Deutsche Provinz der Jesuiten

Sakrament des Augenblicks

Ein schoner Sommerabend vor einigen Jahren. Ich bin ein junger Student. Seit etwas mehr als einer Woche bin ich im Haus Gries, einem von Jesuiten geleiteten Exerzitienhaus in Oberfranken. Wir sind ca. 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an einem Kurs in kontemplativen Exerzitien. Tag für Tag sitzen wir in Stille auf unseren Kissen, Decken und Meditationshockern in der Kapelle und versuchen, uns mit unserem Leib und unserem Geist ganz auf Gott und Seine Gegenwart im Hier und Jetzt auszurichten. Das ist oft mühsam, denn durch das lange Sitzen zwickt es hier und da im Rücken und die Gedanken bedrängen einen am liebsten dann, wenn man es gerade geschafft hat, sie ein wenig zum Schweigen zu bringen. Innerlich richten wir uns aus, indem wir das Jesus-Gebet sprechen - eine sehr alte Gebetstradition, die bereits von den ersten Mönchen in den Wüsten Ägyptens und Syriens praktiziert wurde. Beim Einatmen beten wir still "Christus", beim Ausatmen "Jesus".

Jeder Augenblick unseres Lebens ist geheiligt.

Gerade haben wir Eucharistie gefeiert. Nun erläutert uns eine der beiden Exerzitienbegleiter, dass wir am morgigen Tag der Exerzitien den Nachmittag über gemeinsam meditieren werden und dass dabei auf dem niedrigen Tisch, der uns als Altar für die Eucharistiefeier dient, eine konsekrierte Hostie auf einer goldenen Patene liegen wird. Ich reagiere befremdet und frage mich: "Warum jetzt auf einmal eucharistische Anbetung? Das passt doch gar nicht hierher!" Eucharistische Anbetung hatte in meiner eigenen religiösen Sozialisation keine Rolle gespielt und war für mich etikettiert als eine rückwartsgewandte spirituelle Praxis. Zudem konnte ich, wenn ich mal an einer eucharistischen Anbetung teilnahm, mit den entsprechenden Gesangen oder Andachtstexten nichts anfangen.

Und nun sollten wir morgen den halben Tag lang quasi eucharistische Anbetung machen, während wir meditieren? Ich ging mit einem gewissen inneren Widerstand in diesen letzten Nachmittag der Exerzitien. Doch der Widerstand löste sich im Lauf des Nachmittags überraschend, ganz ohne mein Zutun. In diesen Stunden in der Kapelle ging mir etwas sehr Wertvolles auf. Wenn ich mich auf Gott im Hier und Jetzt ausrichte, Seinen Namen anrufe, mein Herz erhebe und zulasse, wie Er sich mir jetzt schenken will, dann bete ich Ihn bereits an. Ich schaue Ihn an und Er schaut mich an. Gott anzubeten ist gewissermaßen kein geistlicher Zusatz, der zu einem solch einfachen Beten noch irgendwie dazukommen musste. Es reicht, dass ich jetzt ganz für Ihn und mit Ihm da sein mochte, nur mit Ihm. Und ich verstand, wie trostreich es ist, Jesus in der Gestalt des eucharistischen Brotes anzubeten.

Denn in dieser zerbrechlichen Hostie, die doch die Fülle Gottes in sich barg, konnte ich mein Mühen erkennen, mich Gott zu nähern, immer anfällig für störende Gedanken und Rückenschmerzen. Der Große und Herrliche ist da im ganz Kleinen und Unscheinbaren. Auch im ganz und allzu Alltäglichen. Jean-Pierre de Caussade SJ (1675-1751) spricht vom Gnadenmittel oder Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks. Jeder Augenblick unseres Lebens ist geheiligt, weil Gott uns immer sucht, uns ansprechen, Seinen Willen zeigen will. Die Wahrnehmung dieses Geheiligtseins jedes Augenblicks treibt dazu an, den Alltag mit meinem Leben zu heiligen. Maria ist für de Caussade Vorbild eines 'anbetenden' Menschen, der die Welt im Licht Seiner Gegenwart wahrnimmt und danach lebt. Das ist nichts Großes. Vielleicht gerat es deswegen leicht aus dem Blick. Und so tut es gut, jedes Jahr von Neuem mit den Königen zur Krippe zu kommen und anzubeten.

Sebastian Maly SJ

Frater Sebastian Maly SJ ist 1976 in Frankfurt/M. geboren und hat Philosophie und Theologie in München, Jerusalem und Münster studiert. Der promovierte Philosoph war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Siegen und Referent am Cusanuswerk. 2013 ist er in der Jesuitenorden eingetreten. Er war zunächst in der Jugendarbeit am Aloisiuskolleg Bonn-Bad Godesberg tätig, derzeit ist er Kollegsseelsorger am Berliner Canisius-Kolleg.

letzte Aktualisierung am 25.11.2017