Deutsche Provinz der Jesuiten

Auferstehung als Erfahrung von Liebe

"Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit." (Goethe)

Die Figur des Lieblingsjüngers Johannes ist der Prototyp eines schauenden Glaubens

Von Kirchenrektor P. Karl Kern SJ, St. Michael, München

Wir haben ihn gesehen!", "Er hat sich gezeigt!" In solchen Kurzformeln wird die Urerfahrung von Ostern umschrieben: als überwältigendes, optisch geprägtes Umschlagserleben. Durch den Auferstandenen ist alles blitzartig in ein neues Licht getaucht. Der jüdische Glaube der ersten Zeugen wird von dieser umwerfenden Erfahrung her neu gedeutet und durchsichtig: Die Verheißungen Israels laufen auf den gekreuzigten Gottesknecht zu. Sein Lebensgeschick wird zum Höhepunkt jüdischen Hoffens. Vom ihm her formiert sich das Leben der Jüngerinnen und Jünger neu. Die Botschaft vom Tod und von der Auferstehung Jesu wird zur Guten Nachricht für alle Menschen. Ohne die Erscheinungen des Auferstandenen kein Christentum, kein Glaube.

Der Lieblingsjünger

Die Evangelien sind vielstimmige Gebilde. Eine Stimme, die des Lieblingsjüngers im Johannesevangelium, schlägt, was die Auferstehungserfahrung angeht, einen ganz eigenen Ton an. Nach dem vierten Evangelium entdeckt Maria von Magdala als erste das leere Grab. Sie stürmt mit der bestürzenden Nachricht zu den Aposteln. Petrus und der Lieblingsjünger laufen schnell zur Grabhöhle. Johannes kommt als erster an. Er schaut hinein, sieht die Leinenbinden, in die der Tote gewickelt war, daneben das Schweißtuch, das auf dem Kopf lag. Da heißt es lapidar: "Er sah und glaubte (Joh 20,8)." Der Lieblingsjünger braucht gar keine Erscheinung. Er ist auf dieses schlagende Widerfahrnis nicht angewiesen. Was er sieht, die Binden und das Tuch, das genügt ihm. Ist das ein glaubhaftes und ausreichendes Zeugnis? Kann so etwas Banales Grundlage für den Glauben anderer, für eine Neu-Deutung von Welt und Kosmos sein?
Wer ist dieser Mann, dass er einen solchen Anspruch erheben kann? Dahinter müssen doch umwerfende Erfahrungen stecken. Schauen wir uns seine Gestalt näher an. Sie taucht unter der anonymen Bezeichnung "Lieblingsjünger" erst im 13. Kapitel des Evangeliums auf. Am Ende des vierten Evangeliums wird er - wohl nach seinem Tod - von seinen Schülern als Autor des Evangeliums benannt (Joh 21,24). Er steht vermutlich hinter dem namentlich nicht genannten Jünger, der als erster zusammen mit Andreas, dem Bruder des Petrus, Jesus nachgeht und von ihm angesprochen wird. Es kommt zu einer unvergesslichen Begegnung, von der man Freunden und Verwandten begeisternd erzählen muss: Wir haben den getroffen, auf den Mose und alle Propheten hingewiesen haben, den Messias Israels (vgl. Joh 1, 35-42).

Schauender Glaube

Die Figur des Lieblingsjüngers ist für das vierte Evangelium Prototyp eines schauenden Glaubens. Dieser Glaube nimmt seinen Anfang in der überwältigenden Begegnung mit einem Menschen, auf den die ganze Verheißungsgeschichte Israels zuzulaufen scheint. In den ersten 12 Kapiteln des Evangeliums lüftet dieser Geheimnisvolle sein Innerstes in Bildworten: Ich bin das Licht der Welt, Brot des Lebens, Tür zu einem neuen Leben, an dem andere teilhaben sollen und das ich als Hirt behüte. Diese Botschaft von einem, der aus der Einheit mit Gott spricht, wird von der "Welt" nicht verstanden. Das zwölfte Kapitel endet mit einer Bilanz des Unglaubens (Joh 12, 37-41). Verstanden haben es die "Seinen" und denen wendet sich Jesus ab dem 13. Kapitel zu.

Der Lieblingsjünger an der Brust Christi (Johannesminne). Bodenseegebiet, um 1310.

Herzenserkenntnis

Es beginnt nach einer feierlichen Einleitung mit dem Letzten Abendmahl. Die Jünger liegen zu Tisch, und der Lieblingsjünger hat einen herausgehobenen Platz: Er ruht an der Brust Jesu, in der gleichen intimen Beziehung, wie sie Jesus gegenüber dem Vater hat (Joh 1,18). Die Herzenserkenntnis Jesu und durch ihn die wahre Erkenntnis Gottes - das zeichnet den Lieblingsjünger aus. Die freundschaftliche Vertrautheit mit Jesus ist schon vor der Auferstehung der Quell seines schauenden Glaubens.
Nach dem Tod Jesu sieht er aus der offenen Seitenwunde Blut und Wasser heraustreten. Das ist ein winziges anatomisches Detail. Doch darin schaut er das ganze Geheimnis des Gottmenschen: Es ist Liebe, Hingabe bis zum Letzten. In der Lebenshingabe Jesu verdichtet sich das Geheimnis allen Seins: "So sehr hat Gott die Welt geliebt, das er seinen einzigen Sohn gab" (Joh 3,16) - als freie Gabe, die unter den Mächten der Finsternis zur blutigen Hingabe wird. Johannes, der Urzeuge, deutet durch "Blut" und "Wasser" an, dass nachfolgende Generationen durch das Lebenswasser der Taufe selber mit dem göttlichen Urquell verbunden und im Mahl mit dem Auferstandenen durch Brot und Wein mit dem Erlöser der Welt "in seinem Blut" eins sind.

