wer das meint, versteht nicht, worum es beim Beten geht. Die Wirkungen, die sich beim Beten einstellen, sind reine Geschenke. Und Geschenke sind eben Geschenke, Geschenke Dritter. Dennoch liegt viel auch an uns. Wer sein Geschenk nicht annehmen will, dem wird es Gott auch nicht aufdrängen. Das ist so mit dem Geschenk der Gegenwart Gottes. Wer jedoch bereit ist, sich auf die Gegenwart Gottes einzulassen und in dieser Haltung den Namen Jesu im Gebet ausspricht, der wird auch die heilende Wirkung erfahren, die der Name Jesu für ihn bereithält. Die erste Wirkung, die aus der Anrufung des Namens an uns ergeht, ist, dass wir aus der Zerstreuung zur Sammlung geführt werden; die Sammlung hat innere Qualitäten. Wir erfahren sie als Ruhe, Frieden, Sanftheit, Zufriedenheit u. v. m. Diese innere Sammlung ist ohne Anstrengung, sie ist leicht und erfrischend. Und doch geht es uns beim Beten letztendlich nicht nur um diese Wirkungen. Das wäre tatsächlich banal. Vielmehr geht es uns beim Beten - wenn wir so sagen dürfen - um das bzw. den, der diesen Wirkungen vorausgeht. Ich kann nur wiederholen, was der Bekannte einst zu mir gesagt hat: Dieser Weg des Betens ist ganz einfach, aber nicht leicht.      

Was raten Sie jemandem, der den Weg des "stillen Betens" beginnen will?

Das Wichtigste ist: Fangen Sie einfach an! Nehmen Sie sich 10 bis 20 Minuten Zeit. Suchen Sie sich einen Ort, wo Sie ungestört sind. Schalten Sie das Telefon aus und vermeiden Sie für diese Zeit alle Störungen. Setzen Sie sich an dem Ort nieder, wo Sie sich der Stille aussetzen wollen und nehmen Sie wahr, was jetzt ist; bewerten Sie es nicht, beurteilen Sie es nicht, kategorisieren Sie es nicht. Nehmen Sie nur wahr, was jetzt ist und wie das ist, was ist. Wenn Sie merken, dass es etwas ruhiger wird in Ihnen, dann wiederholen Sie den Namen "Jesus Christus" oder ein anderes Wort, das Ihnen wichtig ist. Wiederholen Sie es immer wieder und nehmen Sie wahr, welche Wirkung es in Ihnen hinterlässt. Halten Sie diese Wirkungen nicht fest, lassen Sie sie wieder los. Haben Sie Geduld und kehren Sie immer wieder zurück zum Sagen des Wortes. Und last but not least: Denken Sie daran, dass es beim Beten nicht auf Schnelligkeit, Leistung oder Ergebnis ankommt. Beten ist absichtslos und die Wirkungen sind Geschenke, die im Grunde unverfügbar sind.

Das Exerzitienhaus HohenEichen liegt am Elbhang bei Dresden. Es geht auf eine Stiftung von Prinzessin Maria Immaculata von Sachsen zurück, "um meiner lieben sächsischen Heimat einen Dienst zu erweisen, ... und das Heil vieler Seelen durch eine Niederlassung der Jesuiten zu bewirken". Schwerpunkt sind Exerzitien, also geistliche Übungszeiten, in denen die Teilnehmer sich der Stille aussetzen und ihr Leben vor Gott zur Sprache bringen.

Haus HohenEichen
Exerzitienhaus - Dresdner Str. 73, 01326 Dresden - Tel. 0351 26164-10
www.haus-hoheneichen.de - www.facebook.com/haus.hoheneichen

Interview: Claudia Arnold

letzte Aktualisierung am 31.08.2016