Deutsche Provinz der Jesuiten

"Mary, show me Jesus"

Mother - © SJ-Bild: Simon Lochbrunner

Jesus sehen und erkennen

Das dreifache Gespräch mit Maria, Jesus und dem Vater in den Exerzitien legt wieder die Vermutung nahe, dass Ignatius Maria als eine edle Dame in einer Art himmlischen Hofstaates sah. Historiker und Theologen sprechen aus diesem Grund im Blick auf die Exerzitien von einer "höfischen Mystik" bei Ignatius: Wie es in einem irdischen Hofstaat keinen direkten Zugang zum Herrscher gibt, sondern nur vermittelt über wichtige Personen, ministeriale Beamte, so sei der Zugang zu Gott in den Exerzitien auch nicht unmittelbar, sondern nur vermittelt durch heilige Personen, durch die Mitglieder eines himmlischen Hofstaates. Braucht der christliche Glaube jedoch eine solche Vermittlung durch Heilige oder handelt es sich dabei um eine Art Rückfall ins Heidnische? Ist uns als Christen nicht eine unmittelbare Beziehung zu Gott geschenkt durch Gottes Sohn, der alle Vermittlungen durch Heilige überflüssig macht? Ein anderer Einwand: Handelt es sich bei diesen Gesprächen, die Ignatius den Betenden vorschlägt, nicht immer nur um unsere Vorstellungen? Wie ist der Weg vom vorgestellten Bild von Maria oder Christus zu überwinden zu Maria bzw. Christus selbst? Der evangelische Historiker Gottfried Maron fragt in seinem sehr lesenswerten und gelehrten Buch über Ignatius: "Sind es nicht doch unsere Bilder, ist es nicht unsere Welt, die wir an den Himmel werfen und bevölkern - als eine echte Projektion im Sinne Feuerbachs?" Was Gottfried Maron hier als Frage aufwirft, ist für mich persönlich ein bedrängendes Problem mit dem Gebet und insbesondere mit der ignatianischen Art und Weise des Betens gewesen. Obwohl ich doch Jesuit war und bin, wusste ich oft gar nicht so richtig, was ich in den jährlichen Exerzitien tun sollte: Wenn ich zu Jesus (oder Maria) spreche, wenn ich mich in die biblischen Szenen hineinversetze, bilde ich mir dann nur etwas ein? Ist mein Beten, ist mein Sprechen mit Jesus, mit dem Vater, mit Maria nicht reine Phantasie? Folgende Überlegungen sollen bei der Klärung dieser Fragen helfen:

Unsere Liebe Frau von Montserrat (La Moreneta): Vor dieser Marienfigur der katalanischen Benediktinerabtei hielt der hl. Ignatius von Loyola 1522 Nachwache und legte seine Waffen ab. © SJ-Bild: Christian Ender

Zum einen ist für mich hilfreich, sich an die verschiedenen Funktionen von Sprache zu erinnern. Die unterschiedlichen Funktionen von Sprache, auf die etwa die Sprechakttheorie hingewiesen hat, sind auch wichtig, um das Gebet besser zu verstehen: Sprache hat nicht nur einen informativen Charakter (ich weise durch sie auf Sachverhalte und Geschehnisse hin) und einen motivierenden Charakter (ich bitte jemanden um etwas, ich appelliere an jemanden). Darüber hinaus kommt der Sprache und auch dem Gebet ein performativer Charakter zu. Das heißt: Sprache bewirkt etwas, sie schafft unter Umständen eine neue Wirklichkeit. Wenn ein Mensch einem anderen Menschen etwas verspricht (z.B. "Ich will dich lieben und ehren, bis dass der Tod uns scheidet"), dann hat sich zwischen den beiden etwas verändert, eine neue Realität ist geschaffen, auch wenn das Versprochene noch eingelöst werden muss. Vielleicht ist eines der anschaulichsten Beispiele dafür eine Eröffnungszeremonie: "Das Büffet, die Tagung, die Hungerspiele sind hiermit eröffnet." Das Gebet kann als performative, die Wirklichkeit des betenden Menschen verändernde Sprachhandlung verstanden werden. Im Gebet binde ich mich mit meiner Geschichte, die durch schöne und beglückende Erfahrungen, aber auch durch Brüche, Verwundungen, Verstrickungen und Schuld gekennzeichnet ist, an den Gott, der immer da ist: "Ich bin, der ich bin" (Ex 3,14). In der Anrufung und im Sprechen mit Gott, der verspricht, immer da zu sein, kann ich erfahren, dass meine gefährdete Geschichte und Identität von Gott gehalten ist. Ich kann mir so von Gott Identität schenken lassen; ich bin bei Gott nicht vergessen oder verloren.