Das Antlitz Jesu

Das Leben Jesu, zugespitzt in seiner Todeshingabe, ist für den vierten Evangelisten die grundlegende Erfahrung von Auferstehung. Außergewöhnliche Erscheinungen braucht es gar nicht. Es genügt, sich in die Herzenserkenntnis Jesu zu vertiefen. Für ihn, den Erstberufenen, ist genug, dass er im Grab das Schweißtuch sieht. Da blitzt die Erinnerung an das Antlitz Jesu auf: Dieses Angesicht hat sich ihm für immer so tief eingeprägt, dass selbst der Tod keine absolute Schranke darstellt. Aus seinem Mund kamen "Worte ewigen Lebens" (Joh, 6,68). Im Antlitz, in den Augen dieses Menschen leuchtete das Geheimnis des Ewigen auf. "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (14,9), sagt er beim Abschied den Seinen. Das ist sein Vermächtnis. Ihn zu schauen, ihn zu lieben und sein einziges Gebot zu erfüllen, nämlich zu lieben, führt in die Einheit mit Gott. Darauf zielt die ganze Sehnsucht des Rätselwesens Mensch.

Mensch für andere

Im Prozess Jesu wird für Johannes der römische Statthalter Pontius Pilatus zum Propheten. Er sagt über die gegeißelte Spottfigur mit der Dornenkrone: "Seht da, der Mensch (Joh 19,5)!" "Ecce homo!" In der Sicht des vierten Evangeliums ist Jesus der Mensch schlechthin, und er ist es als der Mensch für andere. Lassen wir uns auf diese Gesamtschau ein, dann wird die Liebe zur zentralen Erfahrung von Auferstehung. Das Antlitz des anderen Menschen so anzuschauen, dass das Geheimnis der Welt darin aufblitzt, ist Auferstehungserfahrung. Mit anderen Menschen tief verbunden zu sein, rührt an das unzerstörbare Leben Gottes. Die von Gott her empfangene Liebe an andere weiterzugeben, ist Inbegriff von Auferstehung: "Wir sind vom Tod zum Leben hinübergegangen, weil wir einander lieben." So sagt es der Erste Johannesbrief (3,14).

Universale Vision

Das johanneische Schrifttum und seine Autoren blicken nach der Jahrhundertwende auf die bisherige Briefliteratur und die drei anderen Evangelien zurück. Ihr Anspruch ist, das, was bisher über Jesus Christus gesagt wurde, zu integrieren und auf eine neue Stufe zu heben. Wenn alles Christliche in dem einen Gebot, der Liebe, zusammenläuft und es nur eine Glaubenswahrheit gibt, auf die hin sich alles zentriert, nämlich dass Jesus von Nazareth die menschgewordene Liebe Gottes ist - dann bekommt die christliche Religion eine ungeheure Weite. Sie gewinnt eine universale und mitten aus den Sehnsüchten und Nöten der Menschen geborene Grundvision: Täglich gelebte Liebe als Ort der Gotteserfahrung. Alles wahrhaft Menschliche wird in ein neues Licht getaucht, ins Licht der "Auferstehung mitten am Tage" (Marie-Luise Kaschnitz).

Unsere Zeit ist religionspluralistisch und wird es auch bleiben. Liebe als die Erfahrung von Auferstehung ist über die Zeiten, über die verfassten Religionsgrenzen hinweg etwas universal Gültiges. Selbst Religionslose dürften diesen Grundimpuls verstehen. "Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit." (Goethe) Die rituellen und institutionellen Ausdrucksformen von Religion können sehr variabel sein. Der innere Glutkern, wahre Menschlichkeit, Liebe bis zu Hingabe, überstrahlt alles. Humanes Ethos hätte dann eine untergründig-religiöse, allen gemeinsame Grundströmung. Auferstehung als Erfahrung von Liebe ist dann nicht nur der Anfang, sondern auch - innerhalb und jenseits der Geschichte - die Vollendung des Christentums.

Pater Karl Kern SJ (*1949) stammt aus Obernburg am Main in Unterfranken. 1968 trat er mit 19 Jahren in den Jesuitenorden ein und wurde 1976 zum Priester geweiht. Er hat als Hochschulseelsorger und Gymnasiallehrer gearbeitet. Ab 1996 hat er in Nürnberg die Cityseelsorge in der "Offenen Kirche St. Klara" aufgebaut. Seit Juni 2010 ist er Kirchenrektor der Jesuitenkirche St. Michael in München.

Dieser Text ist im Ostermagazin der Zeitungsgruppe "Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung" erschienen.

letzte Aktualisierung am 11.04.2017