Deutsche Provinz der Jesuiten

Nur unter Spannung fliegt der Pfeil

Beim Bogenschießen erfolgt der eigentliche Schuss erst nach dem Aufbau der Rückenspannung.

Ein Plädoyer für Spannungen

Darf ich Ihnen Karl vorstellen: Permanent erreichbar, immer auf dem Sprung, viel Anspannung - wenig Entspannung. Er hat ordentlich Stress, und Konflikte sind keine Mangelware. Was ihm aber fehlt ist Entspannung. "Einfach mal wieder einen ruhigen Abend erleben", so lautet der Wunsch Nr. 1.

Ich begegne oft solchen Menschen. Im Gespräch wird schnell deutlich: Möglichkeiten zur Entspannung gibt es, sie werden nur nicht genutzt. Karl füllt freie Minuten mit Surfen im Internet oder Fernsehen, ordnet Bücher um oder bereitet andere Dinge vor. Ich frage dann immer, warum er die freien Zeiten der Entspannung nicht nutzt, und dann wird klar: Sie fördern Dinge zutage, die man lieber vermeidet: endlose Gedankenketten, fiktive Streitgespräche, Zweifel an Job, Beziehungen oder an sich selbst ...

Wie Karl suchen viele Menschen lieber den Stress im Beruf und in der Freizeit, weil sie so die Beschäftigung mit der Innenwelt vermeiden können. Doch was - vielleicht sehr verborgen - in uns arbeitet, verschwindet durch das Ausweichen nicht. Es bleibt, nur unerledigt. Spannungen lassen sich nicht einfach aussitzen. Es wäre auch naiv zu glauben, dass es ein spannungsfreies Leben gibt. Spannungen brauchen Aufmerksamkeit.

100 Millionen Volt betragen die Spitzenwerte der Spannung eines Blitzes.

Spannungen geben Identität: Es gibt Naturtalente. Menschen, die - wieso auch immer - entspannt, heiter und verbunden mit anderen durchs Leben gehen und denen es gelingt, Spannungen zu integrieren. Andere müssen dies lernen und üben. Wir Jesuiten üben dazu beispielsweise im Noviziat die fünf Prioritäten von Franz Jalics: 1. Ausreichend schlafen, 2. Auf den Körper achten (Ernährung, Bewegung), 3. Beten und in der geistlichen Ausrichtung bleiben, 4. Zeit für Mitmenschen haben, 5. Arbeiten. Dabei achten wir die Reihenfolge!

Zudem sind bei uns Jesuiten Spannungsfelder im Selbstverständnis des Ordens grundgelegt. Wir schätzen das Denken und Leben in Spannungsfeldern. Jesuiten sollen Männer des Gebets sein, denen Kontemplation und Spiritualität am wichtigsten sind. Gleichzeitig setzen wir für unsere apostolische Arbeit alle Kraft und alle Mittel ein. Wir sollen disziplinierte Männer ohne übermäßige Bindung an weltliche Werte sein und doch aktiv in der Welt engagiert. Jesuiten sollen Männer von Leidenschaft, Intelligenz, Initiative und Kreativität sein - und doch gehorsam gegenüber unseren Oberen.

Einfach - ist nicht immer gut: Wir Jesuiten leben in keinem einfachen Orden und pflegen das Miteinander so sehr wie den Individualismus. Jesuitische Spiritualität wirkt dann am besten, wenn Spannungspole lebendig und deutlich spürbar sind: Wenn unterschiedliche Meinungen zutage treten, ist das eben nicht nur Konflikt. Im Gegenteil! Im "Nebeneinander leben lassen" von Meinungen und Zielen entsteht Raum für Kreativität, lebensnahe Lösungen und Reife. Das ist sogar nützlich: Entscheidungen lassen sich selten auf ein Entweder-Oder reduzieren.

Wir brauchen Spannungen! Ich glaube, das gilt für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft, die so gerne auf Gleichmacherei und Harmonie aus ist: Wir müssen neue Lust daran finden, Spannungen von ihrer Stigmatisierung zu lösen und sie als Motor zu betrachten. Dass Menschen unterschiedlich sind, aus je anderen Perspektiven denken und leben, ist keine Gefahr, sondern eine Wachstumsvoraussetzung. Und genau deshalb wünsche ich mir für unsere Gesellschaft etwas von dieser pragmatischen, neugierigen und offenen Haltung, die uns Ignatius geschenkt hat. Papst Franziskus mutet der Kirche in einigen Fragen solche Prozesse zu.

Das auszuhalten ist nicht einfach. Aber es lohnt sich. Auch für Karl.

Johann Spermann SJ

Pater Johann Spermann SJ (*1967) stammt aus Oberbayern und ist 1990 in den Jesuitenorden eingetreten. Er hat Theologie und Philosophie in Passau, München und Frankfurt und anschließend Psychologie in Würzburg studiert. Dort leitete er ab 2001 die Katholische Hochschulgemeinde und schloss seine Ordensausbildung in Australien ab. Seit 2009 ist er Direktor des Heinrich Pesch Hauses in Ludwigshafen am Rhein und leitet das Zentrum für Ignatianische Pädagogik (ZIP).

letzte Aktualisierung am 30.09.2017