Etwas Vergleichbares geschieht, wenn ich in den Exerzitien im Rahmen des dreifachen Gespräches zu Maria bete. Indem ich mich an einen Menschen wende, in dem Gottes Gnadenhandeln greifbar ist, kann etwas Ähnliches an mir geschehen: Ich fördere dadurch eine Offenheit gegenüber ähnlichen Möglichkeiten, die vielleicht verborgen in mir liegen, die aber noch nicht verwirklicht sind. Ich bete beispielsweise zu einem Oscar Romero und erkenne in ihm, dass auch ein ängstlicher und zurückhaltender Mensch mutig werden und in eine prophetische Gestalt verwandelt werden kann. Maria - bzw. andere heilige Frauen und Männer - können so zu schöpferischen Vorbildern von Heiligkeit werden, wie es Karl Rahner formuliert hat. Die Heiligen machen deutlich, dass Gottes Gnadenhandeln nicht abstrakt bleibt, sondern von Menschen mit einer unverwechselbaren Identität, in einer ganz bestimmten Zeit angenommen und verwirklicht wird. Sie zeigen, dass eine bestimmte Form zu leben und zu handeln eine echte Möglichkeit ist, dass "man auch 'so' Christ sein kann". Im Gebet zu Maria kann ich realisieren, dass auch ich die Möglichkeit habe, arm und einfach auf Gott zu vertrauen. Ich kann realisieren, dass auch ich die Möglichkeit habe, den Sohn Gottes dort, wo ich stehe und lebe, "zur Welt zu bringen". In diesem Sinne kann Maria zu einem schöpferischen Vorbild und zur "Mittlerin" der eigenen von Gott geschenkten Gnade und Heiligkeit werden.

Mondsichelmadonna in der Kirche St. Klara in Nürnberg. © SJ-Bild: Leopold Stübner

Ein zweiter Gedanke: Bleibt nicht dennoch diese verändernde Wirkung des Gebets ganz auf mich und mein Tun beschränkt? Bin nicht ich es, der sich ein Gespräch vorstellt, selbst wenn mich diese Vorstellung verändert? Hat das Gespräch mit Maria und den Heiligen wirklich einen Realitätsgehalt, der über meine Vorstellung hinausgeht? Christen und Christinnen, so meine ich, dürfen hoffen und glauben, dass die Toten bei Gott eine bleibende Gegenwart und Gültigkeit haben. Der christliche Glaube besagt nicht, dass die Toten einfach verschwinden in einen Gott, der unendlich, namenlos und unbegreiflich ist. Der christliche Glaube protestiert letztlich gegen eine solche Vorstellung von Tod und ewigem Leben. Stattdessen haben Christen eine "ungeheuerliche" Hoffnung. Wenn wir endgültig bei Gott ankommen, und Gott alles in allem ist, werden wir gerade so bestehen und vollendet, wie wir sind als Personen. Auch von den Heiligen dürfen Christen annehmen, dass sie bei Gott nicht auf eine abstrakte Art und Weise vollendet sind, die ihnen jede Individualität und Persönlichkeit nimmt. Vielmehr glauben wir, dass gerade diese besondere und individuelle Lebensgeschichte und Gestalt eines Menschen in Gottes Ewigkeit Bestand hat. Die Heiligen sind in Gott vollendet in ihrer einmaligen Weise, mit ihren Eigenarten, mit ihrer Lebensgeschichte - und zwar so, dass sie für alle Menschen in allen Zeiten eine Bedeutung haben. Das Leben der Heiligen ist in Gott gerettet und aus diesem Grund für uns bedeutsam und zugänglich. Das bedeutet: Auch wenn ich mir ein Gespräch mit Maria vorstelle, so kann ich doch darauf vertrauen, dass dieses Gespräch ein wirkliches Gegenüber hat. Ein Vergleich: Wenn ich auf dem Weg zu Freunden bin und mir vorstelle, wie unsere Begegnung sein wird, so gebrauche ich selbstverständlich meine Vorstellung. Die Beziehung zu den Freunden ist jedoch real. Ein solcher Glaube gründet darauf, dass Christus als Auferstandener in seiner Menschheit und seiner menschlichen Geschichte eine bleibende Bedeutung für unsere Beziehung zu Gott hat. Wenn wir die Evangelien lesen oder hören, dann wird damit nicht nur eine vergangene Geschichte erinnert. Vielmehr begegnen wir dem von Gott erhöhten Herrn und seiner Geschichte. Jeder Moment des Lebens Jesu ist von Gott angenommen und deshalb weiter für uns von Bedeutung. In Jesu Leben, wie es in den Evangelien erzählt wird, kommt wirklich Gott bei uns an in unserem menschlichen Leben. Sein Leben ist unsere Vermittlung zu Gott. Wenn ich mich betend und auch mit meiner Vorstellung den Evangelien zuwende, kann ich dem Leben Jesu begegnen, das bei Gott angenommen und vollendet ist.

