Deutsche Provinz der Jesuiten

Laudato si: Papst Franziskus nimmt Umweltzerstörung und Armut in den Blick

Wassermangel wird ein immer größeres Problem in vielen Teilen unserer Welt. Eine Dalit-Frau aus der Kaste der so genannten Unberührbaren in Manvi/Pannur (Indien) beim Wasserholen. © SJ-Bild/Christian Ender

In seiner Enzyklika "Laudato si" setzt Papst Franziskus Umweltzerstörung und Armut in Beziehung,  nimmt zukunftsentscheidende Themen in den Blick und stimmt mit Franz von Assisi den Lobgesang auf die Schöpfung an.

Entweder regnet es zu wenig oder zu viel. Die Familien im simbabwischen Chitsungo, die Baumwolle und Mais anbauen, hatten es in den letzten Jahren nicht leicht. Erst hat eine Dürre die Maisernte einbrechen lassen, dann haben Überschwemmungen die Baumwolle im Wasser versinken lassen. Die Ernte bedeutet den Jahresverdienst einer ganzen Familie.

Auf der philippinischen Insel Culion standen die Fischer vor einer schweren Entscheidung, nachdem der Taifun Haiyan vor zwei Jahren ihr Dorf am Strand zerstört hatte: "Soll das ganze Dorf in eine sicherere Gegend auf einen Hügel umgesiedelt werden? Wie können wir dann noch als Fischer leben? Gibt es andere Einkommensmöglichkeiten?"

Im indischen Bundesstaat Maharashtra bringt die von Pater Hermann Bacher eingeführte Watershed-Methode, in der Wiederaufforstung, Erosionsschutz, Landwirtschaft, Brunnenbau, Bildung und Gesundheit Hand in Hand gehen, Wüstengegenden wieder zum Blühen.

In Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam, wie in vielen anderen Großstädten Asiens, stehen an jeder Ecke Straßenverkäufer, deren Ware reißenden Absatz findet: Mundschutz-Masken, um dem Industrie-Smog und den Abgasen der vielen Motorroller wenigstens etwas entgegenzusetzen.

In der Amazonasregion ist es nach wie vor gefährlich, sich gegen Megaprojekte und industrielle Abholzung einzusetzen. Immer noch werden Flussanwohner, Kleinbauern und indigene Gemeinschaften rücksichtslos zurückgedrängt, um wirtschaftlichen Interessen Platz zu machen.

Lesenswert: Die Enzyklika
ist im Buchhandel oder
als pdf unter vatican.va
erhältlich.

Unser gemeinsames Haus

Über die Sorge für das Gemeinsame Haus, so lautet der Untertitel der Enzyklika "Laudato si", mit der sich Papst Franziskus an alle "Menschen guten Willens" wendet. Darin macht er auf die aus seiner Sicht größten Herausforderungen unserer Zeit aufmerksam: Umweltzerstörung und Armut. Er lädt zu einem Dialog darüber ein, wie wir diese Herausforderungen am besten meistern können. Was an dieser Enzyklika besonders beeindruckt: Franziskus löst diese Einladung zum Dialog selbst ein. Einmal dadurch, dass er einen transdisziplinären Ansatz wählt, die neuesten Erkenntnisse der Natur- und Sozialwissenschaften aufgreift und sie mit der biblisch-theologischen und der verantwortungsethischen Sicht verbindet. Franziskus zitiert den orthodoxen Patriarchen Bartholomäus, den protestantischen Philosophen Paul Ricoeur und den islamischen Theologen Ali al-Khawas. Zum anderen verdeutlicht die Enzyklika, dass es nie nur einen einzigen Lösungsweg gibt. Lösungen können nur im gemeinsamen Dialog gefunden werden.

Leben auf dem Müllberg in Delhi: Die drei Müllsammler verschwinden fast in den Plastikbergen. © SJ-Bild/Klaus Väthröder

Vom Menschen verursacht

Der Klimawandel, den Franziskus im Konsens mit den führenden Wissenschaftlern weltweit als vorrangig vom Menschen verursacht beschreibt, steht im Vordergrund. Es gilt als dringend geboten, politische Programme zu entwickeln, um den Ausstoß von Kohlendioxid drastisch zu reduzieren und saubere und erneuerbare Energien zu erschließen. Neben der Atmosphäre sei auch das Wasser ein öffentliches Gut, das in manchen Weltregionen illegitimer Weise privatisiert werde.

Dieselbe Wurzel

Im Vorfeld der Enzyklika wurden besonders in den USA Forderungen laut, dass eine Trennung der Armuts- von der Umweltfrage vorzunehmen sei. Erst müsse die Armut bekämpft werden, hieß es, dann erst die Naturzerstörung. Franziskus verrate die "Option für die Armen". Es ist offenkundig, dass der Papst dieses Dilemma nicht akzeptiert. Denn gerade für die reichen Länder des Nordens wäre eine Konzentration auf die Armutsfrage - wenn sie denn ernstgenommen würde - bequemer, als sich der eigenen Verantwortung für den Klimawandel zu stellen. Umweltzerstörung und Armut haben als menschengemachtes Problem dieselbe Wurzel, sie können deshalb nur gemeinsam gelöst werden.

Mit einer handschriftlichen Notiz verschickte Papst Franziskus die Enzyklika an alle Bischöfe.

Ökologisch und sozial

Markt und Technologie haben bei allen Errungenschaften, von denen wir profitieren, den Menschen und die Natur weitgehend auf Objekte reduziert. Verloren gegangen sei, so der Papst, ein Verständnis für die verschiedenen Wechselwirkungen der Natur- und Sozialsysteme. Über Umweltschutz kann man aus seiner Sicht nicht sprechen, ohne soziale Gerechtigkeit, das internationale Wirtschaftssystem, Flüchtlingsströme und Menschenrechte in den Blick zu nehmen. Globale Probleme lassen sich nur bewältigen, wenn wir die Welt wieder als Beziehungsgeflecht begreifen. Darin liegt die Grundidee einer ganzheitlichen Ökologie. Ein wirklich "ökologischer Ansatz" sei immer auch ein "sozialer Ansatz", betont der Papst. Angesichts der gewaltigen Herausforderungen fordert er handlungsfähige globale Institutionen, auch wirksame internationale Vereinbarungen. Ein weltweiter Konsens sei unerlässlich. Die ureigene Aufgabe der Religionen sieht Franziskus darin, die Menschen einen kontemplativen Blick auf die Welt zu lehren und sie erfahren zu lassen, wie alles miteinander zusammenhängt und wie das Geheimnis des Lebens in der Welt anwesend ist.

Tobias Karcher SJ
tobias.karcher(at)lassalle-haus.org

Pater Tobias Karcher SJ wurde 1961 in Weinheim bei Heidelberg geboren und trat 1989 in den Jesuitenorden ein. Seit November 2009 leitet er das Zentrum für Spiritualität, Dialog und Verantwortung Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn (Schweiz).

Dieser Text ist erschienen in der aktuellen Ausgabe des Magazins "weltweit" der Jesuitenmission.

letzte Aktualisierung am 31.08.2016