Ein dritter Gedanke: Das Gespräch mit Maria in den Exerzitien stellt kein Moment in einer Kette von Gebeten dar, die uns den Zugang zu Gott vermitteln. Maria konkurriert für Ignatius nicht mit der Heilsmittlerschaft Christi. Wenn Ignatius die Betenden einlädt, mit Maria zu sprechen, dann hat er das biblische Gottesbild vor Augen: Gott kommt wirklich in der Geschichte seines Volkes, in der Geschichte von Menschen wie Abraham und Sara, Isaak und Rebecca, Jakob, Lea, Rahel und Mose an. Unwiderruflich ist er in der menschlichen Geschichte und Person Jesu in unserer Geschichte angekommen. Dies setzt sich über Jesus hinaus fort: Gottes Gnade bleibt vermittelt über die Geschichte von Menschen. Die Heiligenverehrung ist deshalb "der Lobpreis der Ankunft Gottes beim Menschen". Das Gespräch mit Maria in den Exerzitien bringt zum Ausdruck, dass Gottes Gegenwart und Liebe immer verbunden sind mit der Geschichte von Menschen, die er berufen hat und die sich ihm öffnen. Maria ist Mittlerin zu Gott, wie auch jeder Mensch für den anderen Menschen zum Mittler von Gottes Gegenwart werden kann. Weil Gott Mensch geworden ist, gibt es eine echte Einheit von Gottes- und Nächstenliebe. Wir begegnen Gott in unseren Nächsten.

Der Oktober ist Rosenkranz-Monat: Mit dem Gebet zu Maria wird das Leben Jesu betrachtet.

In meinen eigenen dreißigtägigen Exerzitien während der letzten Ausbildungsphase als Jesuit (dem "Tertiat") in Australien habe ich mich mit dem dreifachen Gespräch und dem Gebet zu Maria schwergetan. Mein Begleiter, Pat O'Sullivan, achtete darauf, dass ich mich an die Methodik des Exerzitienbuches hielt - der einzige Punkt, in dem er "streng" war. Er fragte mich nach dem dreifachen Gespräch. Ich musste zugeben: "Nein, ich habe das dreifache Gespräch nicht gehalten". Warum? Weil ich damit nichts anfangen konnte. Seine Antwort lautete: Bete einfach "Mary, show me Jesus" - Maria, zeig᾿ mir Jesus. Dieser Rat hat mir beim Beten geholfen. Heute denke ich: "Mehr" braucht es eigentlich nicht an Gebet zu Maria - in den Exerzitien und vielleicht auch darüber hinaus. Denn indem ich so bete, erkenne ich die einzigartige Rolle Marias in der Heilsgeschichte an: Ohne das Ja Marias wäre der Sohn nicht zur Welt gekommen. Jesus, an dem ich mein Leben ausrichten möchte, wäre gar nicht da. Maria ist als Mutter Gottes diejenige, in deren Leben Gott in besonderer Weise angekommen ist; angekommen in seinem Sohn. Deshalb kann Maria in besonderer Weise diejenige sein, die uns Jesus, den Sohn zeigt. In diesem Sinne hat Maria die Rolle eines schöpferischen Vorbildes für die Gläubigen: Sie ist nicht "Miterlöserin", sondern durch ihr Ja die Bundespartnerin Gottes, die den Gläubigen ihrerseits helfen kann, zu Bundespartnern Gottes zu werden.

Klaus Vechtel SJ

Zur persönlichen Reflexion:

  • Gibt es "heilige" Männer und Frauen, die mich faszinieren, an denen ich mein Christsein ausrichten kann?
  • Kann ich mir ein Gespräch mit für mich wichtigen Gestalten des Glaubens bzw. mit Maria vorstellen?
  • Was möchte ich dabei sagen?

Pater Klaus Vechtel SJ wurde 1963 in Dormagen (NRW) geboren. Er studierte Theologie in Bonn und Rom, wo er 1989 zum Priester geweiht wurde. 1991 trat er in die Gesellschaft Jesu ein. Seit 2007 lehrt er an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main, seit 2014 als Professor für Dogmatik.

Lesetipp: Dieser Text ist entnommen dem Buch "Maria: Gott suchen und finden" von P. Klaus Vechtel SJ, das in der Reihe „Ignatianische Impulse" im Echter-Verlag erschienen ist (ISBN 978-3-429-04404-6).

letzte Aktualisierung am 07.10.2017